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5.2.5 Basiskategorien des Politischen

Welche Kategorien können nun beanspruchen, die Welt des Politischen zu erschließen? Wie lässt sich im politischen Bildungsprozess durch eine Kategorie ein zugleich fundamentaler subjektiver Erfahrungsbezug wie auch ein elementarer objektiver Gegenstandsbezug gewinnen? Eine kategorial orientierte Theorie der Politischen Bildung muss zur Beantwortung dieser Frage Anleihen bei zwei Arten von Fachwissenschaften nehmen. Die Antwort erfordert einerseits Wissen über den Menschen, andererseits über Gesellschaft und Politik. Das Wissen über den Menschen liefern die Humanwissenschaften und die philosophische Anthropologie, das Wissen über Gesellschaft und Politik die Sozialwissenschaften und die Sozialphilosophie. Was könnte aus dieser grundsätzlichen Ausrichtung einer didaktischen Theorie der Politischen Bildung konkret folgen?

Klafki schlägt für die Politische Bildung als zugleich subjektiv fundamentale und objektiv elementare Kategorien „Streit“ und „Einigung“ vor. Dieser Vorschlag klingt überzeugend. Denn jeder Mensch hat in seinem Leben Erfahrungen mit Streit und Einigung gemacht, insofern sind diese Kategorien für das Subjekt fundamental. Und beide Kategorien sind über sozialwissenschaftliche Konfliktansätze gut anschlussfähig an wissenschaftliches Wissen, insofern sind sie auch elementar. Was könnten weitere zugleich fundamentale und elementare Kategorien sein, die beim Verstehen von Erfahrungen helfen können? Eine unabgeschlossene Liste könnte etwa folgende Begriffspaare enthalten: Bedürfnis und Befriedigung, Recht und Unrecht, Recht und Pflicht, Interesse und Macht, Freiheit und Zwang, Leistung und Gegenleistung, Konkurrenz und Kooperation, Amt und Person, Wahl und Delegation, Mehrheit und Minderheit, Einzelwohl und Gemeinwohl, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Solche Basiskategorien werden in der Politikdidaktik auch als Basiskonzepte der Politischen Bildung bezeichnet. Wichtig ist aber: Während es vielen Politikdidaktikern nur auf die Eignung dieser Konzepte in Bezug auf die Objektwelt, also die Anschlussfähigkeit an die entsprechenden Fachwissenschaften ankommt, geht es bei der von Klafki begründeten bildungstheoretischen Didaktik zusätzlich um die Anschlussfähigkeit an das Subjekt, und zwar als ganzheitliches Wesen, das die Welt immer zugleich mit Kopf, Herz und Hand aufzuschließen bemüht ist.

Das ist ein entscheidender Unterschied. Er ist es nämlich, der Bildung zu einer prinzipiell widerständigen Aktivität werden lässt. Diese zugleich subjektiv bedeutsamen und objektiv anschlussfähigen Basiskategorien bzw. –konzepte fliegen dem Bildungssubjekt nämlich nicht einfach zu, sondern es muss sie sich erarbeiten. Dazu ist es grundsätzlich auch in der Lage, wie wir spätestens seit Aristoteles wissen. In jedem Bildungsprozess wird diese Fähigkeit von Neuem aktiviert. Bildung ist somit eine Besinnung des Menschen auf eine ihm eigene Fähigkeit: die Fähigkeit zur Reflexion, zur Korrektur, zum Widerstand. Bildung ermöglicht als aktiver und bewusster Prozess die Kompetenz zum Widerstand und damit die Chance der Befreiung von vorgegebenen Kategorien, Konzepten, Ideologien. Das Subjekt kann nämlich subjektiv und bzw. oder objektiv untaugliche Kategorien immer wieder verwerfen und durch tauglichere ersetzen. So lange, bis es mit sich und der Welt im Reinen ist, bis letzte Reste der Irritationen, die aus dem Auseinanderklaffen von Erfahrung und Verstehen resultieren, verschwunden sind [1].

Besonders an werthaltigen Kategorien wie Freiheit, Leistung oder Gerechtigkeit wird schnell deutlich, wie mühsam und emotional aufwühlend diese Suche nach geeigneten Schlüsseln zur Welt sein kann. Immer dann, wenn sich das Bildungssubjekt übermächtigen, von außen kommenden Kategorien unterwirft, die in seinem Inneren keine Resonanz auslösen, oder wenn es an inneren Kategorien festhält, denen in der Außenwelt keine reale Bedeutung zukommt, muss der Bildungsprozess scheitern. Diese prinzipiell nie endende Suche nach passenden Kategorien macht den Kern unseres Widerstandspotenzials aus. Dabei darf jedoch nie vergessen werden: Diese Suche kann nur durch Erfahrung ausgelöst und aktiviert werden, also in der alltäglichen Auseinandersetzung. Dass diese Erfahrung je nach den gegebenen Dispositionen der Person, also Alter, Geschlecht, Milieu usw., aber auch je nach den gegebenen institutionellen Rahmenbedingungen, also Familie, Schule, Betrieb usw. unterschiedlich aussieht, liegt auf der Hand. Die widerständige Bildung bzw. der bildende Widerstand beginnt damit, dass der Zögling sich dem Ziehen eines Erziehers, zum Beispiel des Vaters, widersetzt, nach Begründungen verlangt, diesen Begründungen mit Argumenten zu widersprechen versucht und sich dabei unvermeidlich auf Kategorien bezieht. Das könnte dazu führen, dass der Sich-Bildende auf seinem Weg des Kompetenzerwerbs den Kinderrechten begegnet und diese vehement einzufordern beginnt. Und die widerständige Bildung bzw. der bildende Widerstand endet dort noch lange nicht, wo der Erwachsene sich entscheidet, eine Rollenerwartungen, die ein Interaktionspartner, zum Beispiel der Vorgesetzte am Arbeitsplatz, ihm entgegenbringt, nicht einfach zu erfüllen, wo er zunächst ihre Begründetheit hinterfragt, die Legitimität der im Hintergrund wirksamen Normen in Zweifel zieht und dies vielleicht sogar mit Verweis auf Menschenrechte tut. Erfahrungen als notwendige Voraussetzung sind für Bildung also noch keineswegs hinreichend. Denn wer nur Erfahrungen macht, ohne diese einordnen zu können, steht vor einer immer noch verschlossenen Tür zur Welt. Erst mit dem Verstehen der Erfahrung ist der Schlüssel zum Schloss gefunden, erst jetzt kann sich das Tor zur Welt öffnen.

Welche Voraussetzungen müssen auf der Objektwie auf der Subjektseite gegeben sein, damit sich ein echtes Bildungserlebnis einstellt? Auf der Objektseite müssen zunächst Phänomene überhaupt verfügbar sein. Das hat räumliche und zeitliche Voraussetzungen. Räumlich, dass sie überhaupt wahrnehmbar werden, zeitlich, dass entsprechende Ereignisse überhaupt stattfinden. Wie riskant die Finanzwirtschaft vom Grundsatz her zum Beispiel ist, konnten viele Menschen erst begreifen, als ihre Ersparnisse sich faktisch in Luft aufgelöst hatten und vorher bestimmte Finanzmärkte kollabiert waren. Auf der Subjektseite müssen bestimmte Perspektiven zunächst erst einmal eingenommen werden. Wer keine Ersparnisse hat und sich auch in keinen Sparer hineinversetzen kann, wird auch keine bildungsträchtige Erfahrung als Voraussetzung für das Begreifen von Finanzkrisen machen können. Die zweite Voraussetzung auf der Subjektseite, die für das Subjekt mit wesentlich mehr Anstrengungen einhergeht, besteht im Begreifen dessen, was da eigentlich geschieht. Bei unserem Sparer kann ja eine Vielzahl von Erklärungsgründen angeführt werden: dass der Sparer zu dumm war, sich eine sichere Anlage zu suchen, zu gierig, um den hohen Zinsen zu widerstehen, dass seine Regierung nicht rechtzeitig in den Finanzmarkt eingegriffen hat, dass die Finanzmärkte ein gefährliches Eigenleben entwickelt haben etc. Diese möglichen Gründe müssen geprüft und abgewogen werden. Dazu ist unter anderem Zeit und harte Arbeit nötig.

  • [1] Die Psychologie nennt solche produktiven Verunsicherungen „kognitive Dissonanzen“. In Bezug auf die Objektseite könnte hier die Diskussion um die Basiskonzepte der Politischen Bildung angeschlossen werden. Autoren mit speziell politikwissenschaftlichem Hintergrund plädieren z. B. für „Ordnung“, „Entscheidung“ und „Gemeinwohl“, Autoren mit allgemeinem sozialwissenschaftlichen Hintergrund, die daneben auch Soziologie und Wirtschaftswissenschaften als wichtige Bezugswissenschaften der Politischen Bildung einbeziehen, haben die Basiskonzepte „System“, „Akteur“, „Bedürfnis“, „Grundorientierung“, „Macht“ und „Wandel“ vorgeschlagen
 
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