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5.3.2 Die Biografische Orientierung

Das didaktische Prinzip der Biographischen Orientierung stammt eigentlich aus der Geschichtsdidaktik und wird von der Politikdidaktik bisher kaum rezipiert. Geschichtsdidaktische Grundidee dieses Prinzips ist es, den Lernenden den Zugang zu historischen Gegenständen über die Lebensgeschichte konkreter Personen zu ermöglichen[1]. Die Begründung dafür hat wiederum eine subjektive und eine objektive Seite: Für das lernende Subjekt haben Personen eine besondere Attraktivität, weil man sich mit ihnen identifizieren kann. Das ist besonders dann der Fall, wenn man mit deren Gefühlen und Werten konfrontiert wird und Gemeinsamkeiten zu eigenen Gefühlen und eigenen Werten herstellen kann. Vor allem Kinder und Jugendliche halten Ausschau nach Helden, Idolen und Vorbildern, aber auch Erwachsene werden von gefühlhaltigen und werthaltigen Themen erfahrungsgemäß besonders stark angezogen. Diese Anziehungskraft kann didaktisch genutzt werden. In Bezug auf das Objekt, also die Welt der Geschichte, die erschlossen werden soll, können Einzelpersonen eine orientierende Funktion einnehmen. Entdecker und Erfinder, Denker und Künstler, Herrscher und Widerstandskämpfer haben bisweilen Weichen gestellt, auch wenn dies nur unter ganz bestimmten strukturellen Bedingungen möglich gewesen sein mag, die es dann zu erarbeiten gilt.

Wie kann dieses Biografische Prinzip für die Politikdidaktik genutzt werden? Ausgangspunkt könnten interessante Personen sein. Das Interesse könnte darauf beruhen, dass diese Personen den Lernenden vom Alter, vom Geschlecht, von der sozialen Stellung, vom Milieu, von der Interessenlage, von den Grundüberzeugungen her ähnlich sind. Oder es könnten Personen sein, die etwas erlebt haben, was einen einfach mitreißt. In der Zeitgeschichte z. B. wird das Leben der Geschwister Scholl als Einstieg in den Widerstand gegen den Nationalsozialismus oder sogar in das Thema Nationalsozialismus insgesamt verwendet. Entsprechend könnte man im Politikunterricht z. B. einen jungen Afrikanern auswählen, der sich zu Fuß auf den Weg nach Europa macht. Oder einen Journalisten, der sich in einen Betrieb einschleust, um die dortigen Arbeitsbedingungen möglichst authentisch zu recherchierten. Oder einen Computerfreak, der sich in die Datenbanken von Regierungen und Geheimdiensten einhackt, um die heimliche Überwachung der Bürger oder geheime Kriegspläne zu enttarnen.

Bei der Beschäftigung mit interessanten Lebensgeschichten käme es darauf an, das spontane Interesse an der ausgewählten Person zu nutzen, um nach den gesellschaftlichen Umständen zu fragen, die das Leben der betreffenden Person prägen. Daraus könnten sich Fragen nach Chancen und Hindernissen in diesem Leben, nach Verbündeten und Gegnern, aber auch nach Machtstrukturen und Ideologien ergeben. Wichtig wäre, nach Möglichkeit Bezüge zum eigenen Leben und zur eigenen Gesellschaft herzustellen. Der Film „Hunger“ von Markus Vetter und Karin Steinberger zeigt z. B. in eindrucksvoller Weise, wie sehr Hunger und Überfluss von einander abhängen, wie stark die Ernährungssituation Afrikas mit jener Politik zusammenhängt, die in Europa definiert und von den Bürgern der Staaten der Europäischen Union legitimiert wird.

Das große Problem bei der Umsetzung dieses biografischen Prinzips in der Politischen Bildung ist freilich die Gefahr der Asymmetrie zwischen Personen und Strukturen, deshalb dürfte es sich zwar für die Frühphase der Politischen Bildung hervorragend eignen, müsste aber später immer stärker durch andere Orientierungen ergänzt werden.

  • [1] Z. B. Fiege 1969
 
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