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5 Mündigkeit als Prozess

Zunächst ein kurzer Rückblick. Im Anschluss an die Definition der Politischen Bildung (vgl. Kap. 2) wurden das übergreifende kollektive und individuelle Ziel der Politischen Bildung (vgl. Kap. 3), dann ihre äußeren und inneren Ausgangsbedingungen (Kap. 4) skizziert. Nun kann es mit der Analyse des Prozesses selbst losgehen. Wie sorgt dieser Prozess dafür, dass beide Aufgaben gleichermaßen erfüllt werden: einerseits den Sich-Bildenden zu befähigen, sich in das Gegebene einzupassen und es wertzuschätzen, andererseits, sich dem Gegebenen zu widersetzen?

5.1 Kompetenzen

Der mündige Bürger ist uns bisher nur als ziemlich abstraktes Ideal, als übergeordnetes Fernziel begegnet. Im 3. Kapitel wurde festgestellt, dass sich Mündigkeit in einem nicht nur privaten, sondern auch öffentlichen Gebrauch der Vernunft äußert und dass sie alle drei Dimensionen menschlicher Fähigkeiten (Kopf, Herz, Hand) einschließt. Lange Zeit war man in Pädagogik und Psychologie bei der Beschreibung menschlicher Fähigkeiten mit den Begriffen „Wissen“ und „Können“, zusammengefasst als „Qualifikation“, ausgekommen. Seit rund 20 Jahren beginnt sich an dieser Stelle nun der Begriff der „Kompetenz“ durchzusetzen [1]. Wie der Mündigkeitsbegriff stammt auch der Kompetenzbegriff aus der Rechtssprache und bezeichnet dort vor allem die Zuständigkeiten für die Erledigung von Aufgaben.

Verwendung findet er auch in der Sprachwissenschaft, wo er die Fähigkeit bezeichnet, sich in einer Sprache verständigen zu können.

5.1.1 Was sind Kompetenzen?

Dass der Kompetenzbegriff sich immer mehr durchgesetzt hat, hängt mit der Unsicherheit zusammen, die sich einstellt, wenn man jene Qualifikationen inhaltlich beschreiben soll, die heute und vor allem in Zukunft gebraucht werden. In der Praxis stellt sich nämlich heraus, dass die Kataloge, in denen das Wissensund Könnenswerte aufgezählt wird, immer länger und länger wurden und zum Beispiel bei der Überarbeitung von Lehrplänen über Streichungen kaum ein Konsens herstellbar war. Dahinter stehen nicht nur gestiegene Erwartungen an die Leistungen von Menschen, sondern auch die vielfältige Erfahrung kultureller und gesellschaftlicher Beschleunigung. Die immer schnellere Veränderung von Technologien und Produkten, von Institutionen und Normen brachte den Zwang mit sich, sich immer schneller neuen Gegebenheiten anzupassen. So wurde die Anpassungsfähigkeit des Menschen immer mehr zu einem Wert an sich. Dazu kam die Einsicht, dass es im Interesse der Erhöhung der Anpassungsfähigkeit nicht so sehr darauf ankommt, mit welchen Bildungsgütern man Menschen konfrontiert, sondern was bei dieser Begegnung mit Bildungsgütern am Ende herauskommt.

Beschleunigung und Outputorientierung sind also für viele Autoren zwei miteinander zusammenhängende Gründe dafür, den Qualifikationsbegriff aufzugeben und ihn durch den Kompetenzbegriff zu ersetzen [2]. So wie der rechtliche Kompetenzbegriff eine formale Zuständigkeit für Aufgaben beschreibt, die unabhängig davon besteht, ob die Aufgaben tatsächlich anfallen und erst recht, ob sie tatsächlich erfolgreich erledigt werden, so zielt der Kompetenzbegriff in den Augen der Vertreter des Kompetenzansatzes auf Eigenschaften, die eher formaler Natur sind. Kompetenz, so vielleicht die knappste Definition, ist die Fähigkeit einer Person, Probleme zu lösen. Probleme tauchen auf, wenn normale Handlungsroutinen versagen, wenn also Lücken im Handlungsplan geschlossen werden müssen. Der Kompetenzbegriff verschiebt mithin den Akzent von den Inhalten zu den Formen und Methoden der Bildungsziele und betont deren prinzipielle Offenheit.

Das scheint insbesondere für die Politische Bildung zunächst außerordentlich plausibel: Die großen Ziele der Mündigkeit und des menschenwürdigen Gemeinwesens implizieren immer, die grundsätzliche Offenheit der Zukunft des Menschen und seines Gemeinwesens zu respektieren. In einem republikanischen bzw. demokratischen Gemeinwesen ist es letztlich der Mensch als Individuum und als Gesellschaftswesen, der die Weichen stellt, niemand sonst. Im Bereich der Naturwissenschaftlichen Bildung hingegen haben wir es zwar auch mit einer rasanten Zunahme des Wissens zu tun, die zugrunde liegenden Sachverhalte selbst aber unterliegen nicht dem Menschen, sondern den durch die Evolution bzw. die Schöpfung entstandenen Gesetzen der Natur. Eine detaillierte Auflistung der angestrebten Fähigkeiten würde das Ziel der Offenhaltung der Zukunft des Menschen und seines Gemeinwesens also von Anfang an torpedieren. Die einzige inhaltliche Differenzierung betrifft die Frage, ob Kompetenzen bereichsunspezifisch oder bereichsspezifisch sind. Diese Bereiche, wie etwa das Sprachliche, die Natur oder eben das Politische, werden im Übrigen auch Domänen genannt.

Wie entstehen Kompetenzen? Sie sind entweder von Natur aus da, also biologisch einfach gegeben, oder sie bilden sich durch die Begegnung des Menschen mit Kultur und Gesellschaft und – im Laufe seines Lebens immer mehr – schließlich mit sich selbst. Insofern sind Kompetenzen nicht nur Konkretisierungen eines großen Ziels, in der Politischen Bildung also der Mündigkeit, sondern immer auch Voraussetzungen für die Fortsetzung der Bildungsgeschichte. Kompetenzen sind also in eine Kausalkette von Ursachen und Folgen integriert. Kompetenzen im Sinn von Problemlösefähigkeit verlangen gewissermaßen danach, durch die Bearbeitung von Aufgaben getestet zu werden. Dann wird aus der Kompetenz eine

„Performanz“. Kompetenz und Performanz gehören zusammen, wie Möglichkeit und Wirklichkeit. Der Performanzbegriff bezeichnet die tatsächliche Umsetzung der jeweiligen Kenntnisse und Fähigkeiten in konkreten Handlungen.

  • [1] Hier wird also ein weiter Kompetenzbegriff zugrunde gelegt, der auch die affektive Lernzieldimension mit einbezieht. Die Frage nach der Freiheit des Willens ist damit keineswegs vorentschieden
  • [2] Im Folgenden z. B. Reinhard 2005, S. 19–22
 
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