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4.2.4 Die Persönlichkeit

Persönlichkeitseigenschaften sind relativ stabile Verhaltenstendenzen, die eine Person unabhängig von konkreten Situationen immer wieder an den Tag legt und die sie von anderen Personen des gleichen Alters, Geschlechts oder anderer Merkmale unterscheidet [1]. Diese Eigenschaften gelten teils als genetisch, teils als in frühen Lebensjahren soziokulturell erworben. In der Persönlichkeitspsychologie haben sich fünf Typen herausgebildet, die je eine besondere Dimension von Persönlichkeitseigenschaften ins Zentrum stellen [2]: Der „Verträgliche“ hat ein ausgeprägtes Bedürfnis nach harmonischen Beziehungen zu anderen Menschen. Der „Extravertierte“ zeichnet sich durch sein ausgeprägtes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und sozialer Interaktion aus. Der „Gewissenhafte“ ist besonders leistungsbewusst, zuverlässig und gründlich. Der „emotional Stabile“ kann negative Gefühle gut kontrollieren und lässt sich nicht leicht aus der Ruhe bringen. Und der „Offene“ wird in dieser Typologie als vielfältig interessiert, tolerant und neugierig beschrieben.

Diese Persönlichkeitseigenschaften haben einen starken Einfluss darauf, welchen Situationen sich Personen im Alltag aussetzen, wie sie Anregungen aus ihrer Umgebung verarbeiten und welche Ziele sie verfolgen. Dies gilt natürlich auch in Bezug auf ihr politisches Verhalten. So wurde für die USA gezeigt, dass Menschen mit einem stark ausgeprägten Bedürfnis nach Verträglichkeit und Harmonie politische Diskussionen aus Angst vor Konflikten eher meiden, wohingegen extravertierte und emotional stabile Personen sich an solchen Diskussionen gerne beteiligen. Extravertierte, emotional stabile und offene Personen sind insgesamt in vielerlei Hinsicht partizipationsbereiter. Je nachdem, wie stark die Gewissenhaftigkeit dabei ausgeprägt ist, beschränken sich diese Personen auf konventionelle und legale Formen der Partizipation oder nutzen auch unkonventionelle und illegale Formen. Es kann auch nicht überraschen, dass Personen mit ausgeprägter Offenheit sich besonders stark für Politik interessieren und überdurchschnittlich bereit sind, neue Anregungen aufzugreifen und weiter zu verfolgen.

Über diese generellen Zusammenhängen zwischen Persönlichkeitseigenschaften und Haltungen zur Politik hinaus gibt es auch Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und politisch-moralischen Präferenzen. So tendieren sehr offene Menschen eher zu politisch linken Grundorientierungen, legen besonderen Wert auf erfüllende soziale Beziehungen und individuelle Selbstverwirklichung. Sie neigen zur Kritik an konventionellen Moralvorstellungen und fühlen sich auch für das Wohlergehen von Menschen verantwortlich, die ihnen eigentlich fern stehen. In Europa wurde bei solchen Menschen eine starke Präferenz für die Vertiefung der europäischen Integration festgestellt, in den USA zudem eine marktkritische Haltung in der Wirtschaftsund Sozialpolitik. Auf der anderen Seite des politisch-moralischen Spektrums findet sich der ausgeprägt gewissenhafte Persönlichkeitstypus. Er hält an traditionellen Moralvorstellungen fest, bevorzugt eine marktfreundliche Wirtschaftsund Sozialpolitik, hat Sympathien für eine eher isolationistische Außenpolitik, ist oft bereit, dem Einsatz militärischer Gewalt zuzustimmen und tendiert bisweilen auch zu rechten oder gar rechtsextremen Grundorientierungen.

Was folgt aus diesem Befund über Persönlichkeitseigenschaften für die Politische Bildung? Bei der Planung politischer Bildungsprozesse muss offenbar davon ausgegangen werden, dass dieser Teil der Dispositionen nur bedingt und, wenn überhaupt, nur in einer frühen Lebensphase beeinflusst werden kann. Dies ist zunächst ein weiteres Argument dafür, die Politische Bildung früh beginnen zu lassen. Darüber hinaus bestätigen die Befunde die Erkenntnis, dass wir es in Bezug auf das Politische immer mit einer grundsätzlichen Vielfalt von Perspektiven zu tun haben, sowohl was die Art und Intensität der Partizipation als auch deren Grundorientierungen angeht. Wer die Lernenden dort abholen will, wo sie stehen, muss sich dieser Vielfalt bewusst sein und Lernprozesse so organisieren, dass der Sich-Bildende zunächst seiner ihm eigenen Perspektive folgen kann und vielleicht erst im Laufe des Lernfortschritts von selbst darauf stößt, dass die Perspektive zu eng ist und ausgeweitet oder völlig korrigiert werden muss. Wo diese Abhängigkeit zwischen Persönlichkeitstypus und politischen Einstellungen ignoriert wird, kann es schnell zu ideologischen Verhärtungen kommen. Um dieser Gefahr zu begegnen, könnten besondere didaktische und methodische Vorkehrungen getroffen werden: das systematische Bewusstmachen von Voreinstellungen zu den jeweiligen Themen (z. B. Brainstorming), die explizite Erprobung des Perspektivenwechsels (z. B. durch Rollenspiele), die gezielte Strukturierung von Arbeitsgruppen im Hinblick auf Persönlichkeitstypen und politische Präferenzen (als homogene oder heterogene Gruppen).

  • [1] Asendorpf 2002
  • [2] Im Folgenden Schoen 2012
 
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