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4.1.6 Die zivilgesellschaftliche Bewegung

Politische Bildung in einem weiteren Sinn findet nicht nur in expliziten Bildungseinrichtungen statt. Überall wo Menschen sich ihre Erfahrungen mit der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Umwelt bewusst machen, sich darüber austauschen und daraus lernen, kann von Politischer Bildung gesprochen werden. Solche Bildungsprozesse finden in digitalen und realen Netzwerken, in Bürgerinitiativen und sozialen Bewegungen ständig massenhaft statt. Diese Formen der Partizipation nehmen vermutlich in dem Maße zu, wie die Partizipation in Parteien und bei Wahlen zurückgeht. Bildungsprozesse in zivilgesellschaftlichen Bewegungen ähneln aufgrund ihres wenig reglementierten Charakters in mancher Hinsicht den Bildungsprozessen in der Familie und in der Gleichaltrigengruppe und unterscheiden sich deutlich von der schulischen Bildung [1]. Wer sich zivilgesellschaftlich engagiert, der braucht keine von außen kommende, also extrinsische Motivation. Dies gilt für das Engagement selbst wie für die dabei stattfindenden Lernprozesse. Das politische Lernen wird zum unabsichtlichen Nebeneffekt des Engagements, weil die ständige gedankliche Verarbeitung der jeweils gemachten Erfahrungen und eine ausreichende Analyse der Rahmenbedingungen notwendige Voraussetzung für die Aktivitäten und deren Erfolg sind. Der Lebensweltbezug ist von Vornherein gegeben, weil der Lernende zumeist mit Haut und Haar in das Geschehen integriert ist. Dieser Vorteil wird freilich durch einen nicht unerheblichen Nachteil erkauft: Wenn das Lernen zum Anhängsel der politischen Praxis wird, wird die Betrachtungsund Bewertungsperspektive von Vornherein dem Anliegen des Engagements untergeordnet. Dies erzeugt eine stark selektive und parteiliche Perspektive. Ganz anders in der Schule, wo die eher theoretische Herangehensweise dominiert. Hier bietet der Anspruch, die Lerngegenstände umfassend und unter Einbezug der mit ihnen meist verbundenen Kontroversen zu behandeln, einen gewissen Schutz gegen die Selektivität der Erkenntnis und die Parteilichkeit des Urteils.

Ein zweiter gravierender Unterschied bezieht sich auf die Frage des Schutzraums. Während Familien und – mit einiger Einschränkung – auch die Schule und wohl die meisten außerschulischen Bildungseinrichtungen Experimentierräume für das politische Probehandeln sind, ist dies beim zivilgesellschaftlichen Engagement nicht der Fall. Jede unbedachte politisch relevante Äußerung, jede unglückliche politisch relevante Entscheidung kann umgehend zum öffentlichen Gegenstand werden. Die Gegenspieler werden jede Gelegenheit nutzen, daraus einen Punktsieg für sich zu machen. Schon der kleinste Fehler kann sich furchtbar rächen. Das Damoklesschwert des Misserfolgs, die ständige Angst, den Erfolg des Engagements zu gefährden, verbietet geradezu das laute Denken und das Experimentieren mit unausgegorenen Ideen, die zum Wesen politischer Bildungsprozesse gehören. Im Kontext von Bildungsprozessen zählt der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ (Jürgen Habermas), im Kontext von politischen Auseinandersetzungen meistens die bessere Ausrüstung mit den jeweils angezeigten „Waffen“.

Dennoch bietet zivilgesellschaftliches Engagement beste Chancen für Politische Bildung, wenn sich die Beteiligten der genannten Gefahren bewusst sind. Das globalisierungskritische Netzwerk Attac zum Beispiel achtet sehr darauf, dass Aktionen immer von solider Bildungsarbeit begleitet werden und dass nur teilnehmen soll, wer von ihrer Sinnhaftigkeit und Angemessenheit wirklich überzeugt ist. Und auf zumeist halbjährlichen mehrtägigen zentralen Bildungsveranstaltungen wird in Fachvorträgen, Symposien und Workshops regelmäßig versucht, die aktuellen Ereignisse mit den langfristigen Prozessen und Strukturen des Globalisierungsprozesses in Beziehung zu setzen [2].

4.1.7 Fazit

Politische Bildung findet nie im luftleeren Raum statt. Sie ist immer in Institutionen eingebunden, die den Menschen prägen, ob er es merkt oder nicht. Das beginnt mit der Familie, in der durch soziales und moralisches Lernen erste affektive und kognitive Fundamente für die Herausbildung des mündigen Bürgers und des menschenwürdigen Gemeinwesens geschaffen werden können. Es geht weiter mit der Schule, deren sozialisatorische Wirkung aufgrund der widersprüchlichen Funktion, die sie in unserer Gesellschaft erfüllen muss, in einer doppelten Erfahrung besteht: Sie konfrontiert Schüler einerseits mit der rechtlichen Gleichbehandlung und der zunächst zweckfrei erscheinenden inhaltlichen Erschließung der Welt. Und sie zwingt sie andererseits zur Unterordnung unter eine amtliche bzw. institutionelle Autorität und zur Konkurrenz um knapp gehaltene gute Noten und Zeugnisse. Die Gleichaltrigengruppe, die Medien, die Bildungseinrichtungen von Verbänden sowie zivilgesellschaftliche Bewegungen und Netzwerke ermöglichen, anders als die Schule, eine primär interessengeleitete und auf thematische Schwerpunkte zielende Bildungsarbeit. Genauso wie in Familie und Schule ist auch dort keineswegs gesichert, dass es die Interessen der Kinder und Jugendlichen sind, die die Ausrichtung der Bildungsprozesse letztlich bestimmen. Nur wenn Kinder und Jugendliche nicht durch übermächtige Interessen instrumentalisiert werden, kann Politische Bildung ihr enormes emanzipatorisches Potenzial entfalten.

  • [1] Zum Vergleich mit schulischer Bildung siehe Reinhardt 2005, S. 118 ff.
  • [2] Zur Vertiefung: Schreiber/Leidig 2010
 
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