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6.1.6 Kritische didaktische Akzente IV: Überhöhung der Ungleichheit

Im absoluten Gegensatz zum Bemühen um die Überwindung der Sozialen Ungleichheit steht das Bemühen um ihre Überhöhung[1]. Eine solche Überhöhung findet statt, wenn Soziale Ungleichheit nicht nur als wünschbar, sondern sogar als Wesensnatur des Menschen ausgegeben wird. Wo der Mensch als seinem Wesen nach sozial ungleich betrachtet und behandelt wird, wird das normative Leitbild der Aufklärung, die gleiche Würde jedes Menschen, aufgegeben. Dies ist das zentrale Kennzeichen aller rechten Einstellungen, unabhängig davon, ob sie sich als gemäßigter Rechtspopulismus, als deutlicher Rechtsradikalismus oder als fanatischer Rechtsextremismus ausgeprägt haben.

Im Kern handelt es sich dabei um Rassismus, wenn man diesen in einem weiten Sinn definiert. Je nach der Begründung, die Rassisten für die soziale Ungleichheit als Grundlage für die Ungleichwertigkeit geben, können drei Varianten von Rassismus unterscheiden werden: Der biologische Rassismus beruft sich auf die Natur, der nationalistische Rassismus auf die meist national definierte Kultur, der Nützlichkeitsrassismus auf die Wirtschaft. Letzterer ist die modernste und in der Mitte der Gesellschaft am meisten vertretene Form der systematischen Negierung der Menschenwürde. Der Nützlichkeitsrassismus unterscheidet sich vom biologischen und kulturell-nationalistischen dadurch, dass er auch innerhalb ethnisch homogener Kollektive Wertunterschiede zwischen den Menschen macht. Es bleibt aber die Tatsache, dass die Unterscheidung der Werthaftigkeit der Menschen in Abhängigkeit von ihrer wirtschaftlichen Nützlichkeit ein Angriff auf die gleiche Würde aller Menschen ist. Für das Opfer einer solchen Unterscheidung spielt es keine Rolle, ob es wegen seiner Hautfarbe, seiner Sprache oder seiner ökonomischen Nützlichkeit diskriminiert wird, es sei denn, es hätte die reale Möglichkeit, den Grund der Diskriminierung zu überwinden. Politiker, die die Frage nach der Gleichbehandlung von Menschen, etwa in der Einwanderungspolitik, vom möglichem Beitrag der Einwanderer zum nationalen Sozialprodukt abhängig machen, müssen sich fragen lassen, wie weit sie sich bereits auf einen solchen Nützlichkeitsrassismus eingelassen haben.

Rassistische Haltungen haben immer zwei Konsequenzen: Sie fokussieren erstens die Unterschiede zwischen den Mitgliedern und den Nicht-Mitglieder der eigenen Rasse und sie blenden die Unterschiede zwischen den Individuen der eigenen Rasse aus. Die erste Konsequenz führt zur systematischen Ausgrenzung und verstößt somit gegen die Leitidee der Völkerverständigung, die zweite führt zur systematischen Gleichschaltung und verstößt so gegen die Leitidee der Persönlichkeitsentfaltung. Damit verletzen rassistische Ideologien mit der Leitidee der Menschenwürde auch grundlegende Menschenrechte, insbesondere das Menschenrecht auf Bildung, wie es in Artikel 26 der Menschrechtscharta der UN verankert ist (vgl. Kap. 3.1). Die Praxis der Kombination von kollektiver Ausgrenzung und individueller Gleichschaltung kann unterschiedliche Intensitätsgrade annehmen: von der systematischen rechtlichen Ungleichbehandlung von Mitgliedern der als minderwertig definierten Kollektive bis zu deren physischer Vernichtung, von der systematischen Beschränkung der individuellen Freiheitsrechte innerhalb des eigenen als höherwertig definierten Kollektivs bis hin zu dessen systematischer Formierung und Gleichschaltung. Eine weitere Konsequenz der Überhöhung der Sozialen Ungleichheit betrifft die Vorstellungen von der legitimen politischen Herrschaftsform: Wenn Menschen in ihrem Wert ungleich sind, ist es konsequent, dass die Wertvolleren über die weniger Wertvollen herrschen, dass also die Demokratie durch eine näher zu bestimmende autokratische Herrschaftsform (Herrschaft der Wirtschaftsexperten, des Militärs, der revolutionären Bewegung, des Führers o. ä.) ersetzt werden muss. Die Geschichte zeigt, dass es vor allem Mitglieder abstiegsbedrohter Wirtschaftseliten und abstiegsbedrohte Angehörige des Mittelstands sind, die sich in Krisensituationen zu rassistischen und autokratischen Denkund Verhaltsmustern flüchten und eine entsprechende Politik zu tragen bereit sind oder sogar erzwingen (zum Zusammenhang mit Frieden und Umwelt vgl. Kap. 6.4)[2].

Nach verschiedenen empirischen Untersuchungen[3] muss damit gerechnet werden, dass in Deutschland 10 bis 30 % der Bevölkerung Einstellungen zeigen, die mit der Leitidee der Menschenwürde und der Herrschaftsform der Demokratie mehr oder weniger unvereinbar sind. Für die Politische Bildung bedeutet dies jedoch nicht nur, diesen Menschen mit einer offensiven Verteidigung von Menschenwürde und Demokratie entgegenzutreten. Vielmehr dürfte mindestens so wichtig sein, den Zusammenhang zwischen der Entstehung solcher Haltungen und den sozialen Erfahrungen, die Menschen in der Familie, der Schule, im Betrieb und auf den diversen Märkten machen, ernst zu nehmen. Je mehr der Alltag durch mangelnde soziale Anerkennung und Angst vor persönlicher Ausgrenzung geprägt ist, desto fruchtbarer ist der Nährboden für eine solche Überhöhung der Sozialen Ungleichheit.

  • [1] Im Folgenden z. B. Gloel/Gützlaff 2005
  • [2] Z. B. Kühnl 1978
  • [3] V. a. Sinus-Institut Heidelberg, Forschungsgruppe zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit am Institut für interdisziplinäre Konfliktund Gewaltforschung Bielefeld und Forschungsgruppe um Elmar Brähler und Oliver Decker an der Universität Leipzig
 
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