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4.2.6 Die Generation

Unter einer Generation versteht man die Gesamtheit der ungefähr Gleichaltrigen, die durch ähnliche historische Bedingungen, Lebensumstände, Herausforderungen, Verhaltensweisen, Ängst und Träume miteinander verbunden sind[1]. Weil die Gleichaltrigengruppe einen besonderen Einfluss auf die Entwicklung junger Menschen hat, sind diese generationenspezifischen Grundlagen für die Politische Bildung außerordentlich bedeutsam. Wie unterscheiden sich Jugendliche von heute von früheren Jugendlichen, was verbindet sie und welche Ursachen und Folgen haben die generationenspezifischen Gemeinsamkeiten für die Politische Bildung? In der Jugendsoziologie wird die Nachkriegsgeschichte der Jugend in Deutschland oft in drei große Phasen eingeteilt: die Wirtschaftswunder-Generation der frühen 60er Jahre, die Protestgeneration zwischen der zweiten Hälfte der 60er und den späten 80er Jahren und schließlich die pragmatische Generation seit den 90er Jahren[2].

Fasst man die Ergebnisse, die verschiedene Jugendstudien zur pragmatischen Generation herausgefunden haben, zusammen, so ergibt sich folgendes Bild: Diese Generation orientiert sich an konkreten Problemen, ist leistungsbewusst und anpassungsbereit. Im Zentrum ihrer Lebensplanung steht das Bemühen um Integration in die Gesellschaft über das Erwerbsleben und die Verbindung von Beruf und Familie. In Bezug auf die Werteorientierung grenzen sich die Jugendlichen relativ wenig von ihren Großeltern und Eltern ab. Ihr politisches Interesse sank in den 90er Jahren, stabilisierte sich aber ab der Jahrtausendwende und stieg sogar wieder etwas an. Sie konzentrieren sich mehr auf ihre persönliche, weniger auf die gesellschaftliche Zukunft. Viele Jugendliche wissen nicht mehr so recht, wofür sie eigentlich gebraucht werden, aber auch nicht, gegen wen oder was oder wofür sie kämpfen sollen. Manche Teenager „befinden sich in einer kippeligen Situation: Sie träumen davon Superstar zu werden, im selben Moment haben sie Angst vor Hartz IV“, bringt die Rheingold-Studie diese jugendliche Seelenverfassung auf den Punkt. Als Erklärung für diese Ausprägung der pragmatischen Generation wird auf den steigenden Bildungsdruck (jeder Zweite macht Abitur), den zunehmenden Konkurrenzdruck auf den Arbeitsmärkten, die Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse und den seit den 90er Jahren stattfindenden Rückbau der sozialen Sicherungssysteme verwiesen.

Die meisten Jugendlichen, so die Sinus-Jugendstudie 2012, blicken abgeklärt, skeptisch oder gar sorgenvoll in ihre persönliche Zukunft. Nur in zwei von insgesamt sieben Milieus ist die Zukunftserwartung wirklich optimistisch. Zukunft verbindet sich bei Letzteren mit der Vorstellung der Überwindung von Grenzen und dem Experimentieren mit alternativen Lebensstilen, bei denen vor allem postmaterielle Werte zum Zuge kommen. Auch bei jenen Jugendlichen, die für ihre individuelle Zukunft noch einen verhaltenen Optimismus aufbringen können, gibt es – im Gegensatz zur Nachkriegsgeneration und zu den 68ern – keine gemeinsame Vision von einer besseren gesellschaftlichen Zukunft. Zukunft gilt als verlängerte Gegenwart, Zukunftsstrategien bestehen, angesichts der großen Unsicherheiten, immer nur in einzelnen kurzfristigen Projekten, bis hin zum „Projekt Kind“. Soziales oder politisches Engagement findet meist nur im überschaubaren Nahbereich statt. Insgesamt besteht im Bewusstsein der pragmatischen Generation die Lebensgeschichte des Einzelnen aus lauter wenig zusammenhängenden Episoden, die Zeit zerfällt in einzelne Stücke, was allein zählt, sind die einzelnen Situationen [3]. Insgesamt muss die pragmatische Generation, so ein Resultat der Jugendforschung, jene Aufgaben, die mit der Jugendphase einhergehen, in sehr viel kürzerer Zeit erledigen als frühere Generationen, die Jugendlichen werden früh zu „Mini-Erwachsenen“. „Hart arbeiten und auch hart feiern, Job und zugleich Familie, sparen und sich auch etwas leisten“, das ist ihr Motto. Gegenüber früheren Jugendstudien fällt die Neigung zur sozialen Abgrenzung, die „Entsolidarisierung“ auf, die sich an abfälligen Bemerkungen über Hartz-IV-Empfänger oder Ausländer zeigt[4].

Ein Blick auf Europa zeigt, wie sehr die faktischen Zukunftschancen der heutigen Jugend auseinanderdriften. Wenn in Griechenland, Spanien und Portugal teilweise über 50 % der Jugendlichen arbeitslos sind, nach der Ausbildungszeit wieder zu ihren Eltern ziehen müssen und eine völlig ungewisse Lebensperspektive haben, muss mittelfristig mit einem enormen Protestpotenzial gerechnet werden. Auch in Deutschland fordert die „Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen“ einen neuen Generationenvertrag [5]. Bei einem zunehmenden Teil der nicht nur jungen Bevölkerung verdichtet sich das Gefühl, dass die Jungen ausbaden müssen, was ihnen die Alten eingebrockt haben: die Schuldenund die Umweltkrise, aber auch die Zunahme der Spannungen zwischen Jung und Alt, die schwindende Solidarität zwischen den Generationen. Angesichts dieses Protestpotenzials stellt sich die Frage, welche Generation nach der pragmatischen kommen wird.

  • [1] Lehmann 2006
  • [2] Picot 2012
  • [3] Leccardi 2012
  • [4] leben/0,1518,824073,00.html, zuletzt aufgerufen am 19.02.2013
  • [5] Gründinger 2012
 
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