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3.1.2 Rechtfertigungen für die Menschenwürde als normative Leitidee

Zur Rechtfertigung der Menschenwürde in diesem Doppelsinn von Wesenskern und Gestaltungsauftrag wurden in der Neuzeit im Grunde zwei Strategien verfolgt: eine theologische und eine philosophische [1]. Die theologische versuchte, das Menschenbild des Mittelalters in die Neuzeit herüber zu retten. Es knüpfte die Würde des Menschen an die Religion und begründete sie damit, dass Gott den Menschen als sein Ebenbild geschaffen habe. Die Aufklärung fordert jedoch eine streng weltliche Rechtfertigung der Menschenwürde. Die philosophische Rechtfertigung der Menschenwürde kommt deshalb ohne Gott aus und beruft sich allein auf den Menschen: teils auf seine Vernunft, teils auf seine Erfahrungen. Dass der Mensch eine besondere geistige Fähigkeit hat, legt in der Tat ein einfacher Blick auf die Evolutionsgeschichte nahe: Nur der Mensch hat die Instrumente, mit denen er sich die Natur aneignet, permanent erneuert. Daraus folgern viele Philosophen, dass der Mensch diese Fähigkeit auch einbringen sollte. Aber streng genommen ist für diese Folgerung vom Sein zum Sollen noch ein Willensentschluss erforderlich.

Für einen solchen Entschluss spricht, dass jeder Versuch, Abstufungen in Bezug auf die Würde vorzunehmen, von Vornherein theoretisch ins Bodenlose und praktisch in Willkür und Barbarei führen müsse. Zum selben Ergebnis kommt man, wenn man von historischen Erfahrungen ausgeht, über deren Interpretation sich Menschen weitgehend einig sind: die Erfahrung, dass Menschen immer wieder in ihrem innersten Kern verletzt worden seien und dass solche Verletzungen auf jeden Fall in Zukunft vermieden werden müssen. Auch wenn über das Vorliegen solcher Verletzungen keineswegs immer ein Konsens besteht, spricht doch Vieles dafür, wenigstens jene Verletzungen als menschenunwürdig zu interpretieren, die niemand von uns freiwillig erleiden möchte. Weitere eher empirische Argumente für die gleiche Würde aller Menschen wurden aus der Bedürfnisnatur, der Verletzlichkeit, der Hilfsbedürftigkeit, der Mitleidsfähigkeit oder der Annahme eines angeborenen Gewissens abgeleitet [2].

Ganz gleich, welche Rechtfertigung am meisten überzeugt: Die Idee der Menschenwürde hat eine beispiellose Karriere in der Geschichte des menschlichen Denkens hingelegt. Sie ist prinzipiell anschlussfähig an religiöse, philosophische, geschichts-, politik-, rechtsund sozialwissenschaftliche Diskurse, an die Verfassungsentwicklung zumindest der vergangenen 300 Jahre und seit rund 100 Jahren an die Entwicklung des internationalen Rechts. Wo immer Werte im Konflikt zueinander stehen, muss die Kategorie der Menschenwürde herangezogen werden. Die Menschenwürde gilt als Leitbzw. Metawert, als regulative Idee, in der all das enthalten ist, was wir mit Freiheit, Gleichheit und Solidarität letztlich bezwecken wollen. Deshalb waren die Väter und Mütter des Grundgesetzes gut beraten, die Achtung und den Schutz der unantastbaren Würde des Menschen als „Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ anzuerkennen und dies nicht irgendwo, sondern an absolut herausragender Stelle, nämlich im ersten Absatz des ersten Artikels des Grundgesetzes festzuhalten. Die Würde des Menschen ist jener übergeordnete Maßstab, an dem alle Bemühungen der Gestaltung des Gemeinwesens gemessen werden müssen.

Aber nicht alle politisch relevanten Diskurse lassen sich ohne weiteres mit dem Begriff der Menschenwürde verbinden. In der liberalen Markttheorie zum Beispiel ist nicht vorgesehen, dass der Mensch einen Wert an sich darstellt. Diese Theorie registriert den Menschen mit all seinen Bedürfnissen nur unter der Voraussetzung, dass er mit einer entsprechenden Kaufkraft ausgestattet ist. Erst dann nämlich kann er den Markt wirklich betreten und eine entsprechende Nachfrage nach einem Gut auslösen. Erst dann wird er vom Markt ernst genommen, vorher war er für den Markt nicht existent. Was für die Bedürfnisse des Menschen gilt, gilt auch für seine Fähigkeiten. Auch die Arbeitsfähigkeit wird nämlich auf dem Markt erst dann registriert wird, wenn es sich um eine solche handelt, nach der eine entsprechende Nachfrage besteht. Wir haben es also mit einer spezifischen Engführung des Blickes zu tun, eine angeborene Würde ist in der Markttheorie nicht vorgesehen. So kann es nicht verwundern, dass der bekannte neoliberale Wirtschaftswissenschaftler Friedrich August von Hayek zwar die „edlen“ und „lobenswerten“ „Gefühle“ anerkennt, die im Begriff der Menschenwürde zum Ausdruck kommen, aber betont, dass mit diesen Gefühlen in der Praxis, wo es um rationale Überzeugungen und entsprechende Problemlösungen gehe, nichts Rechtes anzufangen sei [3].

Aus einer nicht liberalistisch verkürzten Perspektive ist die Leitidee der Menschenwürde jedoch unverzichtbar. Nur hier ist also die beliebt gewordene Rede von der Alternativlosigkeit gerechtfertigt (vgl. Einleitung). Dabei darf in der Praxis der Politischen Bildung jedoch nicht der Fehler begangen werden zu glauben, dass die Überzeugung von der Unverzichtbarkeit der Menschenwürde als normative Leitidee allein oder auch nur primär eine Sache der richtigen Argumente sei. Für die Verankerung dieser Idee in den Köpfen und Herzen der Menschen sind ihre persönlichen Erfahrungen entscheidend. Und unter diesen Erfahrungen ist vermutlich die Erfahrung der sozialen Anerkennung die wichtigste. Wer die Erfahrung macht – in Familie, Schule, Betrieb usw. –, dass er selbst menschenwürdig behandelt wird, der wird in der Regel auch die Menschenwürde anderer respektieren und die generelle Orientierung des Gemeinwesens an dieser Leitidee mit allen Kräften unterstützen (vgl. auch Kap. 5.2 und 6.1).

  • [1] Z. B. Bayertz 1999
  • [2] Zur Vertiefung z. B. Wetz 2011
  • [3] Zitiert nach Wetz 2011, S. 13. Zur Vertiefung des Verhältnisses zwischen Menschenwürde und dem Menschenbild der Markttheorie vgl. Ötsch 2009, v. a. S. 323–332
 
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