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6.1.2 Elementare Zusammenhänge

Eine Sachanalyse zum Themenfeld „Gesellschaft und Ungleichheit“ sollte sich über diese definitorischen Vorklärungen hinaus zwei elementare Zusammenhänge bewusst machen. Erstens sind vertikale und horizontale Ungleichheiten teilweise voneinander unabhängig. Auch wer nämlich vertikal relativ gut mit erstrebenswerten Gütern ausgestattet ist und sich deshalb zur Oberschicht zählen darf, ist in vielerlei Hinsicht von der Ungleichheit der Lebensbereiche abhängig: Wenn jemand sein Kind in eine öffentliche Schule schickt, in der den Kindern in zu großen Klassen von mittelmäßig ausgebildeten Lehrern schon früh der Spaß am Lernen ausgetrieben wird, wenn er selbst am Wochenende in einem lebensbedrohlichen Zustand ins Krankenhaus eingeliefert wird und auf einen völlig überarbeiteten Arzt trifft oder wenn jemand durch einen auf fehlende Schutzvorkehrungen zurückgehenden Störfall in einer großtechnischen Anlage geschädigt wird, dann hilft ihm seine gute Einkommenslage und Bildung wenig – er wird unweigerlich zum Opfer einer qualitativ und quantitativ schlechten Ressourcenausstattung. Allerdings kann sich ein Wohlhabender leichter gegen solche Risiken schützen: indem er sein Kind in eine reformpädagogische Privatschule steckt, sich in die Hände eines befreundeten Arztes begibt und seinen Wohnsitz außerhalb industrieller Gefahrenzonen nimmt. Zweitens: Was die Folgen der Sozialen Ungleichheit für Individuum und Gemeinwesen betrifft, so wird man in der öffentlichen und auch wissenschaftlichen Diskussion gemeinhin mit zwei konträren Argumentationssträngen konfrontiert: Einerseits stelle ein gewisses Maß an Sozialer Ungleichheit einen Anreiz dar sich anzustrengen. Die Existenz einer Oberschicht, in die man im Prinzip aufsteigen kann, und einer Unterschicht, in die man im Prinzip absinken kann, wirke wie Zuckerbrot und Peitsche der Leistungsgesellschaft, sei also positiv zu bewerten. Auf der anderen Seite stehen die weitreichenden individuellen und gesellschaftlich-politischen Folgen der Sozialen Ungleichheit: Für das Individuum bedeutet Soziale Ungleichheit vielfach die Beeinträchtigung der Lebensqualität und der Gesundheit, sowohl bei Privilegierten, die sich selbst oft zuviel abverlangen, wie bei den Unterprivilegierten, denen oft die Kontrolle über ihr Leben entgleitet[1]. Für das Gemeinwesen wirkt Soziale Ungleichheit als eindeutiger Störfaktor für Demoratie und Rechtsstaat, weil die ungleichen sozialen Voraussetzungen sich in aller Regel als Ungleichheit im Einfluss auf die demokratische Willensbildung bei der Gesetzgebung und der Rechtsprechung fortsetzen. Aristoteles, Rousseau und viele andere waren sich darüber einig, dass Gemeinwesen nur gedeihen können, wenn es keine zu großen Unterschiede zwischen Reich und Arm gibt. Niemand darf so arm sein, dass er versucht ist, seinen Willen als Mitglied des Gemeinwesens zu verkaufen, und niemand so reich sein, dass er Stimmen kaufen kann. Hier geht es um den aufklärerischen Kern unseres Gemeinwesens, weil von der Frage der Willensfreiheit der Weg direkt zur Autonomie und Würde des Menschen führt, die auf dem Spiel steht, wenn die Soziale Ungleichheit ein gewisses Maß überschreitet.

  • [1] Richard Wilkinson und Kate Pickett (2009) haben in zahlreichen empirischen Vergleichsuntersuchungen die Folgen Sozialer Ungleichheit nachgewiesen: Je höher die Soziale Ungleichheit, desto schlechter der Gesundheitszustand, vor allem der psychische, desto weniger soziales Vertrauen, desto niedriger die Lebenserwartung, desto größer die Tendenz zur Abwertung der Schwachen und damit die Entstehung rechtsradikaler Einstellungen. Verantwortlich dafür machen Wilkinson und Pickett den sozialen Stress, der mit ständiger Status-Konkurrenz einhergeh
 
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