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5.2.4 Kategorien als Grundelemente von Bildung

Nun stellt sich im Anschluss an Wagenschein die dreifache Frage: Welche Phänomene sind exemplarisch? Welche Erklärungen gilt es zu prüfen? Und welcher Prozess muss in Hinblick auf seine Genese ins Zentrum gerückt werden, wenn verstehbares bzw. „verständnisintensives“ (Peter Fauser) Wissen angestrebt wird? Für die Beantwortung dieser Fragen hat der Marburger Didaktiker Wolfgang Klafki einen wegweisenden Vorschlag gemacht. Nach Klafki lassen sich Bildungstheorien grob in materiale und formale einteilen. Materiale betonen die äußeren Inhalte, die sich der Mensch im Bildungsprozess aneignet. Formale betonen neben den Verfahren, die er dabei verwendet, auch die inneren Veränderungen, die sich dabei im sich bildenden Menschen vollziehen. Wie diese beiden Theorieansätze integriert werden können, dafür hat Klafki einen wegweisenden Vorschlag gemacht. Er eignet sich meines Erachtens auch hervorragend für die Beschreibung jenes Prozesses, der im Kontext der Politischen Bildung von der Erfahrung des Politischen zum Verstehen des Politischen führt[1].

Zunächst definiert Klafki Bildung ganz grundsätzlich als einen „wechselseitigen Erschließungsprozess“ zwischen dem Menschen und der Welt. Das heißt, dass der Mensch sich einerseits in Richtung auf die Welt öffnet und diese sich andererseits selbst dem Menschen offenbart. Mensch und Welt begegnen sich also, indem jede Seite das Ihrige dazu beiträgt. In dem Augenblick, in dem die wechselseitige Erschließung gelingt, findet quasi eine Vereinigung von Subjekt und Objekt statt, kommt es zu einem unmittelbaren Einheitserlebnis zwischen Mensch und Welt – eben dem Erlebnis von „Bildung“[2]. Das Resultat des gelungen Bildungserlebnisses ist ein doppeltes: Der Mensch hat sich die Welt erschlossen, er fühlt sich in ihr gewissermaßen heimisch. Und die Welt hat den Menschen für sich gewonnen, sie kann auf ihn zählen, weil er jetzt in ihr Verantwortung übernehmen kann.

Wodurch genau wird nun die Begegnung zwischen Subjekt und Objekt möglich? Um die Kluft zwischen Mensch und Welt zu überbrücken, so Klafki weiter, benötigt der Mensch als geistbegabtes Wesen „Kategorien“. Kategorien sind Begriffe, also geistige Vorstellungen. Sie fassen in aller Regel eine große Zahl von konkreten Einzeldingen (z. B. Bäume im nahen Wald), konkreten Einzelhandlungen (z. B. Einkäufe fürs Wochenende) oder konkreten Einzelsachverhalten (z. B. Verschuldung bestimmter Ländern) zusammen. Wir sprechen dann kurz von „Baum“, „Kauf“ und „Staatsschuld“, und jeder weiß, was damit im Prinzip gemeint ist, ohne die konkreten Einzelheiten gesehen, mitbekommen oder nachgerechnet zu haben.

Kategorien, so Klafki, werden zu einer erschließenden Kraft für das Subjekt, weil sie ihm einen neuen, größeren Bereich der Welt zugänglich machen als den, dem es unmittelbar begegnet. Kategorien sind also die Schlüssel zur Welt. Zwischen Einzelerfahrung und Kategorie besteht dabei ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis: Je treffender meine Kategorien, desto reichhaltiger meine Erfahrungsmöglichkeiten und je reichhaltiger meine Erfahrungen, desto schärfer meine kategorialen Möglichkeiten.

Schlüssel aber funktionieren nur, wenn sie zum Schloss passen. Kategorien müssen deshalb zwei Anforderungen erfüllen: Sie müssen zum Objekt und zum Subjekt passen. Das tun sie, wenn sie erstens eine fundamentale Grunderfahrung des Subjekts und zweitens einen elementaren Bestandteil des Objekts zum Ausdruck bringen. Erst so werden sie zur Brücke zwischen Subjekt und Welt. Andersherum formuliert: Wenn Kategorien beim Subjekt keine Resonanz auslösen und in Bezug auf das Objekt ein Fremdkörper sind, taugen sie nicht zur Überbrückung der Kluft zwischen Subjekt und Objekt. Damit sind sie nicht in der Lage, ein Bildungserlebnis auszulösen, Subjekt und Objekt bleiben sich fremd. Zur oben geforderten dialogischen Grundsituation als notwendige Bedingung von Bildung müssen also geeignete Kategorien als hinreichende Bedingung hinzukommen, wenn Bildung wirklich gelingen soll.

Als Beispiel für ein solches über Kategorien vermitteltes Bildungserlebnis bringt Klafki die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus. Jedes Kind hat schon einmal etwas entdeckt und kann sich deshalb gut in die Lage des Kolumbus hineinversetzen. Insofern ist dieses Ereignis für das Kind etwas subjektiv Fundamentales. Gleichzeitig ist dieses Ereignis für den Verlauf der Weltgeschichte etwas objektiv Elementares: für die Ureinwohner Amerikas, für die Staaten und Gesellschaften Europas, für das Weltund Menschenbild. So wie die Entdeckung Amerikas zugleich fundamental und elementar für die historische Bildung ist, so haben auch andere Bildungsbereiche ihre fundamentalen und elementaren Schlüsselkategorien. Im Sprachunterricht ist das Sich-Verständigen-Können, in der Mathematik das Verteilen und Abzählen und im Ethikunterricht das Helfen eine solche Schlüsselkategorie.

  • [1] Damit ist nicht ausgeschlossen, dass auch andere Bildungstheorien diese Lücke, die der Sozialisationsund der Erziehungsbegriff beim Bemühen um ein umfassendes Verständnis des Prozesses, durch den der mündige Mensch geprägt wird, zu schließen vermögen. Vgl. zu Bildungstheorien z. B. Dörpinghaus/Poenitsch/Wigger 2006. Zur Subjektorientierung als Merkmal kritischer politischer Bildung vgl. z. B. Scherr 2010
  • [2] Klafki 1959, S. 43
 
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