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6.2.2 Elementare Zusammenhänge

In einer pluralistischen Demokratie soll die Vielfalt der Meinungen und Interessen, der Perspektiven und Werte relativ ungehindert zum Ausdruck kommen (vgl. Kap. 3.1). Deshalb ist das Kontroversprinzip eine der drei normativen Leitplanken der Mündigkeitserziehung. Gegen diesen Grundsatz wird vermutlich in keinem Themenfeld so oft verstoßen wie beim Thema Wirtschaft. Der Mainstream in der Wirtschaftswissenschaft prägt die Lehrpläne von Schulen und Hochschulen in einem Ausmaß, das aufgrund der existierenden wissenschaftlichen und politischen Kontroversen um unsere Art des Wirtschaftens in keiner Weise gerechtfertigt ist. Dieser Mainstream beruft sich auf die Tradition des Wirtschaftsliberalismus. Auch die Lehre des bekannten englischen Wirtschaftstheoretikers von John Maynard Keynes (1883–1946) ist in ihren wirtschaftstheoretischen Grundannahmen vom Liberalismus geprägt, wenn auch die praktischen Folgerungen daraus in eine andere Richtung gehen. Was den wissenschaftlichen Hintergrund der Behandlung wirtschaftlicher Themen in Medien, Schulen und Hochschulen betrifft, so kann mit Fug und Recht von einem Paradigma gesprochen werden: einer herrschenden Lehre, die sich über Generationen verfestigt und gegen Kritik immunisiert hat [1].

Wer sich dieser Engführung nicht unterwirft und sich einen Überblick über die Gesamtheit der existierenden Theorieansätze in den Wirtschaftswissenschaften verschafft, stößt auf mindestens drei Gruppen von Ansätzen, die sich in den theoretischen Ausgangsannahmen und den praktischen Zielperspektiven gleichermaßen deutlich unterscheiden[2]. Der dominierende liberalistische Ansatz mit seinen neo-, ordoliberalen oder keynesianischen Varianten ist im Kern der individualistische Ansatz, den Adam Smith (1723–1790) in seiner „Untersuchung über die Ursachen des Wohlstands der Nationen“ von 1776 entwickelt hatte. Sein Ausgangspunkt ist das isolierte Individuum, das in seinem Inneren Vorstellungen davon hat, welche Güter ihm am meisten Nutzen stiften. Wenn diese Güter knapp sind, geraten die Individuen in Konkurrenz zueinander. Daraus ergibt sich ein Marktpreis, über den die konkurrierenden Ansprüche koordiniert werden. Dem Marktmodell entspricht eine utilitaristische Ethik, nach der jene Verhaltensweisen und Ordnungen erstrebenswert sind, die ein Nutzenmaximum aller Beteiligten garantieren. In der Wirtschaftspraxis kommt es dementsprechend darauf an, die Freiheit des Individuums über alle anderen Werte zu stellen und sich auf die Klugheit der unsichtbaren Hand zu verlassen. Die sichtbare Hand des Staates soll nur den Rahmen für das Wirken dieser unsichtbaren Hand bereitstellen.

Gegen diesen methodologischen Individualismus wurden im 19. Jahrhundert zwei alternative Paradigmen ins Feld geführt, die gemeinsam haben, dass sie einer kollektivistischen Methodologie folgen: einmal die Historische Schule der Nationalökonomie, deren Gründer Gustav Schmoller als „Kathedersozialist“ bezeichnet wurde, zum andern der Historische Materialismus, also die Marx'sche Kritik der Politischen Ökonomie. Gemeinsam ist beiden, dass sie den Anspruch des Liberalismus energisch zurückweisen, die Marktwirtschaft sei die einzige Ordnung der Wirtschaft, die der Natur des Menschen entspreche. Die Historische Schule und der Historische Materialismus begreifen die Marktwirtschaft lediglich als eine in der Geschichte unter bestimmten Bedingungen entstandene und auch vorübergehende Form des Wirtschaftens.

Diese Erkenntnis wird zwingend, sobald man nicht vom Individuum, sondern von dessen Beziehungen ausgeht, einmal von seinen Beziehungen zu anderen Menschen, zum andern zur Natur. Den ersten Ausgangspunkt wählt die Historische Schule. Sie setzt an die Stelle des Axioms der individuellen Nutzenmaximierung das Axiom der Gemeinschaftsbildung, untersucht die historische Entwicklung der Institutionen, der Sitten und psychischen Haltungen im Zusammenleben der menschlichen Gemeinschaften und entwickelt eine Ethik des gerechten Wirtschaftens. Den zweiten Ausgangspunkt wählt der Historische Materialismus. Er setzt an die Stelle des Axioms der individuellen Nutzenmaximierung das Axiom der materiellen Reproduktion des Lebens, untersucht die historische Entwicklung des Verhältnisses zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen und kommt – angesichts der Diagnose des sich verschärfenden Widerspruchs zwischen beiden – zu der Überzeugung, dass kapitalistische Marktwirtschaften ab einem bestimmten Punkt an sich selbst zugrunde gehen und die dann unausweilchliche Revolution durch die Solidarität der Arbeiterklasse nur abgekürzt werden kann.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt es also mindestens zwei grundsätzliche Alternativen zum Liberalismus: eine historisch-psychologische und eine historisch-materialistische. Im 20. und 21. Jahrhundert finden sich die paradigmatischen Grundstrukturen der Historischen Schule in institutionalistischen, wirtschaftssoziologischen und wirtschaftsethischen Ansätzen, die des Historischen Materialismus in systemtheoretischen, ökologischen und evolutionären Ansätzen.12 Im Gegensatz zum liberalistischen Ansatz betrachten diese alternativen Ansätze die Wirtschaft nicht als isolierten Bereich der Gesellschaft, sondern betten das Verhalten der Individuen von Vornherein in jene Verhältnisse ein, in denen sie leben. Die Annahme, dass Nutzenvorstellungen und Knappheiten quasi von außen auf die Märkte wirken, also nicht durch die Märkte selbst erst erzeugt werden, ist aus einer nicht individualistischen, also kollektivistischen und historischen Perspektive abwegig. Und was die praktischen Konsequenzen betrifft, so zielen diese zum Liberalismus alternativen Konzepte nicht primär auf individuelle Nutzenmaximierung als regulative Idee. Ihr Ziel ist vielmehr der Erhalt und die Mehrung dessen, was das Gemeinwesen zu jedem Zeitpunkt immer schon vorfinden muss, um überhaupt wirtschaften zu können: ein ausreichendes Maß an sozialer Gerechtigkeit und an natürlicher Fruchtbarkeit der Grundlagen des Lebens.

In diesem Zusammenhang muss noch einmal klar die normative Seite der Abgrenzung zwischen demokratischem Staat und marktförmiger Wirtschaft betont werden: die konträren Legitimationsgrundlagen im Hinblick auf den Grad des Einflusses, den das Individuum auf den Koordinationsprozess hat. Was oben über den unterschiedlichen Zugang zur Demokratie und zum Markt festgestellt wurde, findet hier seine Fortsetzung: In demokratischen Rechtsstaaten, in denen die Bürger durch Wahlen und Abstimmungen herrschen, hat im Prinzip jeder Bürger denselben Zugang zur Definition der Spielregeln. Der eherne Grundsatz lautet:

„One man, one vote – ein Mensch, eine Stimme“. Ganz im Gegensatz zur kapitalistischen Marktwirtschaft, wo der Grundsatz gilt: „Wer zahlt, schafft an.“ Denn über je mehr Kaufkraft ein Marktteilnehmer verfügt, desto besser kann er nicht nur seine Konsumbedürfnisse befriedigen, sondern umso mehr Einfluss hat er auf die Produktion von Gütern. Und je mehr ein Marktteilnehmer sparen kann, desto eher hat er die Möglichkeit, auf Investitionsund damit Produktentwicklungsentscheidungen direkt Einfluss zu nehmen. Die Euroscheine gelten der herrschenden Markttheorie zufolge als Stimmzettel des Marktes, die – im Gegensatz zu den Wahlzetteln in der Demokratie – eben ungleich verteilt sind.

  • [1] Grundlegend zum liberalistischen Paradigma in den Wirtschaftswissenschaften und dem ihm zugrunde liegenden Methodologischen Individualismus vgl. Reheis 1986
  • [2] Im Folgenden Reheis 1991. Dazu z. B. auch Hedtke 2008
 
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