Desktop-Version

Start arrow Politikwissenschaft arrow Politische Bildung

< Zurück   INHALT   Weiter >

5.1.6 Inhaltsbezogener Kompetenzkatalog

Da wäre erstens die „Identitätskompetenz“: Menschen müssen lernen herauszufinden, wer sie selbst sind und was sie selbst eigentlich wollen, also zu unterscheiden, was von außen und was von innen kommt. Dies ist eine lebenslange Aufgabe. Sie wird umso wichtiger, je mehr die Individuen sich in einer hoch beschleunigten Welt ständig an wechselnde Anforderungen anpassen müssen und je schwieriger es so für sie wird, ihren eignen inneren Kern bewusst zu machen und aus ihm heraus die Möglichkeit der personalen Willensfreiheit zu schöpfen.

Die zweite Kompetenz nennt Negt die „technologische Kompetenz“: Menschen müssen lernen, bei technologischen Entwicklungen zwischen solchen Technologien zu unterscheiden, die der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dienlich sind, und solchen, die diese Befriedigung gefährden. Dementsprechend wäre in Bezug auf den wissenschaftlichen Fortschritt der bloß wissenschaftliche vom menschlichen Gewinn abzugrenzen, auf den es eigentlich ankommt.

Die dritte Kompetenz ist die „Gerechtigkeitskompetenz“: Menschen sollten sensibel werden gegenüber Unrecht und Ungleichheit. Diese Sensibilität ist deshalb besonders wichtig, weil das Marktgeschehen systematisch die Illusion erzeugt, auf Märkten würden Äquivalente getauscht. Tatsächlich finden auf Märkten ständig substanzielle Enteignungsprozesse statt, die meist unterhalb dessen liegen, was formal einklagbar ist. Arbeitsmärkte sind das deutlichste Beispiel hierfür (Aneignung des Mehrwerts durch den Kapitaleigentümer). Aber auch jene ökonomisch erzeugten Zwänge, die Menschen dazu bringen, ihre gewohnte Umgebung zu verlassen, sind Enteignungen (der Heimat). Auch die vom Markt erzeugte Entfremdung der Sinne und des Denkens (z. B. durch die mediale Unterhaltungsindustrie) sind für Negt Enteignungserfahrungen, die wahrnehmen zu können nicht weniger wichtig ist als Lesen, Schreiben und Rechnen.

Als vierte Kompetenz folgt die „ökologische Kompetenz“: die Fähigkeit des Menschen, mit der natürlichen Umwelt pfleglich umgehen zu können. Von dieser Fähigkeit hängt bekanntlich mittlerweile die Existenz unserer Gattung ab – eine historisch neue Situation.

Fünftens nennt Negt die „ökonomische Kompetenz“: die Fähigkeit, sorgfältig mit materiellen und geistigen Ressourcen umzugehen, und zwar auf individueller wie auf gesellschaftlicher Ebene. Hier gilt es vor allem, den Unterschied zwischen der herrschenden und alternativen Formen des Wirtschaftens bewusst zu machen. Die letzte Kompetenz, die „historische Kompetenz“, verdient eine etwas ausführlichere Darstellung, weil auf sie auch in diesem Einführungsbuch besonderer Wert gelegt wird. Negt versteht darunter nicht nur die Erinnerungs-, sondern auch die Utopiefähigkeit. Es geht darum, sich die Zeitlichkeit des Lebens, des individuellen wie des gesellschaftlichen, bewusst zu machen. Die Entwicklung dieser Kompetenz sieht Negt heute dort besonders gefährdet, wo das „Ende der großen Erzählungen“ und die „Postmoderne“ nicht nur konstatiert, sondern auch begrüßt wird. Für Negt ist es wichtig, die Erinnerung an die Ansprüche der Aufklärung und der Moderne, also den Fortschritt zur selbstbestimmten Lebensgestaltung für alle, wach zu halten und dort, wo sie sich nicht erfüllt haben, genauer nach den Gründen zu forschen.

Wer sich durch den Verweis auf ökonomische Sachzwänge und die Alternativlosigkeit politischer Entscheidungen abspeisen lässt, schadet sich Negt zufolge selbst und dem gesamten Gemeinwesen. Denn wer seine Verlusterfahrung zu verdrängen versucht, der verlängert sein Leiden nur und hat keine Kraft zur Utopie.

„Soziales Gedächtnis und Utopiefähigkeit sind zwei Seiten derselben Sache[1].“ Wer sich begrifflich mit dem Vergangenen auseinandersetzt, wiederholt nicht alte Fehler, sondern setzt im Gegenteil den Blick frei in Richtung Zukunft. Eine zentrale Frage, mit der sich unsere Erinnerungen und unsere Utopien befassen sollten, ist für Negt die Entwicklung der menschlichen Arbeit, genauer: was mit dem ungeheuren Zuwachs an Produktivität dieser Arbeit in der Vergangenheit geschehen ist und in Zukunft geschehen könnte. Die Utopie einer radikalen Verkürzung der Arbeitszeit anstatt einer stetigen Ausweitung der Arbeit und die parallele Ausweitung der materiellen Bedürfnisse führt direkt zur Frage nach der „Mußefähigkeit“ des Menschen. Historische Kompetenz und Schärfung des Möglichkeitssinns – das ist offensichtlich eine immer dringendere Aufgabe der Politischen Bildung in Zeiten des allseits beschworenen Realismus der Alternativlosigkeiten.

5.1.7 FAZIT

Was sollen mündige Bürger wissen und können? Das Kompetenzkonzept ist eine Antwort auf die zunehmende beschleunigungsbedingte Zukunftsunsicherheit. Bildungsziele sollen dem Kompetenzkonzept zufolge als Aspekte der Fähigkeit zur Lösung von Problemen in heute noch nicht genau absehbaren, also prinzipiell variablen Problemlagen betrachtet werden. Dazu müssen Kompetenzen so formuliert werden, dass der Kompetenzgrad gemessen und verglichen werden kann. In der Theorie der Politischen Bildung wird von vielen Autoren für möglichst formale Kompetenzkonzepte plädiert. Dabei stellt entweder mehr die Politik im Allgemeinen oder die Demokratie im Besonderen den Zielhorizont dar. Diese formorientierten Kompetenzmodelle werden aus einer kritischen Perspektive zurückgewiesen, weil sie inhaltlich zu indifferent sind und keine Möglichkeit erkennen lassen, die systematischen Täuschungen, vor allem die „Sach“ zwangideologie und die Ideologie der Alternativlosigkeit, zu bearbeiten. Ein zu den formorientierten Kompetenzmodellen alternatives Modell von Oskar Negt geht davon aus, dass erst durch eine inhaltliche Füllung des Kompetenzbegriffs Politische Bildung so gestaltet werden kann, dass sie nicht nur den Wirklichkeits-, sondern auch den Möglichkeitssinn zu schärfen vermag.

  • [1] Negt 2010, S. 233
 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics