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5.3.5 Die Fallund die Problemorientierung

Die didaktischen Prinzipien der Fallund der Problemorientierung setzen im Didaktischen Dreieck den Akzent beim Gegenstand des Lernens. Zugrunde liegt die in institutionalisierten Bildungsprozessen vielfach gemachte Erfahrung, dass in aller Regel in der Unterrichtspraxis die bloße Faktenvermittlung dominiert. Diese lässt zwar jede Menge totes Wissen entstehen, sorgt aber kaum für vernetztes Wissen als Grundlage für eine reflektierte Urteilsbildung. Ein auf bloße Faktenvermittlung zielender Unterricht eignet sich erst recht nicht dazu, den Lernenden zu begeistern und zum politischen Engagement zu motivieren. Um dies zu erreichen, müssen die Gegenstände nicht nur objektiv für die Gesellschaft, sondern auch subjektiv für den Lernenden als bedeutsam erkannt werden können. Genau das möchten die Fallund die Problemorientierung erreichen.

Das Prinzip der Fallorientierung, auch exemplarisches Prinzip genannt, wurde bereits in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts durch Kurt Gerhard Fischer[1] entwickelt. Es geht von einer phänomenologischen Sicht auf die Welt aus. Danach wird der Mensch in seinem Bemühen um Orientierung zunächst mit einer unübersehbaren Vielzahl von ungeordneten Einzelphänomenen konfrontiert, die er in ein halbwegs überschaubares und geordnetes System zu bringen versucht. Ausgangspunkt des Erkenntnisprozesses wie auch des Bildungsgeschehens ist immer ein konkreter Einzelfall: ein konkretes Ereignis mit Anfang und Ende. Politisch wird ein Fall dadurch, dass er auf das allgemein Verbindliche bzw. das verbindliche Allgemeine bezogen ist, also mit der Frage nach dem Allgemeinwohl zu tun hat.

Bei der Untersuchung eines konkreten Falls geht es darum, dieses Allgemeine herauszuarbeiten. Dabei wird schrittweise von den Besonderheiten des Falls abstrahiert, so dass am Schluss nur mehr eine allgemeine Struktur übrig bleibt, die sich ganz offensichtlich auch in anderen Einzelfällen wiederfindet. Diese gedankliche Bewegung vom Besonderen zum Allgemeinen wird Induktion genannt. Beim Fallprinzip hängt alles davon ab, den Einzelfall so zu wählen, dass er sich tatsächlich als Beispiel für andere Einzelfälle und damit letztlich für eine allgemeine politische Erkenntnis eignet. Ein solcher Fall, der subjektiv betroffen macht und objektiv repräsentativ ist, war zum Beispiel die Selbstverbrennung des 26-jährigen Tunesiers Mohammed Bouazizi[2]. Der junge Mann hatte trotz Abiturs keine Chance auf ein Studium oder einen festen Arbeitsplatz. Nach einem vergeblichen Versuch der Flucht nach Europa wurde er mobiler Gemüseund Obsthändler, hatte dafür aber nicht die erforderliche Genehmigung. Nachdem die Polizei seinen Handwagen und seine Waage konfisziert hatte, übergoss er sich am 17. Dezember 2010 vor dem Gouverneurspalast mit Benzin, zündete sich an und gab so den zentralen Anstoß zur arabischen Revolution des Jahres 2011. An diesem Fall kann man erkennen, wie ein Funke reicht, um ein Pulverfass zur Explosion zu bringen, durch welche Umstände eine explosive Situation charakterisiert ist und was dies alles mit Europa zu tun hat.

Das didaktische Prinzip der Problemorientierung geht den umgekehrten Weg. Es wurde vor allem durch Wolfgang Hilligen [3] ebenfalls bereits ab den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt. Theoretischer Hintergrund ist eine eher funktionalistische Sicht auf die Welt. Nach ihr konfrontiert uns das Leben ständig mit Aufgaben. Dabei können wir nie wissen, wie und ob uns Lösungen auch wirklich gelingen. Entscheidend ist es, immer wieder die richtigen Instrumente zu finden, also solche, die die gewünschte Funktion auch erfüllen. Während Fälle wegen der Aufmerksamkeit, die sie erregen, didaktisch bedeutsam werden, ist es bei den Problemen eher umgekehrt. Probleme sind Zustände, die nach Veränderungen verlangen. Weil man sich an sie aber gewöhnt hat, bemerkt man sie kaum. Erst wenn sie bewusst geworden sind, regt sich das Interesse als Voraussetzung dafür, die Neugier auf ihre Lösung zu lenken und die Kreativität der Lernenden anzustacheln.

Klassischerweise beginnt die methodische Umsetzung des Prinzips der Problemorientierung mit einer Bestandsaufnahme des Problems, führt dann zur Analyse seiner Entstehung und schließlich zur Diskussion von Lösungsansätzen. Mehrere Didaktiker haben vorgeschlagen, in jeder dieser Phasen zwischen der objektiven und der subjektiven Sicht zu differenzieren, um die Lernenden zu einer stärkeren Konfrontation mit dem Problem zu bewegen: Was bedeutet das Problem konkret? Welche Konsequenzen hätte die Abschwächung oder gar Lösung des Problems für mich? Was kann ich zu ihr beitragen? Im Prinzip kann jedes als politisch wichtig erkannte Problem zum Gegenstand der Politischen Bildung gemacht werden. Am besten sind Probleme aus dem realen Leben, vielleicht sogar aus dem Schulleben. Ein solches Problem entstand zum Beispiel an meiner ehemaligen Schule. Der Hausmeister stellte aus geschäftlichen Interessen heraus und unterstützt durch die kaufkräftige Nachfrage eines beachtlichen Teils der Schüler für die Pausenverpflegung große Mengen von Pommes frites her. Das verursachte eine beachtliche Geruchsbelästigung im Schulhaus, unterstützte die Schüler in ihrem nicht besonders gesundheitsbewussten Ernährungsverhalten und brachte schließlich die Fachschaft Biologie, die an der Schule auch für die Gesundheitsförderung verantwortlich war, gegen ihn auf. Bei diesem Problem ging es nicht nur um die Interessenabwägung zwischen Hausmeister, Schülern und Lehrkräften, sondern um den Stellenwert und die Form der Gesundheitserziehung an Schulen. Das ist in einer immer stärker auf Fastfood ausgerichteten Gesellschaft unzweifelhaft eine wichtige pädagogische Aufgabe.

  • [1] Z. B. May/Schattschneider 2011, S. 66–75
  • [2] Z. B. Kraushaar 2012, S. 17–27.
  • [3] Z. B. May/Schattschneider 2011, S. 114–124
 
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