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4.2.3 Das Geschlecht

Niemand bestreitet, dass es geschlechtsspezifische Sichtweisen, Einstellungen und Verhaltensweisen gibt [1]. Strittig allein ist, worin diese genau bestehen und woher sie kommen. Letzteres hat in den Sozialwissenschaften zu der begrifflichen Unterscheidung zwischen Sex für das biologische Geschlecht und Gender für das soziale Geschlecht geführt. Die besonders enge Bindung zwischen Mutter und Kind in den ersten Lebensjahren ist unzweifelhaft biologisch bedingt, die Art der Spielsachen, mit denen Kinder spielen, aber sozial. Für die Politische Bildung spielt der Unterschied der Geschlechter unabhängig von dieser Frage nach den Ursachen in zweierlei Hinsicht eine Rolle: Einmal wenn es darum geht, wie dieser Unterschied den Zugang zur Welt der Politik prägt, und zwar sowohl inhaltlich wie formal. Zum anderen als Thema der Politischen Bildung. Wer Politische Bildungsprozesse plant, tut gut daran, sich diese beiden Unterschiede auf der Seite der Adressaten seiner Bemühungen im Vorfeld bewusst zu machen.

Auch wenn die empirische Forschung in diesem Bereich noch nicht besonders weit fortgeschritten ist, gibt es deutliche Hinweise, dass Jungen und Mädchen bzw. Männer und Frauen tendenziell einen geschlechtsspezifischen Blick auf das Gemeinwesen haben[2]: Der männliche Blick ist primär auf den Aspekt der Macht gerichtet, fragt nach Hierarchien und interessiert sich besonders für Konflikte und Kämpfe um die Verteilung der Macht. Insofern ist der männliche Blick ein politischer in einem engeren, also gewissermaßen politikwissenschaftlichen Sinn. Der weibliche Blick ist sehr viel stärker auf den Aspekt der Beziehung gerichtet. Gefragt wird eher danach, ob Beziehungen gerecht gestaltet sind. Mädchen und Frauen sind in ihrer politischen Haltung eher konsensorientiert, für sie hat Harmonie im sozialen Miteinander einen höheren Stellenwert. Bezogen auf Wissenschaftsdisziplinen kann der weibliche Blick vielleicht eher als soziologischer oder psychologischer gekennzeichnet werden, verbunden mit einem mehr oder minder stark ethischen Grundverständnis. Natürlich gibt es Ausnahmen von dieser Dichotomie, man denke nur an die „Eiserne lady“, also die ehemalige englische Premierministerin Margret Thatcher. Es dürfte reizvoll und erkenntnisförderlich sein, in geschlechtlich gemischten Lerngruppen diese konträren Perspektiven gezielt einnehmen zu lassen und zu prüfen, inwieweit sie sich gegenseitig ergänzenden und wechselseitig relativieren können.

Für die inhaltliche Thematisierung der Geschlechterdifferenz bieten sich eine Reihe von Fragestellungen an, die zugleich einen hervorragenden Zugang zur kritischen Gesellschaftsanalyse eröffnen. Inwiefern werden Jungen bzw. Männer und Mädchen bzw. Frauen gleich oder ungleich behandelt? Hier kann relativ leicht erkannt werden, dass es in der Arbeitswelt in vielen westlichen Industriegesellschaften nach wie vor eine deutliche Diskriminierung von Frauen gibt. Im Bildungssystem hingegen gibt es seit einiger Zeit deutliche Hinweise auf eine Benachteiligung der Jungen. Es stellt sich in beiden Fällen die Frage, warum dies so ist. Dies führt zur weitergehenden Frage nach dem soziokulturellen Hintergrund von Diskriminierungserfahrungen. Warum gibt es in vormodernen Gesellschaften eine klares Gefälle zwischen den Geschlechtern in Bezug auf die Möglichkeiten der Teilhabe am öffentlichen Leben? Inwiefern ändert sich dies in der klassischen, industriegesellschaftlichen Moderne? Warum war die berufliche Diskriminierung der Frauen in den ehemals sozialistischen Ländern kaum zu finden und ist auch bei uns im Bereich des öffentlichen Dienstes weniger ausgeprägt als in der freien Wirtschaft? Erst vor diesem Hintergrund bietet es sich an, über Maßnahmen zur Erhöhung der Geschlechtergerechtigkeit in der Arbeitswelt nachzudenken, über Aufklärungsinitiativen, Quotenregelungen oder Antidiskriminierungsgesetze. Und darüber, was sich an unserem Bildungssystem ändern müsste, damit Jungen sich mit ihren Potenzialen besser einbringen können, als dies gegenwärtig der Fall ist.

Gerade der letzte Punkt zeigt, dass man das Diskriminierungsthema auch positiv wenden kann. Inwieweit bringen Männer und Frauen tatsächlich jeweils unterschiedliche biologisch oder soziokulturell begründete Potenziale mit? Wäre es nicht sinnvoll, diese Potenziale in Schulen, Betrieben, Parlamenten und Verwaltungen besser anzuerkennen und zu fördern? Wie lassen sich die geschlechtstypischen Perspektiven auf Macht und Beziehung, auf Konflikt und Konsens so verbinden,

dass sich nicht nur jeder bestmöglich verstanden fühlt und einbringen kann, sondern so auch die verfügbaren Potenziale bestmöglich gefördert werden und zur Geltung kommen [3]?

  • [1] Faulstich-Wieland 2008 und Richter 2005
  • [2] Z. B. Reinhardt 2005, S. 40 f
  • [3] Zur Vertiefung des Zusammenhangs zwischen Politik und Geschlecht vgl. z. B. Sauer 2010
 
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