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2.2 Bildung

Auch bei der Bildung gehen wir zunächst von einem weiten Begriff aus. Er umfasst alle pädagogischen Grundvorgänge, also alle Prozesse, die Menschen in irgendeiner Weise formen und prägen [1]. Dabei soll es noch keine Rolle spielen, von wem diese Formungsund Prägungsprozesse ausgehen, ob sie ein klares Ziel verfolgen, welche Mittel dabei zum Einsatz kommen und wie tief sie in das Innere des Menschen vorzudringen vermögen.

Der weite Bildungsbegriff ist ein echter Sammelbegriff für eine Vielfalt von Prozessen, die je nach Wissenschaftsdisziplin sehr unterschiedlich benannt werden. Dazu gehören jene Prägungen, die in der Soziologie als Sozialisation bezeichnet werden und alles umfassen, was ein Individuum zu einem kompetenten Mitglied der Gesellschaft machen. Und dazu gehören auch jene Prägungen, die Psychologen und Pädagogen als Lernen, Erziehung oder Bildung in einem engeren Sinn bezeichnen. Wir werden im Verlaufe dieser Einführung sehen, dass eine Ausdifferenzierung dieser Prägungsprozesse im Zusammenhang mit der Politischen Bildung nicht nur notwendig ist. Sie enthält auch einen ungeahnten Sprengsatz (vgl. Kap. 5.2).

2.3 Politische Bildung

Bezieht man Bildung und Politik aufeinander, kommt man zur Politischen Bildung. Dabei handelt es sich um eine Bildung, die grundsätzlich auf die Politik bezogen ist. Ob damit eine engere oder weitere Politik gemeint ist, hängt ausschließlich davon ab, welche politischen Vorstellungen zugrunde gelegt werden. Als sich in der Antike die männlichen Spartaner schon als Kinder für den Krieg ertüchtigten und die jungen Athener sich rhetorisch bildeten, um in der Volksversammlung die Massen mitreißen zu können, handelte es sich aus der Perspektive des oben dargelegten weiten Bildungsbegriffes beide Male um Politische Bildung. Das Gleiche gilt für jene Bildungsprozesse, die in mittelalterlichen Klöstern oder an frühneuzeitlichen Fürstenhöfen für die Schulung des kirchlichen und weltlichen Verwaltungspersonals bis hin zu den Spitzenpositionen in Kirche und Staat sorgten.

Wie sehr Bildung in Herrschaftsverhältnisse eingebunden ist, zeigt zum Beispiel ein Erlass des deutschen Kaisers Wilhelm II. aus dem Jahr 1889, der die Schule beauftragte, der Ausbreitung sozialistischer und kommunistischer Ideen entgegenzuwirken: Der Jugend muss die „Überzeugung verschafft“ werden, „dass die Lehren der Sozialdemokratie nicht nur den göttlichen Geboten und der christlichen Sittenlehre widersprechen, sondern in Wirklichkeit unausführbar und in ihren Konsequenzen dem Einzelnen und dem Ganzen gleich verderblich sind“ [2]. Auf der anderen Seite sah auch die Arbeiterbewegung die Politische Bildung als eine wichtige Aufgabe an und gründete deshalb im 19. Jahrhundert im großen Stil Arbeiterbildungsvereine. Und heute definiert sich das globalisierungskritische Netzwerk Attac als „aktionsorientierte Volksbildungsbewegung“, die Menschen über die gegenwärtige Form der Globalisierung aufklären und ihnen den Blick für Alternativen öffnen möchte [3]. In all diesen Fällen ging und geht es darum, die Mitglieder des Gemeinwesens so zu formen, dass sie zur Bewältigung der – wie auch immer definierten – Aufgaben in der Lage waren bzw. sind.

Politische Bildung kann niemals losgelöst von den historischen Konstellationen und politischen Auseinandersetzungen existieren. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass nach den beiden großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts in Deutschland zwar jedes Mal gefordert wurde, Politische Bildung als eine zentrale Aufgabe der Allgemeinbildenden Schulen anzuerkennen und dafür ein eigenes Unterrichtsfach einzurichten. Da aber die Auffassungen über Auftrag und Konzeption unter den jeweils politisch Verantwortlichen ausgesprochen stark differierten und mit dem zeitlichen Abstand zu den Katastrophen die Dringlichkeit der Prävention im öffentlichen Bewusstsein stark zurückging, kam auch beim zweiten Anlauf in der Bundesrepublik am Ende nur jener klägliche Kompromiss zustande, der heute von den Praktikern der Politischen Bildung so sehr beklagt wird [4].

Die genannten Beispiele für Politische Bildung belegen zugleich die enorme Bandbreite der Möglichkeiten, wie Politische Bildung konkret aussehen kann. Wer stößt sie an und aus welchen Interessen tut er dies? Was am Menschen soll sich vor allem bilden, der Körper, die Seele, der Geist? Auf welche grundsätzlichen Ziele hin soll der Bildungsprozess ausgerichtet sein? Welche Voraussetzungen bestimmen den Bildungsprozess, von außen und von innen? Was soll der Zu-Bildende bzw. der Sich-Bildende am Ende können? Welche Prinzipien und Methoden helfen als Orientierungsmittel bei der Planung politischer Bildungsprojekte? Mit welchen Themen muss sich Politische Bildung vor allem befassen, wenn sie den Herausforderung von Gegenwart und Zukunft zugleich gerecht werden will? Der hier verwendete weite Begriff von Politischer Bildung schließt unterschiedliche Bemühungen um die Prägung von Menschen in Hinblick auf ihr Leben im Gemeinwesen ein: die primär auf die Gesellschaft zielende „Politische Pädagogik“ [5], die primär auf die Zivilgesellschaft zielende „Demokratiepädagogik“ [6] und die primär auf Politik im engeren Sinn und den Staat zielende „Politikdidaktik“ [7]. Aber immer geht es um Demokratie – als Lebens-, Gesellschaftsund Staatsform[8].

  • [1] Vgl. Lenzen 1995
  • [2] Zitiert nach Sander 2004, S. 39 f
  • [3] Grefe/Greffrath/Schumann 2002, S. 107
  • [4] Als Überblick zur Geschichte der Politischen Bildung und der Bemühungen um ein entsprechendes Schulfach vgl. z. B. Detjen 2007, darin besonders Teil II
  • [5] Z. B. Böhnisch/Schröer 2007
  • [6] Z. B. Himmelmann 2007
  • [7] Z. B. Reinhardt 2005
  • [8] Eine ähnlich weite Fassung von Politischer Bildung vertritt z. B. Lösch 2010
 
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