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3.2 Der mündige Bürger

Welche Bürger braucht ein menschenwürdiges Gemeinwesen? Es braucht Menschen, die sich ihrer Würde bewusst sind: Menschen mit aufrechtem Gang, einem weichen Herzen und einem kühlen Kopf. Sie müssen in der Lage sein, ihr Gemeinwesen zu verteidigen, zu kritisieren und Widerstand zu leisten, wenn es nötig ist. Kurz: Ein menschenwürdiges Gemeinwesen braucht mündige Bürger. Und Mündigkeit muss gelernt und geübt werden, genauso wie das menschenwürdige Gemeinwesen aufgebaut und gepflegt werden muss. Für Deutschland gilt der Untergang der Weimarer Republik als erschreckendes Beispiel dafür, was passiert, wenn dieses Bewusstsein schwindet.

3.2.1 Aufklärung und Mündigkeit

Beginnen wir mit der Definition der Begriffe „Mündigkeit“ und „Bürger“. Im engeren Sinn dient der Mündigkeitsbegriff der rechtlichen Kennzeichnung des Übergangs von der Jugendzur Erwachsenenphase: Wer mündig ist, darf selbst Verträge abschließen und wählen. In einem weiteren Sinn wird das Kennzeichen der Selbständigkeit auf die gesamte Lebensführung, insbesondere die moralischethische Ausrichtung angewendet. Mündig ist zunächst, wer selbstständig seinen Mund aufmacht. Natürlich nicht immer und überall, sondern nur, wenn es nötig ist, auch Zustimmung kann ein Zeichen von Mündigkeit sein. Die Frage, wann Widerspruch geboten ist, muss von mündigen Menschen also selbständig beurteilt werden können.

Der Begriff des Bürgers versteht sich nicht von selbst. Seit Beginn des so genannten bürgerlichen Zeitalters, das maßgeblich durch die Französische Revolution eingeläutet wurde, unterscheidet man zwischen dem Staatsbürger (Citoyen) und dem Wirtschaftsbürger (Bourgeois) (siehe Kap. 3.1, Fußnote 8). Ein Staatsbürger ist ein vollwertiges Mitglied eines Staates, ausgestattet mit allen Rechten und Pflichten. Wirtschaftsbürger waren ursprünglich nur selbstständige Gewerbetreibende, die sich als dritter Stand von den anderen Ständen abgrenzten. Ihr Selbstbewusstsein stützte sich darauf, dass sie nicht nur wohlhabend waren, sondern ihren Wohlstand auch als selbst erarbeitet ansahen, im Gegensatz zu Adel und Klerus. Heute gilt der Begriff des Wirtschaftsbürgers als Sammelbegriff für all jene Rollen, die Menschen als Akteure der Wirtschaft einnehmen können, also als Konsument, als Arbeitnehmer und Arbeitgeber, als Sparer und Investor.

Die Vorstellung, dass Staatsund Wirtschaftsbürger selbständig denken, fühlen und handeln sollen, ist relativ neu und keineswegs unumstritten. Sie ist der Inbegriff dessen, was wir Aufklärung nennen: Der Mensch überwindet, nach der bekannten Definition von Immanuel Kant (1724–1804), seine „selbst verschuldete Unmündigkeit“[1]. Für die Aufklärer waren die absolutistischen Monarchien der frühen Neuzeit genauso wie die Ständeordnung des Mittelalters durch das unselbstständige Leben der Menschen charakterisiert. Grundherrn, Fürsten und Kirche galten als jene Autoritäten, die die Regeln setzten und somit die Selbstständigkeit der Menschen im Kern verhinderten. Der absolute Fürst sah sich als losgelöst von allen Gesetzen („legibus solutus“), für ihn zählte allein sein persönlicher Wille. Und dieser sollte sich im Prinzip auf Staat und Wirtschaft gleichermaßen erstrecken. Deshalb beanspruchte der absolute Fürst, seinen Staat so zu regieren, wie ein Kaufmann (mercator) sein Unternehmen führt (Merkantilismus).

Wenn Kant die Unselbstständigkeit im Mittelalter und im Absolutismus als „selbstverschuldet“ bezeichnet, denkt er an die Faulheit und Feigheit eines großen Teils seiner Zeitgenossen. Von seinen Anlagen her verfügt der erwachsene Mensch, so Kants Begründung, in aller Regel über jenen Verstand, dessen er sich „ohne Leitung eines anderen“ bedienen kann. Äußere Voraussetzung dazu ist die Freiheit, dies auch wirklich tun zu dürfen. Es hängt alles vom Willen ab, diese Freiheit auch zu nutzen. Kant räumt zwar ein, dass für den Einzelnen die individuelle Unmündigkeit oft fast schon zur Natur geworden ist. Wenn der Mensch sich aber in Gemeinschaft mit anderen befindet, unter denen einige das „Joch der Unmündigkeit“ bereits abgeworfen haben, wird sich der Geist der Vernunft von selbst ausbreiten. Der Erfolg dieser kollektiven Selbstaufklärung des Menschen ist für Kant „beinahe unausbleiblich“. Entscheidend sei, dass die enschen sich ihres Verstandes ohne Anleitung eines anderen nicht nur privat, sondern auch öffentlich bedienen. Erst im freien Diskurs, so sagen wir heute, hat die Wahrheit eine gute Chance. Die Folgen einer solchen Aufklärung sind, so die Überzeugung der Aufklärer, im wahrsten Sinne des Wortes revolutionär: Die Geschichte erhält eine neue Richtung, der Mensch emanzipiert sich von unvernünftigen Zwängen, die Idee eines geistigen Fortschritts ist geboren.

Soweit der Anspruch der Aufklärung. Wohin hat sie den Menschen aber tatsächlich gebracht? Unter dem Eindruck der Barbareien zwischen 1933 und 1945, zu denen sich das Volk der Dichter und Denker im 20. Jahrhundert als fähig erwies, diagnostizieren die Sozialphilosophen Max Horkheimer (1895–1973) und Theodor W. Adorno (1903–1969) eine höchst einseitige Form der Entwicklung von Vernunft [2]: In Bezug auf die Instrumente, also der Technologien und Logistiken der inneren (Vernichtungslager) und äußeren (Kriegsführung) Zerstörungsmaschinen, haben 200 Jahre Aufklärungsgeschichte tatsächlich Spitzenleistungen erbracht. In dieser Hinsicht (Effektivität und Effizienz) sind wir hochgradig aufgeklärt. Aber in Bezug auf die Zwecke, denen diese Mittel dienen, bewegen wir uns völlig im Dunkeln. Die instrumentell reduzierte Vernunft ist also weit fortgeschritten, die menschliche weit zurückgeblieben. Mehr noch: Je stärker wir uns auf Instrumente, also Sachen konzentrieren, desto mehr verschwindet der Mensch [3]. Horkheimer und Adorno fordern deshalb eine „Aufklärung der Aufklärung“.

Heute, fast 70 Jahre nach dem Ende dieser Barbarei, bleibt diese Diagnose aktuell: Männer, die Massaker anrichten, wie zum Beispiel der norwegische Rassist Andre Breivik, werden als hoch intelligente Menschen beschrieben, die ihre Intelligenz in den Dienst der abscheulichsten Zwecke stellen. Aber auch weniger spektakuläre Formen von Vernunftversagen drängen sich auf, wenn wir unsere Art von Fortschritt mit kritischer Distanz zu beurteilen versuchen. Die reichen und einflussreichen Gesellschaften der Welt sind mit großem Aufwand bestrebt, möglichst jedem Kind im Norden der Welt möglichst früh und fast kostenlos HighTech-Geräte zum Telefonieren, Spielen, Filmen und Internetsurfen zur Verfügung zu stellen, und lassen es gleichzeitig zu, dass 25.000 Kinder im Süden der Welt täglich verhungern oder an vermeidbaren Krankheiten sterben. Zweihundert Jahre Aufklärung haben, so die Bilanz vieler kritischer Sozialphilosophen, eine halbierte Rationalität hervorgebracht, die hoch entwickelten technischen Fortschritt und erbärmlichen menschlichen Rückstand in scharfen Kontrast zueinander gebracht hat.

  • [1] Kant 1784
  • [2] Horkheimer/Adorno 1947
  • [3] Vgl. auch „Die Antiquiertheit des Menschen“ von Günter Anders (1956)
 
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