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5.2 Erfahren und Verstehen

Auf welchen Wegen werden Kompetenzen erworben? In der Ausgangsdefinition für Politische Bildung (vgl. Kap. 2) war nur ganz allgemein von Prägungsprozessen die Rede. Nun müssen diese Prägungsprozesse genauer unter die Lupe genommen werden. Es gilt zu klären, durch welche Teilprozesse jeweils welche Wirkungen erzielt werden. Wie sind diese Teilprozesse auf die beiden Seiten – das Gemeinwesen und das Individuum – bezogen? Wie ist gewährleistet, dass die Menschenwürdigkeit des Gemeinwesens und die Mündigkeit des Menschen gleichermaßen zu ihrem Recht kommen? Wie wird Anpassungsund Widerstandsfähigkeit gleichermaßen möglich? Die Antwort lautet: durch das spannungsreiche Zusammenwirken von Sozialisation, Erziehung und Bildung[1]. Auch diese analytische Ausdifferenzierung der Teilprozesse erfolgt in dem Bewusstsein, dass sie sich in der Realität durch und durch vermischen.

5.2.1 Sozialisation, Erziehung und Anpassungskompetenz

Mit den institutionellen und persönlichen Ausgangsbedingungen der Politischen Bildung (vgl. Kap. 4) fängt alles an. Sie bilden das Rohmaterial der Erfahrungen, die die Bildungssubjekte mit ihrer Umwelt und sich selbst machen. Das Zusammenwirken von Familie, Schule, Gleichaltrigengruppe, Medien etc. einerseits, der Bedürfnisse, des Alters, Geschlechts, Milieus etc. andererseits prägen den gesamten Bildungsprozesses. Wer bei der Planung von Bildungsprozessen diesen Erfahrungshintergrund übergeht und nur belehren will, ist von Vornherein mit seinen Bemühungen zum Scheitern verurteilt. Für die wissenschaftliche Untersuchung jenes Prozesses, durch den diese Ausgangsbedingungen jeweils erfahren werden, haben sich zwei Begriffe als unverzichtbar herausgebildet: die „Sozialisation“ und die „Erziehung“.

Sozialisation geht zurück auf das lateinische Wort „socius“ für den „Weggefährten“. Auf einem Weg machen Weggefährten gemeinsame Erfahrungen, kommen sich näher und müssen sich untereinander koordinieren. Unter Sozialisation versteht die Soziologie jenen Prozess, in dem Individuen mit den Werten, Normen und Gepflogenheiten einer Gesellschaft vertraut gemacht werden.17 Sozialisation vollzieht sich grundsätzlich ein Leben lang, intensiviert sich aber in bestimmten Lebensphasen: beim Übergang von der Kindheit in die Jugend, von der Jugend in das Erwachsenenleben, beim Ausscheiden aus dem Erwerbsleben, aber auch beim Wechsel des Wohnorts, der Firma, beim beruflichen Aufoder Abstieg usw. Besonders einschneidende Sozialisationserfahrungen machen Menschen, die als Migranten von einer Kultur in eine andere wechseln. Sozialisation ist ein eher unbewusster Vorgang. Er vollzieht sich im Wesentlichen über die Erwartungen anderer und die negativen wie positiven Sanktionen, mit denen das Individuum im Anschluss an sein Verhalten konfrontiert wird. Indem das Individuum diese Erwartungen und Sanktionsmöglichkeiten gedanklich und meist auch gefühlsmäßig vorwegnimmt, passt es sich ihnen an. Was den Anteil der Eigenaktivität angeht, so wirken im Sozialisationsprozess die vom sozialen Umfeld kommenden äußeren Anforderungen und Gelegenheiten und die Fähigkeiten und Möglichkeiten, über die das Individuum selbst verfügt, zusammen. Diese Fähigkeiten und Möglichkeiten sind aber wiederum vor allem Resultat sowohl der natürlichen Ausstattung wie des soziokulturellen Erbes, das dem Individuum in einer bestimmten Position zukommt. Und diese Position hat es sich meist nicht ausgesucht, sondern es wird in sie hineingeboren. Die Positionen ihrerseits sind gekennzeichnet durch die Klasse, die Schicht und das Milieu, zu dem sie gehören.

Zwar gehen in Sozialisationsprozesse immer auch eigene Vorstellungen und eigene Aktivitäten mit ein. Aber wenn wir hier aus analytischen Gründen die Sozialisation von den anderen Prägungsprozessen zunächst gedanklich isolieren, dann ist diese Eigensinnigkeit die Ausnahme. Sie wird nur dann möglich, wenn das Individuum mit Rollenerwartungen konfrontiert ist, die sich gegenseitig ausschließen, und wenn zusätzlich die Sanktionen, die im Falle des Nichterfüllens der Erwartungen drohen, gleich stark sind. Genau in dieser insgesamt seltenen Situation kann sich das Individuum frei entscheiden. Dann kommt es zu dem, was in der soziologischen Sozialisationsund Rollentheorie „role-making“ heißt: die eigenständige Definition dessen, was in dieser Situation zu tun ist. Die Regel aber ist das „role-taking“, also die Übernahme der Erwartungen derer, die über mächtige Sanktionsgewalten verfügen, und die Ausrichtung des eigenen Verhaltens an diesen Vorgaben. Sozialisation ist also im Kern die Anpassung des Menschen an und durch seine soziale Umwelt. Durch diese Anpassung erwirbt er die Kompetenz, sich auch in Zukunft an heute teils noch gar nicht bekannte soziale Umwelten anpassen zu können.

Der zweite Weg, auf dem Anpassungskompetenz erworben wird, ist die Erziehung. Beim Wort „Erziehung“ denken wir zunächst an das Verb „ziehen“. Ein Erzieher zieht seinen Zögling dorthin, wo er ihn haben will. Es handelt sich also um ein Verhältnis zwischen zwei Menschen, meist einem Erwachsenen und einem Kind[2]. Erziehung ist ein gerichteter und, im Unterschied zur Sozialisation, ein meist bewusster Vorgang, bei dem derjenige, der erzieht, bestimmte Ziele verfolgt und ein Konzept im Kopf hat. Um diese Ziele zu erreichen und das Konzept umzusetzen, stellt der Erzieher Geund Verbote auf, belohnt und bestraft seinen Zögling je nach dessen Verhalten und ist meist auch bemüht, dem Zögling ein Vorbild zu sein. Das Erziehungsziel ist zunächst ethisch neutral. Es hängt von der jeweiligen Kultur und den in ihr herrschenden Werturteilen ab. Auch in der Zeit des Nationalsozialismus wurde bekanntlich erzogen, und heute wissen wir, wie sehr viele der damaligen Werte auf das außenpolitische Programm ausgerichtet waren („Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder, schnell wie der Windhund“). Erziehung zur Mündigkeit in einer demokratischen Grundordnung ist hingegen ein im Grunde in sich widersprüchliches Unterfangen, weil jede Erziehungsmaßnahme gleichzeitig die Selbständigkeit des Zöglings begrenzt. Erziehung zur Mündigkeit kann also in der Praxis nur darauf hinauslaufen, die Zügel des Ziehenden in Abhängigkeit von den erreichten Fortschritten beständig zu lockern und den Erzieher am Ende überflüssig werden zu lassen, ohne dass der Zögling sich gleichzeitig von Ersatzautoritäten abhängig macht. Bei beiden Beispielen ist es der Erzieher, der die Richtung bestimmt, darum bemüht, den Zögling zu einem erfolgreichen Mitglied des Gemeinwesens zu machen. Der Unterschied liegt also allein darin, wie sich dieses Gemeinwesen selbst definiert.

Entscheidend in unserem Zusammenhang ist, was Erziehung und Sozialisation gemeinsam haben: In beiden Prägungsprozessen nimmt derjenige, der geprägt wird, eine passive Rolle ein. Bei der Sozialisation ist es die Gesellschaft bzw. die jeweilige konkrete Institution, die die Anpassung erzwingt, das Sozialisationsobjekt also gefügig macht. Nicht umsonst heißt die Spezialmaßnahme, die bei Normverletzungen von der Gesellschaft verhängt wird, „Resozialisation“. Bei der Erziehung ist es der Erwachsene, der die Anpassung erzwingt, den Zögling also in die richtige Richtung bewegt. Entsprechend heißen spezielle disziplinarische Instrumente gegen unwillige Zöglinge „Erziehungsmaßnahmen“. Diese Dominanz des Anpassungsdrucks bzw. –zugs wird zwar hin und wieder vom Objekt der Anpassungsbemühungen durchkreuzt. Das ist im Sozialisationsprozess zum Beispiel der Fall, wenn jemand aufgrund einer besonders guten Ausstattung mit Freiräumen und eigenen Sanktionsmitteln sich über die äußeren Vorgaben und Sanktionsandrohungen hinwegsetzen kann. Und im Erziehungsprozess kann es durchaus auch zum Rollentausch kommen, wenn der Zögling seinen Erzieher in eine bestimmte Richtung zwingt. Aber in beiden Fällen handelt es sich um Ausnahmen eines grundsätzlich in eine ganz bestimmte Richtung wirksamen Anpassungsgeschehens. Der Grund für diese prinzipielle Einseitigkeit liegt auf der Hand: Die Gesellschaft bzw. Institution war vor dem Individuum da, der Erzieher vor dem Zögling. Warum sollten sie es dann nicht schaffen, sich ihm gegenüber auch durchzusetzen, wenn es um die Verteidigung der herrschenden gesellschaftlichen Wertvorstellungen – zum Beispiel Leistungsbereitschaft, Schnelligkeit, Flexibilität – geht!

Wenn hier von Anpassung die Rede ist, wird ein sehr weiter Begriff zugrunde gelegt. Er umfasst das eher bewusstlose und passive Unterordnen, Einfügen, Gehorchen genauso wie das eher bewusste und aktive Respektieren, Akzeptieren, Anerkennen, Unterstützen, Verteidigen usw. Entscheidend für den auf Anpassung zielenden Prägungsprozess ist, dass das anzupassende Individuum befähigt wird, den faktischen und normativen Anforderungen seiner Umwelt gerecht zu werden. Aber wie wird das Individuum befähigt zu entscheiden, ob und wie weit es sich in Bezug auf diese Anforderungen überhaupt anpassen oder sich ihnen lieber widersetzen möchte? Genau das ist die Frage nach der Genese der Subjektivität des Menschen. Und diese kann, so meine These, nur über den Begriff der Bildung erklärt werden.

  • [1] In der politikdidaktischen Diskussion wird von Systemintegration und Subjektbildung gesprochen und der Systemintegration die politische Sozialisation und Erziehung, der Subjektbildung die Politische Bildung zugeordnet. Z. B. Massing 2007.17 Z. B. Geulen 1995
  • [2] Z. B. Heid 1995
 
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