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4.2.5 Die Kultur

Unter dem Begriff Kultur kann alles zusammengefasst werden, was Menschen hervorgebracht haben, um ihr Leben zu bewältigen und zu gestalten: Sprache und Werkzeuge, Institutionen, Kunst und Wissenschaft [1]. Für die Politische Bildung wird die Kultur vor allem dort zum Thema, wo der Umgang mit Kulturen zu Konflikten führt. Vor allem in einer multikulturellen Gesellschaft müssen alle Überlegungen zu politischen Bildungsprozessen die unterschiedlichen kulturellen Dispositionen der Adressaten bzw. Subjekte und die darin enthaltenen Konfliktpotenziale berücksichtigen. Aber auch bei kulturell homogenen Gruppen ist es wichtig, sich die jeweilige gemeinsame kulturelle Prägung bewusst zu machen.

Die kulturelle Prägung hängt mit geografischen Lebensbedingungen und vor allem mit historischen Erfahrungen zusammen, die die Mitglieder einer Kultur gemeinsam haben. In Europa zum Beispiel ist es ein großer Unterschied, ob das eigene Land im Zweiten Weltkrieg auf der Seite der Angreifer oder der Angegriffenen stand, ob die eigene Volkswirtschaft zu den Gewinnern oder Verlierern der Entwicklung der letzten 60 Jahre gehört. Weitet man den Blick auf die Welt insgesamt, so kommt die Erfahrung der Kolonialzeit noch hinzu. All dies ist im kollektiven Gedächtnis unmerklich wirksam und kommt meist erst dann ins Bewusstsein, wenn interkulturelle Verständigungsprozesse ins Stocken geraten. Weniger verborgen sind Unterschiede zwischen Kulturen in Ländern, aus denen Menschen lieber heute als morgen auswandern möchten, und solchen, die Angst vor Zuwanderung haben und in der Abwehr von Migranten ein existenzielles politisches Ziel sehen. Wie sehr kulturelle Dispositionen wirksam sind, zeigen verschiedene empirische Vergleichsuntersuchungen. Eine der bekanntesten sind die Umfragen des so genannten Euro-Barometers, der im Auftrag der EU-Kommission regelmäßig die „wichtigsten Sorgen“ der Europäer erfassen möchte. Zum Beispiel zeigt eine im Sommer 2012 durchgeführte Befragung zur Einschätzung der wirtschaftlichen Situation, was eigentlich nicht verwunderlich ist: Die Deutschen nehmen die EuroKrise ganz anders wahr als fast der gesamte Rest Europas [2]. Den Deutschen geht es vor allem um das Geld, also um Inflation und Staatsverschuldung, den meisten anderen Europäern um den wirtschaftlichen Abschwung und die hohe Arbeitslosigkeit. Statistiken der Europäischen Union geben Auskunft über Einstellungen und Werthaltungen in Europa. Danach bilden die Deutschen in Bezug auf ehrenamtliche Tätigkeit und Hilfsbereitschaft für Alte, Kranke und Behinderte das Schlusslicht Europas [3]. Die Daten belegen auch, wie sehr in Europa sowohl die objektive Lage wie die subjektive Zufriedenheit durch einen enormen Nord-SüdGegensatz gekennzeichnet sind, wobei sich Griechenland und Portugal einerseits und Dänemark, Norwegen und Schweden andererseits gegenüberstehen.

Interessante Ergebnisse zu solchen kulturellen Dispositionen, die für die Politische Bildung folgenreich sein können, sind ferner aus zwei etwas älteren Untersuchungen zu entnehmen. Die Civic-Education-Studie erfasst das politische Bewusstsein deutscher Schüler im internationalen Vergleich. Danach identifizieren sich die Deutschen zwar insgesamt stark mit der Demokratie, auch wenn das Wissen über Politik oft lückenhaft ist. Aber sie liegen bei einigen Indikatoren unterhalb des internationalen Durchschnitts: Sie identifizieren sich weniger mit ihrer Nation, sind weniger zur Partizipation bereit und stehen der Aufnahme von Ausländern skeptischer gegenüber als ihre Altersgenossen in den meisten anderen Ländern [4]. Und in einer europäischen Kulturvergleichsuntersuchung aus den 90er Jahren, die auf einer groß angelegten Befragung von Schülern und Lehrern aus 27 Ländern beruht, sind vor allem höchst unterschiedliche Vorstellungen über Gerechtigkeit in Europa zu Tage getreten. Eines der Ergebnisse war, dass nicht nur die Jugendlichen reicher Familien, sondern auch diejenigen aus reichen Ländern die Auffassung vertreten, Wohlstand sei in erster Linie das Resultat harter Arbeit, während in ärmeren Ländern mehr die wirtschaftlichen, historischen und geografischen Bedingungen des Wirtschaftens als Erklärung von Armut und Reichtum herangezogen werden [5].

  • [1] Z. B. Lipp 2002
  • [2] SZ 11./12.08.2012
  • [3] Statistisches Bundesamt 2004, S. 665
  • [4] Henkenborg 2005, S. 51
  • [5] Borries 1997, S, 18
 
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