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3.2.2 Zoon politikon versus Homo oeconomicus

Für die alten Griechen waren Eigenschaften wie Egozentrismus und Egoismus der Inbegriff von menschlicher Unmündigkeit. Wer sein Leben nur als Privatmann führte und sich um allgemeine Angelegenheiten nicht scherte, der zählte zu den „idiotés“, zu den Ungebildeten, die in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz unten standen. Das Wort Idiotie bedeutete sowohl Torheit als auch Privatleben [1]. Für das Leben in der Polis war es erstrebenswert, sich möglichst weitgehend für das Gemeinwesen einzusetzen. Perikles soll, so berichtet der Geschichtsschreiber Thukydides (454?–399? v. Chr.), in seiner berühmten Grabrede davon gesprochen haben, dass ein Bürger, der keinen Sinn für das Gemeinwesen, also für die Politik hat, nicht einfach ein zurückhaltendes, sondern ein „unnützes“ Mitglied dieses Gemeinwesens ist. Deshalb spiele für die Athener die Bildung eine zentrale Rolle, die attische Polis sei „in ihrer Gesamtheit eine Bildungsund Erziehungsstätte für Hellas [2].“ Im Übrigen verweist auch die Geschichte des Wortes „privat“ auf die Problematik der Absonderung des Menschen von seinem Gemeinwesen: Privat kommt vom lateinischen „privare“ für „rauben“. Privateigentum ist also Eigentum, das ursprünglich der Gemeinschaft gehörte und dieser durch einen Gewaltakt entzogen worden ist.

Das neuzeitlich-liberalistisch geprägte Verständnis der Gegenwart weist dem Gemeinwesen nicht mehr die Aufgabe zu, die Menschen zu einem guten Leben anzuleiten. Dafür ist nun der Bürger selbst zuständig. Daraus folgt für den Bürger, dass er jetzt selbst dafür sorgen muss, dass das Zoon politikon und der Homo oeconomicus miteinander versöhnt werden. Er muss beide Wesen also gewissermaßen in sich vereinigen. Die Bürger müssen einerseits die faktische Eingebundenheit in und die normative Verantwortlichkeit für das Gemeinwesen, andererseits die faktische Abgetrenntheit vom Gemeinwesen und die normative Ichbezogenheit anerkennen und entsprechend in ihr Leben integrieren. Sie müssen also den Bourgeois und den Citoyen in ihre Person integrieren. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, wie tief diese gegensätzlichen Anforderungen in die persönliche Lebensführung hineinreichen.

Wie sehr Menschen von dieser Aufgabe überfordert sein können, lässt sich am Scheitern der Weimarer Republik gut studieren. Wie konnte es geschehen, dass die humanistischen Werte, die in Deutschland über Jahrhunderte fest verankert schienen, einen derart beschleunigten Erosionsprozess durchmachen konnten? Der Soziologe Oskar Negt geht in seiner Studie „Der politische Mensch“ mit dem Untertitel „Demokratie als Lebensform“ der Frage nach, unter welchen Bedingungen viele der teils hochgebildeten Menschen ihren „politischen Verstand“ verliert, während andere, denen man einen solchen politischen Verstand nie zugetraut hätte, zum Beispiel der Münchner Schreiner Georg Elser, sich unter Einsatz ihres Lebens für das Gemeinwesen einsetzten. Negt fragt nach der Bedeutung von Erfahrung, Wissen und Charakter. Einen ersten Ansatz zur Erklärung sieht er in der Neigung des Menschen, in Belastungssituationen die Wirklichkeit in unterschiedliche Bereiche einzuteilen, die untereinander keine Verbindung mehr haben. Eine solche „Wirklichkeitsspaltung“ ermöglicht es dem Einzelnen, widersprüchlichen Anforderungen gleichermaßen gerecht zu werden [3]. Man denke an jene führenden Mitglieder in NSDAP und SS, die mit großer Sorgfalt und Begeisterung ihre Aufgaben in Planungsstäben, Konzentrationslagern oder an der Front erledigten, gleichzeitig aber als fürsorgliche Eltern und feinsinnige Kunstfreunde ihr Leben zu führen vermochten. Auch die Rollenverteilung zwischen dem Zoon politikon und dem Homo oeconomicus, zwischen dem Citoyen und dem Bourgeois kann vor diesem Hintergrund nicht einfach als funktionale Differenzierung, sondern muss als mehr oder minder ausgeprägte Wirklichkeitsspaltung verstanden werden.

Das führt in Bezug auf heute zur Frage, wie Menschen vor solchen Wirklichkeitsspaltungen bewahrt werden können. „Erziehung nach Auschwitz“, so Adornos Fazit, muss vor allen anderen Zielen dafür sorgen, dass sich Auschwitz nicht wiederholt [4]. Auschwitz steht dabei für die totale Entgleisung der Fortschrittsidee, ihre perverse Spaltung in technische Hochleistung und menschliche Barbarei. In Bezug auf Bildung spricht Adorno von der „Halbbildung“ des Menschen im 20. Jahrhundert, einer Form der Bildung, die nur an der Oberfläche des Menschseins verbleibt und keine wirkliche Barriere gegen die Barbarei darstellt. Wenn Menschen zu menschenverachtenden Taten fähig sind oder solche Taten auch nur dulden, hängt dies Adorno zufolge nicht nur damit zusammen, dass sie die letztlichen Zwecke ihrer Handlungen geistig ausblenden. Vielmehr erklärt sich solches Verhalten immer auch durch massive Ängste, die zur Unterwerfung unter die herrschende Macht und zur Unterdrückung aller menschlichen Skrupel führt. Deshalb kommt es, so Adorno, in Zukunft darauf an, dass es gelingt, Menschen angstfrei aufwachsen und leben zu lassen. Nur dann nämlich kann ihr Vernunftpotenzial zum Tragen kommen, nur dann hat Mündigkeit eine Chance.

  • [1] Z. B. Negt 2010, S. 13
  • [2] Zitiert nach Negt 2010, S. 13 f
  • [3] Negt 2010, S 23–27
  • [4] Adorno 1966
 
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