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6.1.4 Kritische didaktische Akzente II: Rechtfertigungen der Ungleichheit

Nach solchen kognitiven Lockerungsübungen dürfte es den Lernenden schließlich auch leichter fallen, unbefangen darüber zu reden, was Reichtum und Armut im Alltag konkret bedeuten und auch die eigene Lebenswelt dabei nicht auszuklammern. Dies wäre die Grundlage für einen zweiten didaktischen Schwerpunkt. Er könnte auf die Frage nach Beurteilungsmaßstäben für Soziale Gleichheit bzw. Ungleichheit zielen. Da moralische Fragen meist auf spontanes Interesse stoßen, reichen hier wenige Informationen, um die Lernenden zum selbständigen Urteilen zu motivieren. Es gibt in der Moderne im Wesentlichen zwei Gerechtigkeitsbegriffe: die Bedarfsgerechtigkeit und die Leistungsgerechtigkeit. Die Rechtfertigung von Zigtausenden oder gar Hunderttausenden Euro Stundeneinkommen über das Argument der Bedarfsgerechtigkeit ist offensichtlich absurd. Bei der Rechtfertigung über Leistung muss genauer unterschieden werden, was Leistung ist. Misst man sie an der Anstrengung oder am Ergebnis einer Aktivität? Das Kriterium der Anstrengung ist wenig glaubwürdig: Putzfrauen strengen sich mehr an als Milliardärssöhne. Das Kriterium des Ergebnisses muss näher geprüft werden. Wenn der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank Josef Ackermann vor einigen Jahren ankündigte, zur Renditesteigerung auf 25 % weitere 6000 Arbeitnehmer entlassen zu müssen und durch diese Ankündigung der Aktienkurs stieg, hat er sich noch nicht wirklich angestrengt. Und wenn er es nach harten Auseinandersetzungen mit Betriebsräten, Gewerkschaftlern und Politikern schließlich geschafft hat? Dann kann diese Anstrengung nur von einem kleinen Teil der Betroffenen, den Aktionären nämlich, als Leistung im positiven Sinn gewertet werden. Für die Mehrzahl der Betroffenen ist sie verheerend, weil sie Angst und Schrecken verbreitet. Gern wird bei der Diskussion über Leistung im Bezug auf das Ergebnis auch auf die besondere Last der Verantwortung bei den Leistungsträgern verwiesen. Natürlich ist auch dieses Argument interessenabhängig: Der Chef der Deutschen Bank kann sich über die faktische Verteilung von Verantwortung in seinem Betrieb freuen, die Kassiererin nicht. Und meistens leiden die Verantwortungsträger weniger an ihrer Verantwortung, als dass sie sie genießen. Sie geben ihre Macht über andere auch selten freiwillig ab, wohingegen diese anderen in der Regel gerne selbst die Macht über ihr Leben hätten und mitunter auch gerne Verantwortung für andere übernehmen würden.

Bei einer kritischen Betrachtung der Begrenztheit des Leistungsarguments zeigt sich: Es handelt sich eher um eine ideologische Waffe als um ein nachvollziehbares Argument. Vielleicht konnte man die Leistung der mittelalterlichen Stadtbäcker tatsächlich noch an der Zahl der Brötchen ablesen. Wenn der eine Bäcker am Tag 200, der andere 500 Brötchen schaffte, war alles klar. Was aber, wenn es weiße und dunkle Brötchen, Brezen und Hörnchen gibt? Wenn der eine Bäcker alt und krank, der andere jung und gesund ist? Wenn der eine mit der Hand arbeitet, der andere eine Maschine einsetzt? Wenn der eine seinen Stadtteil allein versorgt, der andere einen Großmarkt vor die Nase gesetzt bekommt? Und wie bitte soll die Leistung eines Bäckers mit der eines Getreidehändlers, Arztes, Wachmanns, Versicherungsvertreters und Finanzmarkt-Analysten verglichen werden? Solche Vergleiche unterschiedlicher Tätigkeiten erfordern immer einen Maßstab, also irgendwelche Gemeinsamkeiten. Über diese muss man sich aber erst verständigen. Ist das Gemeinsame die aufgewendete Zeit? Oder der erbrachte Nutzen? Für wen? Kurz-, mitteloder langfristig? Grundsätzlich gilt:Leistungsvergleiche sind nur dann problemlos durchzuführen, wenn die Vergleichspersonen dieselbe Art von Leistung erbringen, wenn sie mit denselben körperlichen, psychischen, sozialen und technischen Voraussetzungen an den Start gehen, wenn die Leistung quantifizierund messbar ist und wenn sie klar auf einen einzelnen Urheber zurückzuführen ist. All dies gibt es nur in der Idealwelt der Lehrbücher der Ökonomie. In der Realwelt findet man solche Verhältnisse immer seltener, weil die Fortentwicklung von Arbeitsteilung und Technisierung ein gigantisches Netz von wechselseitigen Abhängigkeiten erzeugt – das sich dem simplen Vergleich von Einzelleistungen immer mehr entzieht.

Das eigentliche Problem der Rechtfertigung von Reichtum durch Leistung ist aus einer kritischen Sicht auf unsere Gesellschaft, dass sie die wesentliche Frage verschweigt: Wer legt in unserer Gesellschaft eigentlich fest, dass die Leistung eines Vorstandsvorsitzenden, eines Rennfahrers oder eines Milliardärssohns höher einzustufen ist als die der Krankenschwester in einer Kinderklinik oder die des Fahrers eines Schulbusses? Wer legt fest, dass das Handeln mit Immobilien oder Wertpapieren eine wertvollere Leistung ist als die Sorge für Menschen? Und wer legt schließlich fest, dass bei der Belohnung der jeweiligen Verantwortung das Größenverhältnis 2000 zu 1, 200 zu 1 oder 20 zu 1 betragen muss? Die Antwort müsste lauten: Über Spitzenleistungen urteilen natürlich diejenigen, die bisher schon zur Leistungsspitze zählen. Ihre Festlegungen sind im Kern Verteidigungsmaßnahmen gegen Umverteilungsansprüche. Wer diesen Zusammenhang unterschlägt, der versucht in seine Rechtfertigungsstrategie den Klassenstandpunkt einzuschmuggeln. Übrigens genauso wie auf der anderen Seite des Spektrums beim Versuch, Armut auf mangelnde Leistung zurückzuführen.

 
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