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4.1.2 Die Schule

Schule im heutigen Sinn ist eine historisch recht junge Institution, in Deutschland gibt es die allgemeine Schulpflicht erst seit rund 200 Jahren. Familie und Schule haben zunächst gemeinsam, dass alle heranwachsenden Mitglieder des Gemeinwesens für eine bestimmte Zeit von dieser Institution geprägt werden. Die Schule ist im Gegensatz zur Familie jedoch eine rein kulturell-gesellschaftliche Sozialisationsinstanz [1]. Sie soll die Heranwachsenden qualifizieren, selektieren und integrieren. Die Erfahrungen, die Schüler in der Schule machen, sind für die Politische Bildung von erheblicher Bedeutung. Im Gegensatz zu den Erfahrungen in der Familie sind die Erfahrungen in der Institution Schule sehr viel bedeutsamer für die Vorbereitung auf das Leben in Staat und Wirtschaft. Der erste große Unterschied zwischen Familie und Schule besteht in der Regel in der Art dieser Institution und in den Beziehungen, die ihre Mitglieder zueinander haben: Im staatlichen Schulwesen kommen alle Kinder, zumindest in den ersten Schuljahren, prinzipiell in ein und dieselbe Art von Schule. Die Kinder erfahren dort zudem, dass sie alle prinzipiell gleich behandelt werden, dass ihre unterschiedliche familiäre Herkunft keine wesentliche Rolle mehr spielt. Und sie werden zum ersten Mal in ihrem Leben in der Gestalt der Lehkraft mit einer Autorität konfrontiert, die sich allen Kindern gegenüber gleich verhalten muss und im Wesentlichen nicht aus Liebe, sondern aus einer amtlichen und beruflichen Verpflichtung heraus das Wohl der Kinder fördert. Während zu Beginn der Schullaufbahn noch die menschliche Beziehung, meist zur weiblichen Lehrkraft, eine große Rolle spielt, tritt dieses erzieherische Element im Laufe der Jahre immer mehr zurück und wird durch die Sozialisationsfunktion der Institution überlagert. Indem die Schule die Schüler mit dem Prinzip der formalen Gleichheit, das den Schulalltag durchzieht, konfrontiert, leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Vorbereitung auf das Leben im Rechtsstaat. Wenn Kinder dann die Erfahrung machen, dass in der Schule nicht die eigenen Bedürfnisse zählen, sondern die Autorität der Lehrkraft in Verbindung mit dem staatlichen Lehrplan, dass für die Lernprozesse nicht der je individuell nötige Zeitbedarf zugrunde gelegt wird, sondern ein für alle gleiches Durchschnittsmaß, dass die von ihnen erbrachten Leistungen nicht nach den individuellen Anstrengungen, sondern nach den am Durchschnitt gemessenen Resultaten gemessen werden und so zwangsläufig in vielen Fällen ein Konkurrenzverhältnis zwischen ihnen entsteht – dann werden die Schüler unmerklich für die grundlegenden Spielregeln einer vom Marktmechanismus gesteuerten Wirtschaftsordnung sozialisiert. Die in Prüfungen nachgewiesenen Bildungsleistungen dienen als Instrument zur Selektion, die eine Vorverteilung in Hinblick auf die späteren Lebenschancen darstellt. Neben diesen sozialisatorischen Wirkungen vermittelt die Schule natürlich auch wichtige Bildungsinhalte. Bezeichnend ist aber, dass deren Quantität und Qualität stark von der Art der Schule abhängen. Dabei wird nach dem bekannten Matthäus-Prinzip verfahren: Wer hat, dem wird gegeben werden, wer fast nichts hat, dem wird auch das noch genommen. Kindern und Jugendlichen, die von Zuhause einen soliden Sockel an Bildung mitbringen, eröffnen Gymnasium und Hochschule wesentlich umfangreichere Bildungsgelegenheiten als Kindern und Jugendlichen aus bildungsärmeren Schichten.

Unabhängig von der Quantität ist die Bildung in der Schule qualitativ generell eher theoretisch ausgerichtet. Dies gilt auch für die Politische Bildung. Dabei werden zwar alle drei Dimensionen des Politischen einbezogen, aber im Zentrum steht doch eher die Frage nach Ordnungen und Prozessen, weniger nach Inhalten. Theoretisch ausgerichtet ist die Politische Bildung in der Schule auch insofern, als sie fast ausschließlich mit Medien arbeitet, den direkten Kontakt mit der Realität eher selten herstellt. Die Praxisferne sorgt zwar dafür, dass die Lernleistungen der Schüler gut getestet werden und somit der Selektionsauftrag der Schule auch hier halbwegs korrekt erfüllt werden kann. Begeisterung für das Fach Politik, Gesellschaft, Sozialkunde o. ä. entsteht so jedoch oft nur bei einigen wenigen Schülern. So bewirkt der institutionelle Rahmen der Schule in aller Regel, dass es unter Schülern als „Laberfach“ oft nicht besonders hoch im Kurs steht. Hier deckt sich offenbar die oft geringe Wertschätzung der Schüler mit derjenigen der Bildungspolitiker, wenn man die kümmerliche Ausstattung des Faches mit Unterrichtsstunden bedenkt, etwa im Vergleich zu Religion bzw. Ethik oder auch Mathematik.

Die Schule müsste allerdings nicht so sein, wie sie derzeit ist. Denn gerade die theoretische Ausrichtung der Politischen Bildung in der Schule böte hervorragende Möglichkeiten, Grundsatzfragen unseres Gemeinwesens in einem ausgezeichneten Schutzraum zu thematisieren. Und dies könnte, wenn denn die Schule als Ort der Bildung von Menschen ernst genommen werden würde, auf eine Art und Weise geschehen, die die Kreativität und Phantasie der Kinder und Jugendlichen zugleich herausfordert und – im Interesse des Gemeinwesens – auch fördert und beflügelt. Dazu müsste die Schule sich allerdings gegen ihre Instrumentalisierung als Selektionseinrichtung der Gesellschaft zur Wehr setzen und sich ganz auf ihre Kernaufgabe besinnen: die Menschen zu stärken und die Sachen zu klären (Hartmut von Hentig)[2]. Auch eine solche Schule könnte die Heranwachsenden ja mit dem Faktum institutioneller Gleichheit und institutioneller Autorität bekannt machen. Und sie könnte ihnen vor allem schrittweise Möglichkeiten zur Partizipation an jenen Entscheidungen eröffnen, die mit allen Lernprozessen notwendig einhergehen. An diesem Punkt setzt die Demokratiepädagogik an (siehe Kap. 5.2).

  • [1] Z. B. Horstkemper/Tillmann 2008 und Nonnenmacher 2010. Zur Vertiefung vgl. Reheis 2007
  • [2] Hentig 1985
 
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