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4.1.5 Der Verband

Die außerschulische Jugendund Erwachsenenbildung findet in vielerlei Hinsicht unter institutionellen Bedingungen statt, die den schulischen diametral gegenüberstehen [1]. Sie wird nicht vom Staat für alle in prinzipiell gleicher Weise verordnet, sondern von unterschiedlichen Trägern aufgrund ganz bestimmter Interessen angeboten und von Bildungswilligen aller Art aufgrund unterschiedlichster Motive nachgefragt. Die außerschulische Jugendund Erwachsenenbildung erreicht deshalb nur eine Minderheit der Gesellschaft. Ihre Aufgabe ist es auch nicht, allgemeine Kulturtechniken und einen kulturell allgemein verbindlichen Wissenskanon weiterzugeben, sondern die jeweiligen Interessen der Anbieter und die Motive der Teilnehmer zu befriedigen. Dies geschieht im Rahmen von kommunalen, kirchlichen oder gewerkschaftlichen Jugendbildungsstätten, von Volkshochschulen, kirchlichen, gewerkschaftlichen Bildungswerken und Akademien sowie in Bildungsinstitutionen der Wirtschaft auf je unterschiedliche Art und Weise. Für öffentliche Träger spielt dabei die kulturelle Standortpflege, für die privaten die intellektuelle Nachwuchsförderung eine große Rolle. In beiden Fällen gilt Bildung, auch die politische, als entscheidender Wettbewerbsfaktor im Kampf um die Verteilung knapper Ressourcen aller Art.

Die Pluralität der außerschulischen Jugendund Erwachsenenbildung hat Konsequenzen für die formale Organisation und die Inhalte der Politischen Bildung. Sie ist im Wesentlichen eine informelle Bildung und lässt den Lehrenden und Lernenden einen ungleich größeren Spielraum als die Schule, der allerdings die Zwecke der jeweiligen Trägerinstitutionen nicht durchkreuzen darf. Die Motivation der Lernenden ist meistens intrinsischer Natur. Das Mantra der außerschulischen Politikdidaktik heißt Teilnehmerorientierung. Sie werden nicht wie Schüler als Adressaten des Bildungsgeschehens, sondern als dessen Subjekte aufgefasst, die ihren Lernprozess im Prinzip selbst in die Hand nehmen, dabei aber professionell unterstützt werden müssen. Thematisch wird von Vornherein auf jeglichen Vollständigkeitsanspruch verzichtet und stattdessen stark kontextbezogen, punktuell und aktualitätsorientiert gearbeitet. Eine Integration der Einzelthemen in größere Zusammenhänge findet nur sporadisch statt. Im Unterschied zur Schule ist die außerschulische Jugendund Erwachsenenbildung auch weniger theoretisch als vielmehr praktisch ausgerichtet: Sie will immer auch Ressource für die persönliche Lebensführung sein. Diese Lernprozesse zielen auf die ganze Breite möglicher Themen, möglicher Orte und möglicher Formen des Lernens. Deshalb geschieht die Begegnung mit den Inhalten nicht in erster Linie über Medien, sondern sehr viel stärker über den unmittelbaren Kontakt mit herausgehobenen Akteuren von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.

Jugendund Erwachsenenbildung beanspruchen zwar gleichermaßen, vor allem authentische Lernprozesse zu ermöglichen. Bei Kindern und Jugendlichen führt das in aller Regel dazu, dass diese Prozesse oft besonders zeitaufwändig sind, Umwege machen und sich „immer auch unberechenbar, ungeplant, ‚wild [2]'“ gestalten. In der Erwachsenenbildung bedeutet Teilnehmerorientierung jedoch vor allem, die unterschiedlichen Lebensläufe und –perspektiven aufzugreifen, zur Sprache zu bringen und mögliche „Dissonanzen“ zu bearbeiten. Weil ältere Menschen eine wesentlich längere Sozialisationsgeschichte als Kinder und Jugendliche hinter sich haben, ist die Ermöglichung und Förderung des Austausches von Erfahrungen und Interpretationen eine wesentliche Aufgabe der Politischen Bildungsarbeit. Was prinzipiell für alle Altersgruppen gilt, ist für ältere Teilnehmer besonders wichtig: Erst wenn sie sich mit all dem, was sie mitbringen, ernst genommen fühlen, sind sie bereit, sich für neue Erfahrungen und Sichtweisen zu öffnen.

  • [1] Z. B. Klatetzki 2008, Hafeneger 2005, Hufer 2005, Widmaier 2010. Zur Vertiefung: Meueler 2009
  • [2] Hafeneger 2005, S. 293
 
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