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4.2.7 Das Milieu

Auch wenn Generationen im Kern milieuübergreifend sind, gibt es in ihnen milieuspezifische Ausprägungen. Unter einem Milieu im soziologischen Sinn versteht man die in der sozialen und kulturellen Umwelt vorherrschenden Denkund Verhaltensweisen[1]. Milieus stehen im engen Zusammenhang mit Schichten und Klassen, durch die die soziale Ungleichheit in einer Gesellschaft charakterisiert ist. Schaut man sich die Gruppe der Jugendlichen unter diesem Gesichtspunkt noch einmal genauer an, so können nach Auskunft der oben genannten Sinus-Studie folgende sieben Milieus unterschieden werden[2]: Die so genannten „Prekären“ fühlen sich aus der Gesellschaft ausgegrenzt, wollen sich aber irgendwie durchbeißen. Die „materialistischen Hedonisten“ werden als freizeitund familienorientierte Unterschicht mit ausgeprägter Neigung zum Konsum von Markenartikeln definiert. Die „experimentellen Hedonisten“ wollen ihr Leben einfach genießen, distanzieren sich aber vom Mainstream und legen auf Unabhängigkeit und Kreativität besonderen Wert. Die „Adaptiv-Pragmatischen“ sind stark erfolgsund wohlstandsorientiert, beschränken sich dabei aber auf das Machbare und schauen auf andere gern herab. Die „Sozialökologischen“ stehen dem materiellen Konsum und den herrschenden Vorstellungen von Wohlstand und Leistung kritisch gegenüber und engagieren sich oft auch für ihre Ansichten. Die „Konservativ-Bürgerlichen“ wollen ein ganz normales Leben führen und setzen dafür mehr auf Selbstdisziplin als auf Selbstverwirklichung. Und die „Expeditiven“ schließlich wollen sich vor allem von der Masse abheben und sich selbst verwirklichen und zeichnen sich deshalb durch hohe Leistungsbereitschaft und Flexibilität aus.

Relativ unabhängig von dieser Milieustruktur gibt es ein weiteres Milieu, das in der Gesellschaft weit verbreitet und als Ausgangspunkt für Überlegungen zur Politischen Bildung ausgesprochen wichtig ist. Wilhelm Heitmeyer hat mit seiner Forschergruppe an der Universität Bielefeld in einer empirischen Langzeitstudie gezeigt, dass es in Deutschland eine weit verbreitete Einstellung gibt: die „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“[3]. In ihr zeigt sich, wie tief die Ideologie der Ungleichwertigkeit auch in der Mitte der Gesellschaft verankert ist. Im Kern geht es bei dieser Einstellung um die Neigung zur Abwertung und Diskriminierung schwacher Gruppen in der Bevölkerung. Drei Faktoren, so der empirisch geführte Nachweis, sind für die Ausbildung dieser Neigung vor allem verantwortlich: Das Gefühl, von Krisen bedroht zu sein und aus der Gesellschaft hinausgedrängt zu werden, das Gefühl, keine Orientierung zu haben, weil man nicht weiß, wie es mit der eigenen Lebensplanung und mit der gesellschaftlichen Zukunft weitergeht, und das Gefühl, auch politisch machtlos zu sein und keine realistischen Partizipationschancen zu haben.

Ein unter Praktikern und Theoretikern der Politischen Bildung viel diskutiertes Problem ist die Frage, wie man in der Politischen Bildung bildungsferne Schichten erreicht [4]. Es ist ja in der Tat so, dass sich die meisten Bildungsinstitutionen mehr oder minder stark am bildungsbürgerlichen Milieu orientieren, am deutlichsten natürlich das Gymnasium und die Hochschule. So ist es kein Wunder, dass sich Angehörige der bildungsferneren Milieus in den Bildungseinrichtungen meist fremd fühlen. Dies trifft besonders für das Milieu der Prekären wie auch der durchaus ehrgeizigen materialistischen Hedonisten zu. Aus der Perspektive dieser bildungsfernen Milieus geht es in der Politik immer um Oben-Unten, um Schlagen und Geschlagen-Werden, wobei sie selbst sich natürlich als Opfer fühlen. Ihr Ohnmachtsgefühl geht einher mit der Vorstellung der Schicksalshaftigkeit der Verhältnisse. Dass diese sich verändern lassen, dass sie grundsätzlich gestaltbar sind, entzieht sich ihrem Bewusstsein. Bildung ist in diesem Selbstund Gesellschaftsverständnis kein Wert an sich, bestenfalls ein notwendiges Übel. Bildung kann aus ihrer Sicht im besten Fall als Mittel gegen Ausgrenzung hilfreich sein, muss es aber nicht und kann sich vielleicht auch als ganz nutzlos erweisen.

Die Praktiker der Politischen Bildung reagieren auf diese Herausforderungen in aller Regel auf zweierlei Arten: Die einen setzen bei der „Psychologik“ der Politischen Bildung an. Sie verpacken ihre Bildungsangebote in Events, setzen auf den Reiz der neue Medien, begnügen sich im Grunde mit vorpolitischer Bildung, die im Kern Sozialarbeit und Lebenshilfe ist. Die anderen setzen bei der Sachlogik der Politischen Bildung an, verzichten auf alle wissenschaftlichen Ansprüche und lassen im kognitiven Bereich alles weg, was nur irgendwie weglassbar ist. Diese radikale Elementarisierungsstrategie ähnelt dem, was Politische Bildung in der Grundschule ist: die Beschränkung auf eine handvoll Basiskonzepte[5].

Ein dritter Vorschlag geht in eine andere Richtung[6]. Bei Adressaten aus bildungsfernen Milieus sollten, so die Idee, politische Bildungsprojekte genau an jenem Gefühl der Ohnmacht ansetzen, das die Adressaten beherrscht. Es muss zunächst allein darum gehen, mit ihnen zusammen nach geeigneten Ausdrucksformen, nach einer ihrem Milieu entsprechenden „Sprache“ für dieses Gefühl zu suchen. So eine Sprache kann die Musik, der Sport, die Fotografie, der Film, das Theater und anderes sein. Diese gemeinsame Sprache kann zum Austausch von Ohnmachtsund Benachteiligungserfahrungen sowie der jeweiligen persönlichen Interpretationen genutzt werden. Dadurch entsteht die Chance, dass neben dem Individuellen auch das Gesellschaftliche, das Strukturelle, das Politische sichtbar wird. So könnte der Einstieg zu einem Prozess gefunden werden, an dessen Ende die herrschenden Formen der Partizipation, der Organisation von Macht und Herrschaft mental delegitimiert sind. Vielleicht wäre diese Strategie sogar nicht nur im Falle besonders schwer zu erreichender Adressaten angebracht. Könnte es nicht zur grundsätzlichen Aufgabe eines Pädagogen gehören, sich mit denjenigen, für deren Bildung er Verantwortung übernommen hat, zu solidarisieren?

4.2.8 Fazit

Die inneren Ausgangsbedingungen werden hier unter dem Begriff persönliche Dispositionen zusammengefasst. Diese umfassen alles, was der Einzelne in den Bildungsprozess mitbringt: seine Bedürfnisstruktur, sein Alter, sein Geschlecht, seinen Persönlichkeitstypus, seine Herkunftskultur, seine Generationenund seine Milieuzugehörigkeit. Ein kleiner Teil dieser Dispositionen ist rein naturbedingt, der weitaus größere Teil kulturell und sozial überformt und meist ausschließlich durch soziokulturelle Prozesse erworben worden. Diese Dispositionen prägen zunächst die Affekte des Bildungssubjekts. Affekte bestimmen weitgehend, welche Inhalte verarbeitet werden und welche abprallen. Aufgabe der Politischen Bildung ist es nun, diese Dispositionen und die durch sie ausgelösten psychischen Mechanismen bewusst zu machen und als Anlass für Lernprovokationen zu nutzen. Die Sensibilität für diese Ausgangsvoraussetzungen ist für den Erfolg des Bildungsprozesses von entscheidender Bedeutung. Eine solche Sensibilität lässt sich dort am leichtesten herstellen, wo in einer Lerngruppe unterschiedliche Dispositionen aufeinander treffen und von selbst Konflikte entstehen lassen. Dispositionen jedoch, die allen Teilnehmern eines Kurses, Seminars, Workshops etc. mehr oder minder gemeinsam sind, sind nicht so leicht zu erkennen. Umso mehr muss an ihrer Bewusstmachung gearbeitet werden. Nur so können sie als persönliche Fundamente des Bildungsprozesses anerkannt und genutzt werden.

  • [1] Z. B. Hradil 2006
  • [2] Trenkamp/Lüpke-Narberhaus 2012
  • [3] Z. B. Heitmeyer 2012
  • [4] Z. B. Detjen 2009 und Ottersbach 2010
  • [5] Z. B. Schiele/Breit 2008
  • [6] Z. B. Bremer 2010
 
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