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5.3.6 Die Konfliktorientierung

Auch die Konfliktorientierung als didaktisches Prinzip setzt beim Inhalt des Bildungsgeschehens an. Allerdings tut sie dies, im Gegensatz zur Fallund Problemorientierung, aus einer Perspektive, die sich weniger für den Inhalt als für die Formen, also die Prozesse und den Ordnungsrahmen des Politischen interessiert. Es handelt sich bei diesem didaktischen Prinzip um ein sehr anspruchsvolles, weil in ihm ganz im Sinne der bildungstheoretischen Didaktik von Wolfgang Klafki Kategorien im Zentrum stehen, über deren Anwendung die Brücke zwischen Subjekt und Welt erst hergestellt werden kann (vgl. Kap. 5.2). Während die Fallund Problemorientierung relativ direkt auf Überlegungen zur politischen Praxis zielt, geht es der Konfliktorientierung in erster Linie um eine solide Analyse, aus der dann erst praktische Konsequenzen gezogen werden können.

Das Didaktische Prinzip der Konfliktorientierung geht auf die kritische Auseinandersetzung mit der soziologischen Konflikttheorie (Lewis A. Coser, Ralf Dahrendorf) zurück. Die Konflikttheorie interpretiert Konflikte als Folge des Aufeinander-Stoßens gegensätzlicher Kräfte. Dieses Aufeinanderstoßen von Kräften gilt ihr als unvermeidbar, weil Gegensätze in der Natur jeglicher Form der Vergesellschaftung liegen. Zugleich betont dieser Ansatz den positiven Wert, den Konflikte für das Zusammenleben haben. Wo Konflikte offen ausgetragen werden, dort besteht nämlich die große Chance, dass sich das Bessere gegenüber dem Schlechteren über kurz oder lang durchsetzt. Und wo die Grundsätze des Umgangs mit Konflikten akzeptiert sind, wirkt diese gemeinsame Akzeptanz auch als Stabilisator für die Gesellschaft. Zwar ist die Konflikttheorie im Grunde ein Kind des Liberalismus, erfuhr aber im Gefolge der Auseinandersetzung mit den Ideen der 68er-Bewegung,

v. a. mit Autoren der Frankfurter Schule (Herbert Marcuse, Jürgen Habermas), eine kritische Wendung: Hinter den an der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft stattfindenden Konflikten existiert der Grundkonflikt zwischen Kapital und Arbeit, der durchaus überwindbar wäre, wenn sich die Mehrheit der Gesellschaft für eine Demokratisierung der Wirtschaft mit weitgehender gesellschaftlicher Kontrolle des Kapitals entscheiden würde.

Für die Politikdidaktik hat vor allem Hermann Giesecke [1] in den frühen 70er des 20. Jahrhunderts die Konfliktorientierung als didaktisches Prinzip erschlossen. Konflikte sind für die Politische Bildung deshalb reizvoll, weil sie in aller Regel mit Bewertungen einhergehen, die die Sich-Bildenden bereits von sich aus mitbringen. Die Beschäftigung mit Konflikten konfrontiert den Lernenden sehr oft mit der Notwendigkeit, diese eigenen Wertungen zu verteidigen oder zu revidieren. Zum Vergleich: Während der Reiz von Fällen in der Sensation, der Reiz von Problemen in der Suche nach Lösungen steckt, reizen Konflikte zur Stellungnahme.

  • [1] Z. B. May/Schattschneider 2011, S. 91–100
 
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