Desktop-Version

Start arrow Politikwissenschaft arrow Politische Bildung

< Zurück   INHALT   Weiter >

5.1.2 Diskussion um den Kompetenzbegriff

Der Kompetenzbegriff und die auf ihm aufbauenden Kompetenzmodelle sind höchst umstritten. Was das kompetenzorientierte Lernen für Schüler und Gesellschaft konkret bedeuten kann, zeigt ein Blick nach Shanghai, das im weltweiten Vergleich der OECD 2010 erstmals dabei war und sofort mit Abstand am besten abschnitt. Professor Ke Yu von der Shanghai Normal University führt diesen Erfolg darauf zurück, dass der ganze Unterricht in Shanghais Schulen fast nur mehr aus Tests bestehe. „Die Kinder verlieren ihre Freude an Wissen, Freude an der Schule, Freude am Sport, Freude am Leben. Pauken ist das einzige Erfolgsmittel, um im Meer der Testaufgaben zu bestehen [1].“ Es sind offensichtlich die Familien, die alles daran setzten, die Kinder zu Höchstleistungen in den Prüfungen anzustacheln. Die Quittung erhält die Gesellschaft schon nach wenigen Jahren, wenn die Kinder, so Ke Yu weiter, ihre Neugierde, ihre Spontaneität und ihre Kreativität verlieren. Ähnliche Tendenzen zeigen sich bei vielen Teilnehmern am PISA-Ranking rund um die Welt, natürlich auch in Deutschland.

Radikale Kritiker[2] der Kompetenzorientierung verweisen ferner auf die ideologische Verwendung des Kompetenzbegriffs. Der Kompetenzbegriff soll nämlich alle möglichen Eigenschaften des Menschen aufwerten, sobald sie zu irgendwelchen Problemlösungen beitragen, unabhängig davon, woher die Probleme kommen und ob deren Lösung wünschenswert ist. Kritiker argumentieren nun, dass dort, wo alles auf die Bewältigung von Aufgaben hinausläuft, Bildung auf das beschränkt wird, was vorzeigbar ist. Kompetenzen können aber immer nur an bestimmten Inhalten, die sie fundieren, erworben werden. Wo diese Inhalte nur mehr Mittel für einen Kompetenzerweis sind, werden sie nach erfolgtem Kompetenzerweis überflüssiger Ballast, also für die Bildung insgesamt nebensächlich und deshalb fast beliebig austauschbar. Inhalte sind in der kompetenzorientierten Bildungsvorstellung nur noch „Schmieröl für den Erwerb von Methoden“, der kompetente Mensch wird tendenziell einer Maschine immer ähnlicher.

Ein anderer Strang der Kritik zielt auf den weit verbreiteten Anspruch, den Kompetenzbegriff mit der Quantifizierbarkeit von Bildungszielen zum Zweck des Vergleichs zwischen Kompetenzniveaus zu verbinden. Solche Vergleiche sind relativ harmlos und vielleicht sogar sinnvoll, solange sie sich noch auf ein und dieselbe Person beziehen. Um die Geschichte eines Lernprozesses mit der Absicht zu dokumentieren, ihn zielgerichtet zu fördern, kann die Zerlegung des Prozesses in Einzelschritte hilfreich sein. So können die Abfolge, Passung und Erhöhung des Kompetenzniveaus als Stufenmodell dargestellt werden. Solche Stufenmodelle können zeigen, welche Kompetenz erreicht sein muss, damit es Sinn macht, auf diese eine weitere Kompetenz aufzubauen. Werden jedoch Kompetenzniveaus unterschiedlicher Personen, Gesellschaften oder gar Kulturen miteinander verglichen, so ergibt sich zwangsläufig das Problem, dass qualitative Aspekte ausgeblendet und zudem die Kompetenzen an ganz bestimmten vorweg definierten Standards gemessen werden müssen. Schnell gerät dann in Vergessenheit, was erstens ausgeblendet wurde und wer zweitens diese Standards aufgestellt hat, wie sie gerechtfertigt sind und welchen Interessen sie dienen. Genau hier setzt etwa die Kritik an PISA an, weil die dort verwendeten Bildungsstandards von den führenden OECD-Staaten im Interesse der dortigen Wirtschaft aufgestellt worden sind und der gesamten Welt als Bildungsziele für eine Art Weltcurriculum vorgesetzt werden[3].

Wenn, wie viele Autoren fordern, nun auch die Politische Bildung sich einer solchen Standardisierung unterwirft, um PISA-fähig zu werden und damit auch eine entsprechende bildungspolitische Aufwertung zu erfahren, könnte sich dies in Hinblick auf das Ziel der Mündigkeit des Bürgers und der demokratischen Ordnung seines Gemeinwesens als Pyrrhussieg erweisen. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens muss befürchtet werden, dass Lehrende und Lernende die Bildungsprozesse immer stärker so organisieren, dass fast alles auf das mit der Kompetenzorientierung einhergehende Quantifizieren und Vergleichen hinausläuft. Die Bildungsanstrengungen würden sich dann immer stärker auf den am leichtesten quantifizierund vergleichbaren Teilbereich, nämlich die kognitiven Kompetenzen beschränken, die affektive und praktische Seite der Politischen Bildung würde tendenziell ausgeblendet. Und zweitens ist offensichtlich, dass mit solchen Standards auch die Menschenbilder und Gesellschaftsverständnisse der politisch und wirtschaftlich Mächtigen der Welt gegenüber dem Rest unmerklich durchgesetzt werden.

  • [1] Zit. nach Meueler 2012
  • [2] Z. B. Gruschka 2011, Türcke 2012
  • [3] Benner 2002
 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics