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5.2.6 Besonderes, Allgemeines und die Arbeit am Bewusstsein

Wenn es um Gesellschaft, Wirtschaft und Politik geht, haben wir es mit Menschen zu tun. Menschen haben Interessen und bestimmte Perspektiven auf die Welt. Und diese sind bekanntlich höchst unterschiedlich, weil sie eng mit ihrer jeweiligen sozialen Herkunft, ihren individuellen Lebensgeschichten, mit Ideologien und Wertentscheidungen zusammenhängen. Diese Interessenund Perspektivenvielfalt macht in sozialwissenschaftlichen und sozialphilosophischen Kontexten sowohl das Objekt wie das Subjekt der Erschließung um Dimensionen komplexer als in naturwissenschaftlichen. In der Politischen Bildung kann es nämlich nicht die eine Sichtweise der einen Tatsache geben, sondern immer nur unterschiedliche Sichtweisen auf unterschiedlich auswählbare, beleuchtbare und bewertbare Tatsachen.

Das oben vorgestellte genetische Prinzip würde es zum Beispiel erfordern, die Genese des komplexen Prozesses, die zum Verständnis einer Tatsache führt, zu rekonstruieren. In der wissensgesellschaftlichen Praxis jedoch wird ein Großteil dieser Tatsachen einfach gelernt, angeeignet – und vielleicht in Prüfungen wiedergegeben und gegen Noten, Leistungspunkte und Zeugnisse eingetauscht. So setzt sich in aller Regel das Mainstream-Interesse und die Mainstream-Perspektive durch, ohne dass dies den Lernenden bewusst wird. Dies betrifft die Sachverhalte wie ihre Bewertungen gleichermaßen: Gerade der meist gut gemeinte Versuch, im Zusammenhang von faktenorientierten Lernprozessen durch die Auswahl der Gegenstände moralische Empörung und emotionale Betroffenheit zu erzeugen, nimmt den Lernenden die Möglichkeit, sich selbst eine Haltung und Bewertung zu dem betreffenden Gegenstand zu erarbeiten. Wo zeitaufwändige Erschließungsprozesse zur zeitlich gedrängten Faktenaneignung verkümmern, fällt der Umgang mit den je konkreten Erfahrungen, die der Sich-Bildende mit dem Erzogen-Werden und dem Sozialisiert-Werden weg. Indem zum Beispiel eine Erziehungsmaßnahme oder Sanktion durch ein allgemeines Prinzip (gerechte Strafe, gerechte Leistungsentlohnung) begründet wird, wird dessen Legitimität einfach unterstellt.

Wenn es darum geht, am eigenen Leib gemachte Erfahrungen auch im Kopf zu verstehen, kann eine solche „Abstraktion“ mit Rücksicht auf das Ziel der Mündigkeit und Urteilsfähigkeit nicht hingenommen werden[1]. Wie sollte nun in einer erfahrungsorientierten, subjektorientierten und kategorialen politischen Bildungsarbeit mit je besonderen Erfahrungen umgegangen werden? Und wie wird das Allgemeine, also das zugrunde liegende Abstrakte erschlossen? Dies ist die zentrale Aufgabe der Arbeit am Bewusstsein. Oskar Negt charakterisiert diese Arbeit als systematische Suche nach der Dialektik zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen. Der Erfolg dieser Arbeit hängt davon ab, ob es gelingt, dass der Sich-Bildende seine konkreten Wahrnehmungen und Empfindungen, die er in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt und sich selbst erfahren hat, so verallgemeinern kann, „dass eine situationsunabhängige Weltoffenheit entsteht, in der das Einzelne nicht vernichtet, sondern aufgehoben, bewahrt wird[2]“.

Worin könnte dieses Allgemeine bestehen, das gleichzeitig offen zur Welt ist und das Einzelne in sich aufnimmt? Dieses Allgemeine, so Negts an Marx angelehnter Vorschlag, ist der Zusammenhang von Produktion und Reproduktion des individuellen Lebens und der Gesellschaft insgesamt durch Arbeit. Dieser Zusammenhang existiert, seit es Menschen gibt: Es ist zuallererst die gesellschaftliche Arbeit des Menschen, durch die er den Zusammenhang zur Natur als seinem „unorganischen Leib“ (Marx), zu seinen Mitmenschen und zu sich selbst herstellt. Nur die Formen des Arbeitens, der Techniken und Technologien und ihrer gesellschaftlichen Organisation haben sich historisch gewandelt und werden dies auch in Zukunft tun, der existenzielle Inhalt nicht. Eine zentrale Aufgabe der Politischen Bildung besteht so gesehen darin, das je Besondere in Familie, Schule, Betrieb und Politik Erfahrene in dieses Allgemeine – also die gesellschaftliche Arbeit – einzuordnen und dennoch als Besonders zu erhalten[3].

Negt hat bereits Anfang der 70er Jahre einen Vorschlag gemacht, wie dies gelingen kann. Es läuft darauf hinaus, Themen so aufzubereiten, dass ein Prozess des „produktiven ‚Rückgängigmachens' von wissenschaftlichen Arbeitsteilungen“ ausgelöst wird[4]. Dieses Rückgängigmachen soll dazu führen, dass die in diesen Themen enthaltenen soziologischen und historischen Inhalte bewusst werden. So können wir erkennen, dass hinter der „Welt der Tatsachen“ (Technik, Institutionen, Ereignisse) eine andere Welt existiert: die Welt der zugrundeliegenden Taten. Über die Taten stoßen wir auf die sozialen Verhältnisse, also auf die Beziehungen zwischen den Menschen, die deren Subjekte sind. Solche Beziehungen sind zum Beispiel Ausbeutung, Herrschaft, Fairness, Solidarität. Entscheidend ist: Diese Verhältnisse könnten – anders als Naturverhältnisse – prinzipiell auch andere sein[5]. Bildung in diesem emanzipatorischen Sinn ist für Negt im Kern die Befähigung des Menschen zur „soziologischen Phantasie“. Man könnte dies auch anders formulieren: Eine emanzipatorische Politische Bildung zielt darauf ab, Sachzwänge zu verflüssigen, die in den Sachzwängen geronnene Zeit also wieder beweglich zu machen. Diese Arbeit am Bewusstsein ist es, die die Schlüsselkompetenz zur Gestaltung einer besseren Zukunft erst entstehen lässt[6].

Negt macht auch darauf aufmerksam, dass die Erfahrungsbasis als Voraussetzung für das Verstehen nicht nur in der Familie, der Schule und im Betrieb zu finden ist, sondern auch im Umfeld des Wohnens, in der Kommune, in der Stadt als Kulturraum[7]. Deshalb ist für eine erfahrungsund verständnisorientierte Politische Bildung wichtig, dass es im gesamten Lebensumfeld Erfahrungsräume und Erfahrungszeiten gibt, in denen der Mensch sich als Mitglied seines Gemeinwesens auch erleben kann. Man denke an die Nachbarschaftshilfe, die Vereine, die lokale Genossenschaft, die Bürgerinitiative, die kommunale Zukunftswerkstatt und natürlich auch den Gemeinderat. Hier kann das Wesen der Demokratie, nämlich die gewaltfreie Herrschaftslegitimation durch den Diskurs, am eigenen Leib erfahren werden. Die Bürger sollten spüren können, dass die Verantwortung und Pflege des Gemeinwesens zugleich eine Bereicherung des eigenen Lebens ist. Hier beruft sich Negt im Übrigen wieder auf Marx, der – anders als der Liberalismus – das Individuum gerade nicht in einem unauflöslichen Gegensatz zur Gesellschaft gesehen hat, sondern im Prinzip die Möglichkeit zu einer produktiven Dialektik, einer wechselseitigen Befruchtung des Einzelnen und der Gesellschaft sah[8]. Weil öffentliche Erfahrungsräume und Erfahrungszeiten, die freilich über eine deutliche Verkürzung der Arbeitszeit erst gewonnen werden müssten, eine außerordentliche Bedeutung für die Bildungschancen des Zoon politikon haben, warnt Negt eindringlich vor der Privatisierung kommunaler Einrichtungen und der Verwandlung öffentlicher in private Güter.

5.2.7 FAZIT

Erfahrungen mit Politik und Gesellschaft sind das Rohmaterial der Politischen Bildung. Vermittelt werden diese Erfahrungen vor allem über Sozialisationsund Erziehungsprozesse. Während Sozialisationsund Erziehungsprozesse zunächst die Kompetenz zur Anpassung fördern, entsteht erst über Bildung die Kompetenz zum Widerstand. Denn nur Bildung ist im Kern am Subjekt orientiert und respektiert dessen Eigensinn. Notwendige Grundbedingung für Bildung in diesem engeren Sinn ist ein dialogisches Verhältnis zwischen den am Bildungsprozess Beteiligten. Da Bildung im Kern aber immer auch Zugang zur Welt bedeutet, kommen als hinreichende Bedingung die Kategorien der Welterschließung hinzu. Für eine gelingende Erschließung der Welt müssen diese Kategorien zugleich in Bezug auf das Subjekt (den Menschen) fundamental, in Bezug auf das Objekt (die Welt) elementar sein. Nur durch eine dergestalt kategorial vermittelte Bewusstseinsarbeit kann das Subjekt die Welt verstehen. Mit jedem Zuwachs an Verständnis wächst auch die Verstehenskraft und der Eigensinn des Subjekts. Für eine kritische Bewusstseinsarbeit kommt es darauf an, die je besonderen individuellen Erfahrungen mit den allgemeinen Gegebenheiten der Gesellschaft zu verbinden. Kern dieses Allgemeinen ist die Arbeit, Arbeit ist also die zentrale Kategorie der politischen Bewusstseinsarbeit. Politische Bewusstseinsarbeit ist nicht nur eine Aufgabe der am Bildungsprozess direkt Beteiligten, sondern des gesamten Gemeinwesens. Ihre besondere Triebkraft sind die Widersprüche, die sich zwischen den realen Erfahrungen im Gemeinwesen einerseits und den idealen Versprechungen des Gemeinwesens andererseits immer wieder auftun.

  • [1] Im Folgenden Negt 2010, S. 257–265
  • [2] Negt 2010, S. 257
  • [3] Wichtig für das Verhältnis von Gesellschaft und Verstehen mittels Kategorien ist das Bewusstsein, dass diese Kategorien selbst einen gesellschaftlichen Ursprung haben. Im Bildungsprozess begegnen sich aktuelle sinnliche Erfahrungen und historisch konstruierte Kategorien als zwei Momente gesellschaftlicher Praxis. Demirovic spricht von der Einheit von Bildung und Gesellschaft. Demirovic 2010
  • [4] Negt 1971, S. 97. Siehe auch Negt 2010, S. 242–277
  • [5] Negt 1971, S. 105
  • [6] Zur Vertiefung einer solchen Bewusstseinsarbeit, die sich auf Marx und Negt bezieht, aber darüber hinausgeht, vgl. Reheis 2011
  • [7] Negt 2010, S. 277–379
  • [8] Negt 2010, S. 286 f
 
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