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2.4 Theorie und Praxis

Zum Schluss sei noch die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis angesprochen. Die in diesem Einführungsbuch unterbreiteten Überlegungen sind ja zunächst rein theoretischer Natur. Theorien beschreiben und erklären die Wirklichkeit, ihre Aussagen werden deskriptiv-analytisch genannt. An solche wissenschaftliche Theorien werden gemeinhin zwei Qualitätskriterien angelegt: Sie müssen in sich logisch, also schlüssig sein. Und sie sollten von der Erfahrung gestützt sein, dürfen ihr jedenfalls nicht widersprechen [1]. Idealerweise sollten Theorien, die sich als qualitativ hochwertig erweisen, im Anschluss an ihre Konstruktion und Überprüfung auch tatsächlich die Praxis anleiten. Sie sollten uns also helfen, Ziele und Mittel zu bestimmen und dann mit unseren Bemühungen erfolgreich zu sein. Werden Theorien in der Praxis angewendet, erfüllen sie eine technische Funktion, ihre Aussagen heißen dann präskriptiv oder normativ. In der Politischen Bildung haben wir es, wie auch in der Bildung generell, meist eher mit präskriptiven bzw. normativen Überlegungen als mit empirisch-analytischen Erkenntnissen zu tun. Denn wir wollen in erster Linie wissen, was praktisch zu tun ist, und geben uns deshalb damit zufrieden, dass Vieles, was wir über die realen Verhältnisse vermuten, auf nicht exakt geprüften Theorien aufbaut. Aber was bleibt uns anderes übrig? Wir sind ja täglich zum Handeln gezwungen und können nicht so lange warten, bis alles sonnenklar ist.

Wie kann die Wissenschaft für ein besseres Verständnis der Praxis der Politischen Bildung sorgen? Welche Wissenschaftsdisziplinen sind bei der Klärung theoretischer und praktischer Fragen der Politischen Bildung gefordert? Zunächst fällt auf, dass die Ausbildung der Praktiker der Politischen Bildung an den deutschen Universitäten entweder mehr den sozialoder mehr den humanwissenschaftlichen Fakultäten angegliedert ist. Dies variiert von Bundesland zu Bundesland und von Universität zu Universität. In den sozialwissenschaftlichen Fakultäten ist traditionellerweise entweder die Politikwissenschaft oder die Soziologie die primäre Bezugswissenschaft, wobei in der Regel auch verfassungsrechtliche und wirtschaftswissenschaftliche Anteile dazukommen. Innerhalb der Humanwissenschaften sind die Psychologie, vor allem die Entwicklungsund Lernpsychologie, die Pädagogik, vor allem die Allgemeine Didaktik und die Schulpädagogik für die Politische Bildung einschlägig. Integriert in Ausbildung und Forschung sind oft auch sozialphilosophische und anthropologische Inhalte.

So wie die Definition von Politik im Laufe der Geschichte immer wieder hoch umstritten war, so war es auch die Definition von Politischer Bildung. Nachdem zum Beispiel in den späten 60er und den 70er Jahren hauptsächlich über die politisch-ideologische Ausrichtung der Politischen Bildung diskutiert wurde, zeigt sich heute tendenziell ein anderes Bild. Vereinfacht kann man den Diskurs so charakterisieren: Auf der einen Seite finden sich die meist von der Politikwissenschaft oder von der Soziologie kommenden Wissenschaftler, die in der Vermittlung von politikbezogenem Sachwissen oder in der Unterstützung der politikbezogenen Bewusstseinsarbeit die Hauptaufgabe der Politischen Bildung sehen. Auf der anderen Seite die meist aus der Schulpädagogik oder aus der Schulpraxis kommenden Autoren, die in der Ermöglichung von politikbezogenen Erfahrungen den eigentlichen Schlüssel zur Politischen Bildung sehen. In dieser Einführung wird entsprechend dem weiten Verständnis von Politischer Bildung versucht, beide Schwerpunkte miteinander zu verbinden und zu zeigen, dass nur eine integrierte Behandlung der Politischen Bildung diesem Gegenstand gerecht werden kann.

An dieser Stelle soll noch einmal an das erinnert werden, was in der Einleitung zum kritischen Anspruch dieser Einführung, nämlich die Notwendigkeit genauer Unterscheidungen, gesagt wurde: Es ist wichtig, in der theoretischen Beschäftigung mit Politischer Bildung zwischen Aussagen, die sich auf die Realität beziehen, und solchen, die sich auf Ideen beziehen, zu unterscheiden. Erstere informieren uns über das, was ist, Letztere über das, was sein soll. Nur wenn Beides zu jedem Zeitpunkt präsent ist, besteht die Chance, den Veränderungsbzw. Handlungsbedarf zu erkennen. Für den kritischen Anspruch dieser Einführung ist entscheidend, dass das Spannungsverhältnis zwischen beiden Arten von theoretischen Aussagen, also zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, zu jedem Zeitpunkt aufrecht erhalten bleibt. Nur so kann das doppelte Bewusstsein dafür, dass sich Vieles ändern, Vieles aber auch bewahrt werden muss, lebendig gehalten werden. Zwar ist eine solide Theorie über die Wirklichkeit von Politik und Bildung die unverzichtbare Grundlage für jegliche Erörterungen über Praxisfragen. Aber auch in Bezug auf die Politische Bildung gilt es, den über das Wirklichkeitsverständnis hinaus weisenden Möglichkeitssinn des Menschen zu schärfen, ja zu beflügeln.

2.5 Fazit

Die Begriffe „Politik“ und „Bildung“ werden in dieser kritischen Einführung weit gefasst. Politik ist demnach alles, was sich auf das menschliche Gemeinwesen bezieht. Bildung bezeichnet die Gesamtheit jener Prozesse, durch die der Mensch geprägt wird und sich selbst prägt. Unter Politischer Bildung sind also jene Prägungsprozesse zu verstehen, die auf das Leben im Gemeinwesen zielen.

  • [1] Am besten ist es, wenn Theorien so formuliert sind, dass sie an der Erfahrung leicht scheitern können, und wenn sie zudem trotz aller Widerlegungsversuche bisher nicht gescheitert sind (Falsifikationsprinzip)
 
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