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5.3.8 Die Zukunftsorientierung

Spätestens seit Hiroshima und Nagasaki ist klar, dass die Menschheit sich zum ersten Mal in der Geschichte selbst auslöschen kann. Die Warnungen vor den

„Grenzen des Wachstums“ im Bericht an den Club of Rome 1972 haben diese Perspektive nochmals bestätigt. Die aktuelle Diskussion über Gentechnik und Klimawandel und andere bereits in der Gegenwart spürbaren zukünftigen Gefahren mit teils apokalyptischen Ausmaßen rücken das Thema Zukunft ins Zentrum der Politischen Bildung. Dabei geht es um die Erkenntnis, dass Zukunft heute nicht mehr als Fortschreibung der Gegenwart angesehen werden kann, sondern als etwas, das extra gestaltet werden muss. Aber wie lässt sich die Gestaltung von Zukunft mit den Grundsätzen einer pluralistischen Demokratie vereinbaren? Wird durch Zukunftsentwürfe nicht immer auch die Freiheit jener Zeitgenossen verletzt, die diese Entwürfe nicht teilen, und erst recht die Freiheit zukünftiger Generationen, ihre eigenen Entwürfe machen zu können?

Das didaktische Prinzip der Zukunftsorientierung möchte eine Antwort auf diese Herausforderung anbieten. Erstens müssen sich Theoretiker und Praktiker der Politischen Bildung diese neue historische Situation grundsätzlich bewusst machen. Zweitens geht es darum, die mit ihr einher gehenden speziellen Herausforderungen für die Politische Bildung zu erkennen und nach konkreten Kompetenzen, die in Hinblick auf diese Herausforderungen erworben werden müssen, zu fragen. Dazu gehört z. B. die Notwendigkeit der Ausweitung des Zeithorizonts als Folge der Beschleunigung der Geschichte und der immer tieferen Eingriffe in die Zukunft. Eine andere Zukunftsherausforderung ist ein angemessener Umgang mit Komplexität, mit Unsicherheiten und mit Ambivalenzen, die sich einstellen, sobald man sich auf Zukunftsfragen einlässt. Und hierher gehört schließlich die für die aktive Gestaltung der Zukunft notwendig werdende soziale Phantasie. Denn wie sollen wir von dem dominierenden Konzept für Fortschritt, vom „Schneller, Weiter, Höher“ wegkommen, wenn wir nichts anderes kennen? Ein zukunftsfähiges Fortschrittskonzept ist nicht nur eine Frage der Entwicklung von technischen Apparaturen, technologischen Strukturen und ethischen Haltungen. Vielmehr muss die Politische Bildung ins Zentrum unseres Verständnisses vom Wesen des Menschen und von der Menschenwürdigkeit des Gemeinwesens vorstoßen[1].

In Bezug auf die methodischen Umsetzungsmöglichkeiten des Prinzips der Zukunftsorientierung werden z. B. von Peter Weinbrenner zwei Ansätze besonders vorgeschlagen: die Szenario-Methode und die Zukunftswerkstatt [2]. Bei der Szenario-Methode wird ein begrenzter gesellschaftlicher oder politischer Gegenstandsbereich herausgegriffen, der bereits in der Gegenwart zu Besorgnis Anlass gibt. Dann werden einige wenige Variablen verändert und es wird in Gedanken geprüft, wie sich diese Veränderungen auf die zukünftige Entwicklung dieses Gegenstandsbereichs auswirken werden. Oft wird zwischen einem nicht erwünschten Negativ-, einem erwünschten Positivund dem wahrscheinlichen Trendszenario unterschieden. Die Szenario-Methode ist also ein Gedankenexperiment, das alternative Zukünfte vorstellbar werden lässt und zu entsprechenden politischen Konsequenzen führt. Beim Thema Verkehr könnten z. B. drei Varianten durchgespielt werden, die sich durch die Preise, die für die Benutzung von Verkehrsmitteln gezahlt werden müssen, unterscheiden (unabhängige Variable) und die Auswirkungen unterschiedlicher Preise für das Verkehrsaufkommen, die Siedlungsstruktur, die Flächenversiegelung, die Klimaentwicklung etc. (abhängige Variablen) sichtbar werden lassen.

Während die Szenario-Methode, die auch als wissenschaftliche Analysemethode verwendet wird, relativ stark kognitiv ausgerichtet ist, zielt die Zukunftswerkstatt auch auf Emotionen und praktisches Handeln. In einer ersten Phase, der Kritikphase, wird eine persönliche Bestandsaufnahme zu einem Bereich des Alltagslebens (z. B. Wohnen, Ernährung, Schule, Betrieb) durchgeführt. In der zweiten Phase, der Utopiephase, soll die Phantasie beflügelt werden: Wenn ich alle

Macht und alles Geld der Welt hätte, wie würde ich diesen Bereich umgestalten? Auch die Form, in der die Utopien vorgestellt werden, sollen so phantasievoll und künstlerisch wie nur möglich sein. Erst in der dritten Phase, der Umsetzungsphase, begeben sich die Teilnehmer einer Zukunftswerkstatt wieder auf den Boden der Realität und suchen nach Wegen, wie Teile der phantasierten Utopien in die Praxis umgesetzt werden können. In Schulen z. B. würde sich eine Zukunftswerkstatt zum Thema Unterricht anbieten. Die in der Phantasiephase entwickelten Qualitätskriterien für „guten Unterricht“ könnten dazu führen, dass in der Umsetzungsphase auch nach vergleichbaren Kriterien für eine gute Arbeit und eine gute Gesellschaft gefragt wird. So könnte ein anspruchsvoller Lernprozess angeregt werden, der die Lernenden faktisch in der Gegenwart, nämlich beim täglichen Ärger im Klassenzimmer abholt, und fiktiv in die Zukunft einer Gesellschaft führt, die es verantwortungsbewusst und kompetent zu gestalten gilt.

  • [1] Deshalb spricht Oskar Negt auch von der Befähigung zur „soziologischen Phantasie“, also dazu, dass wir befähigt werden, unsere Beziehungen und all das, was ihnen zugrunde liegt, grundlegend zu analysieren und neu zu konzipieren. Negt 1971 und 2010, S. 265–275
  • [2] Weinbrenner 1988 und 1997
 
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