Desktop-Version

Start arrow Politikwissenschaft arrow Politische Bildung

< Zurück   INHALT   Weiter >

5.3.9 Die Aktionsorientierung

Vor allem im Zusammenhang mit zivilgesellschaftlichem Engagement (vgl. Kap. 4.1), teilweise auch in der außerschulischen Bildungsarbeit werden mitunter Wege beschritten, bei denen die Politische Bildung verdeckt oder auch als Nebenprodukt stattfindet: die Aktionsorientierung. Auch hier spielt das Didaktische eine Rolle, wenn sie auch oft nur untergeordnet sein mag. Mit solchen Formen der Politischen Bildung wird in letzter Zeit vor allem deshalb experimentiert, weil die etablierten Formen offenbar immer nur bestimmte Adressaten erreicht, in anderen Milieus (Spontis, Künstler aber auch Bildungsferne) oft wenig Resonanz findet. Der Reiz solcher Aktionen besteht nicht zuletzt im Erleben der eigenen Kreativität, in der Erfahrung der Wirksamkeit gezielter Irritationsstrategien bei Adressaten und Zuschauern der Aktionen und im Spiel mit kontrollierten legalen und illegalen Grenzverletzungen. Solche Aktionen sind im Übergangsbereich zwischen politischer Bildungsarbeit und realer politischer Einflussnahme anzusiedeln.

Der Bildungsaspekt steht bei jenen Aktionen im Vordergrund, denen es vor allem um die symbolischen Gehalte der Aktionen geht[1]. Weil diese Aktionen klare Gegner haben, aber die offene Konfrontation mit ihnen meiden wollen, wird bisweilen auch von Guerilla-Taktik gesprochen. Aus der Erfahrung heraus, dass traditionelle Protestformen sich abgenutzt haben und längst in das „System“ integriert sind, sollen diese subversiven Aktionen vor allem zwei Ziele erreichen: Aufmerksamkeit erzeugen und das Bewusstsein auf bestimmte Inhalte lenken. Insofern geht es den Akteuren im Kern um die Verfremdung der herrschenden Formen der Kommunikation. Eine der ältesten Formen solcher bildungsorientierter Aktionen ist das „Unsichtbare Theater“, das von kommunistischen Theatergruppen im Widerstand gegen den Faschismus in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde und in den 60er Jahren durch Augusto Boal für den Kampf gegen die brasilianische Militärdiktatur genutzt wurde[2]. Dabei werden die Theaterszenen nicht auf einer Bühne aufgeführt, sondern ohne Wissen der Zuschauer an öffentlichen Orten. Die Zuschauer erleben das Spiel zunächst als normale Alltagssituation, werden aber unweigerlich in die Handlung mit einbezogen, so dass Darsteller und Publikum auf derselben „Bühne“ agieren. Themen können sowohl die Machenschaften von Regierungen oder Konzernen, aber auch die Gleichgültigkeit der Bürger sein. Ein anderes Beispiel für die Arbeit mit Verfremdungseffekten sind Zeitungsanzeigen, die von der Form her den Gegner imitieren, vom Inhalt her aber Klartext sprechen (Subvertising als Form der Kommunikationsguerilla). Oder der in einigen Großstädten bereits praktizierte heimliche Gemüseanbau auf öffentlichem Grund (guerilla gardening), der als Nebeneffekt auf die Möglichkeit der Begrünung von Innenstädten und die wohnortnahe Lebensmittelproduktion hinweisen soll. Vor allem in Österreich gibt es viele Künstler und Initiativen, die durch Happenings und Street Art politische Aufklärung betreiben[3].

Politische Aktionen, die ebenfalls einen bildenden Zweck verfolgen, jedoch primär realen Einfluss über symbolische Wirkungen erzielen wollen, werden unter den Begriffen „Ziviler Protest“ oder auch „Ziviler Ungehorsam“ zusammengefasst. Gemeinsam ist diesen Aktionsformen, dass die Akteure sich selbst moralisch und politisch zum Widerstand ermächtigt und verpflichtet sehen. Dieser Widerstand wird aber nur als Symbol und Signal verstanden, weil er nicht auf eine reale Konfrontation mit dem Gegner abzielt. Gliedert man die Protestformen nach dem Grad der Grenzüberschreitung, so können appellative (z. B. Unterschriftensammlung), demonstrative (z. B. Mahnwachen), konfrontative (z. B. Blockaden) und gewaltförmige (z. B. Brandstiftung) Protestaktionen unterschieden werden [4]. Es darf vermutet werden, dass solche Aktionen einerseits die Motivation zu einer intellektuellen Auseinandersetzung mit den jeweiligen Themen – sowohl bei den Akteuren selbst wie auch bei den Zuschauern – enorm steigern können. Es wäre aber genauer zu untersuchen, wie die Beteiligten langfristig die Erfolge oder Misserfolge solcher Aktionen verarbeiten.

5.3.10 FAZIT

Wo meist nicht echte Erfahrungen und nicht echte Gefühle, sondern arrangierte, oft medial vermittelte fiktive Begegnungen mit der Welt den Ausgangspunkt bilden, beginnt das Feld der Didaktik. Zu den beiden Polen Subjekt und Welt kommt als dritter Pol derjenige hinzu, der den Lehr-Lern-Prozess anleitet. Die Politikdidaktik hat eine Reihe von didaktischen Prinzipien entwickelt, die bei der Planung von Bildungsprojekten hilfreich sein können. Sie akzentuieren jeweils bestimmte Aspekte auf der Subjektoder Objektseite des Erschließungsprozesses und lassen andere in den Hintergrund treten. Zum Teil engen Thema, Alter, Motivation der Adressaten und der raumzeitliche Rahmen die didaktischen Entscheidungen für ein Prinzip ein. Deshalb werden in der Praxis meist mehrere Prinzipien miteinander kombiniert. Den Prinzipien können jeweils Methoden zugeordnet werden, die die Umsetzung des Prinzips erleichtern oder gar erst ermöglichen. Wichtig ist, dass auch innerhalb solcher Lehr-Lern-Prozesse, die nicht von authentischen Erfahrungen ausgehen, die Lernenden die Möglichkeit erhalten, während des gesamten Lernprozesses auch emotional beteiligt zu sein. Wenn das große Ziel der politischen Mündigkeit ernst genommen werden soll, sollte innerhalb dieses Rahmens den Sich-Bildenden Gelegenheit gegeben werden, bei der Auswahl der Prinzipien und Methoden wie überhaupt bei der gesamten Gestaltung des Bildungsgeschehens aktiv mitzuwirken. Das erfordert, dass Lehrende und Lernende den Prozess beständig reflektieren.

  • [1] Im Folgenden z. B. Teune 2008
  • [2] Boal/Spinu 1996
  • [3] Z. B. der Philosoph und Künstler Günther Friesinger
  • [4] Hutter/Teune 2012.
 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics