Desktop-Version

Start arrow Politikwissenschaft arrow Politische Bildung

< Zurück   INHALT   Weiter >

4.2 Persönliche Dispositionen

Ein alter Grundsatz jeglicher Bildungsarbeit gilt auch für die Politische Bildung: Hole deinen Adressaten dort ab, wo er sich gerade befindet! Nachdem die Ausgangsbedingungen, die mit den jeweiligen Institutionen, in denen die Bildung stattfindet, skizziert sind, gilt es also nach jenen Bedingungen zu fragen, die die Bildungssubjekte von sich aus mitbringen. Für diese persönlichen Voraussetzungen soll der Begriff der Disposition stehen: ein Sammelbegriff, der alle Bildungsvoraussetzungen einer Person erfasst, seien sie nun von der Natur her gegeben oder erst kulturell-gesellschaftlich erworben. Wir beginnen mit primär biologischen Dispositionen, die aber meist auch sozial und kulturelle überformt sind, und kommen dann zu den rein sozial und kulturell bestimmten persönlichen Ausgangsbedingungen des politischen Bildungsprozesses.

4.2.1 Die Bedürfnisse

Der Begriff Bedürfnis soll für all das stehen, was der Mensch zum Leben braucht [1]. Bedürfnisse haben einen natürlichen Kern, der jedoch je nach kultureller und sozialer Umgebung zu sehr unterschiedlichen Formen der Befriedigung führen und ebenso unterschiedliche Arten von Lernprozessen anstoßen kann. Der Mensch braucht erstens eine bestimmte Umgebungstemperatur, Luft, Flüssigkeit, Nahrung, Ruhe und Schlaf etc. Das sind, nach der bekannten Bedürfnispyramide von Abraham Maslow, die biologischen Grundbedürfnisse. Solange diese nicht befriedigt sind, richten sich alle Aktivitäten zwangsläufig auf diese Grunderfordernisse des Lebens. Auf welche Weise wir uns jedoch ernähren oder kleiden, ist bereits eine soziokulturelle Angelegenheit, die das Lernen praktischer Überlebensstrategien und erstrebenswerter Lebensstile erfordert. Auf der nächsten Stufe der Pyramide sind die Bedürfnisse nach Schutz und Sicherheit angesiedelt. Auf der dritten Ebene finden sich die Bedürfnisse nach sozialer Anerkennung, auf der vierten das Bedürfnis nach Selbstanerkennung. Und schließlich die Spitze der Bedürfnispyramide, die gleichzeitig als Modell des menschlichen Glücksstrebens interpretiert werden kann: die Selbstverwirklichung bzw. Selbsterfüllung. Wenn ich etwas ganz aus mir selbst heraus schaffe, wenn ich meine Kräfte über alle bisherigen Grenzen hinauswachsen fühle, wenn ich Talente in mir entdecke, die ich nie und nimmer geahnt hätte, wenn ich ganz bei mir bin und genau dadurch für einen oder viele andere Menschen etwas Wichtiges bewirken kann – dann stellt sich dieses Gefühl ein.

Wir sehen also, dass mit jeder Stufe die Bedeutung der soziokulturellen Prägung der Bedürfnisse wichtiger wird. Was folgt aus dieser Übersicht über die Bedürfnisstruktur in Hinblick auf Bildungsprozesse, auch auf politische?

In vielen Situationen ergibt sich ein politischer Bildungsprozess von selbst, ohne dass explizite Überlegungen zu Bedürfnissen und Befriedigungsstrategien nötig wären. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn jemand Informationen über seine Rechte gegenüber Lehrern oder Arbeitgebern recherchiert oder sich mit anderen zusammentut, um sich gegen Unrecht zur Wehr zu setzen. Solches spontane Lernen findet in Familien, Schulen, Gleichaltrigengruppen und vor allem auch in zivilgesellschaftlichen Bewegungen ständig statt.

Bei nicht spontanen, also geplanten Bildungsprozessen hingegen kommt es darauf an, die psychischen Bedürfnisse als Triebkraft des Lernens zu nutzen. Was dies bedeutet, hat die Psychologie des Lehrens und Lernens längst herausgefunden. Für alle Bildungsprozesse, auch die politisch ausgerichteten, sind drei Aspekte besonders wichtig. Erstens müssen die körperlichen Bedürfnisse wie zum Beispiel nach sinnlichen Erfahrungen und Bewegung ernst genommen werden. Zweitens ist ein Klima der wechselseitigen Anerkennung nötig. Den Lernenden muss Gelegenheit gegeben werden, sich in gemeinsame Projekte einzubringen und so möglichst für andere unentbehrlich zu werden. Aus der sozialen Anerkennung ergibt sich noch nicht automatisch die Selbstanerkennung. Erst durch realistische Chancen auf Erfolgserlebnisse, durch die Erfahrung der Selbstwirksamkeit wird die Motivation zu weiteren Anstrengungen und zum Durchhalten der Kräfte gestärkt. Und drittens erfordert das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung bzw. Selbsterfüllung, dass Menschen wissen, wer sie sind und was sie wollen. Dieses Bedürfnis nach Identität und Autonomie ist gerade im Hinblick auf das Ziel der Mündigkeit der Person und der demokratischen Ordnung des Gemeinwesens von absolut zentraler Bedeutung.

  • [1] Z. B. Scherhorn 2002
 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics