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1.3 Aufgaben des Widerstands

Die erste Aufgabe des Widerstands, zu dem eine kritische Politische Bildung befähigen könnte, besteht in der Aufdeckung der Entstehungsbedingungen für diesen Imperialismus der Ökonomie. Wie konnte es ihr gelingen, die Grenze zwischen jenen Regeln, die uns die Natur auferlegt, und jenen, die wir uns selbst geben, derart zu verwischen? Diese Bildungsaufgabe erfordert genaue analytische Unterscheidungen. Dabei müssen die Verhältnisse so lange zerlegt werden, bis ihre Grundlagen zum Vorschein kommen. Und die Grundlage aller politischen und ökonomischen Verhältnisse, das kann man bei Marx und vielen anderen nachlesen, ist die menschliche Arbeit. Durch sie stellt der Mensch sein Verhältnis zur Natur, zu Seinesgleichen und zu sich selbst her – seit 3 Mio. Jahren jeden Tag von Neuem. Um die Entstehungsbedingungen des ökonomischen Imperialismus aufzudecken, ist es wichtig, die besondere Form, wie Arbeit im Kapitalismus organisiert ist, genauer zu untersuchen. Diese Form erzeugt nämlich einen spezifischen Fetischismus. Weil Menschen sich in der kapitalistischen Marktwirtschaft nicht direkt, sondern indirekt über ihre Waren begegnen, erscheinen ihnen ihre Verhältnisse als durch die sachlichen Vorgaben dieser Waren definiert. Zu diesen sachlichen Vorgaben, den viel zitierten „Sach“ zwängen, kann man sich nicht anders verhalten, als sich ihnen unterzuordnen. Der alles überragende Sachzwang heißt in kapitalistischen Marktwirtschaften: Wirtschaftswachstum. Und wie die Fetische unserer archaischen Vorfahren so verlangt auch unser moderner Fetisch nach Opfern. Ein solches ist die Demokratie.

Die zweite Widerstandsaktion einer Kritischen Politischen Bildung besteht in der Erarbeitung von Alternativen. Vor dem Hintergrund der freigelegten Verhältnisse, die die Menschen im Zusammenhang mit der Aufteilung ihrer Arbeiten untereinander täglich eingehen müssen, kann Politische Bildung „soziologische Phantasie“ (Oskar Negt) [1] freisetzen. Wie ließe sich das Arbeiten anders einrichten? Wie könnte die Angst um den Arbeitsplatz, die Fremdbestimmung beim Arbeiten, die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen überwunden werden? Wie können Unternehmer dazu gebracht werden, sich am Gemeinwohl zu orientieren, wie kann Eigentum an den Produktionsmitteln sozialverträglich definiert werden, wie kann das Geldsystem so umgebaut werden, dass es ausschließlich als Mittel des guten Lebens fungiert? Und schließlich: Wie müssten die politischen Prozesse und Ordnungen umgestaltet werden, damit eine solche Wiedereinbindung der Wirtschaft in die demokratische Grundordnung überhaupt möglich wird? Kurz: Politische Bildung muss nicht nur den Wirklichkeitssinn, sondern auch den Möglichkeitssinn stärken und beflügeln. Denn wo der Realismus perspektivlos ist, sind nur mehr Utopien realistisch [2].

Die dritte Aufgabe bezieht sich auf eine normative Frage: Welcher ethische Maßstab soll an die Suche nach neuen Möglichkeiten, nach Visionen und Utopien, angelegt werden? In diesem Buch wird beharrlich an der seit der Zeit der Aufklärung zentralen Leitidee festgehalten, dass Staat und Wirtschaft für die Menschen da sind und nicht umgekehrt und dass der Mensch in normativer Hinsicht zu allererst durch seine angeborene „Würde“ ausgezeichnet ist. Erst an diesem Maßstab können die Mittel und Wege beurteilt werden, die in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zum Einsatz kommen. Bei der Frage, woran der Grad der Einlösung des Versprechens eines menschenwürdigen Lebens für alle gemessen werden soll, kann weder der Vergleich zu anderen Zeiten noch zu anderen Orten sinnvoll sein. Bei der Beurteilung von Möglichkeiten zählt einzig und allein der Horizont dessen, was heute schon möglich ist und deshalb morgen Wirklichkeit werden kann [3]. Nur so lässt sich die Übermacht der Wirklichkeit brechen, kann das Potenzial der Möglichkeiten erschlossen werden.

1.4 Aufbau des Buches

Das 2. Kapitel definiert kurz den Begriff Politische Bildung. Das 3. Kapitel fragt nach deren übergeordneten Zielen, einerseits in Hinblick auf das Gemeinwesen, auf das sie bezogen ist, andererseits in Hinblick auf den Bürger, der sich bildet bzw. gebildet wird. Im 4. Kapitel werden die Ausgangsbedingungen der Politischen Bildung dargelegt: einerseits der ihr jeweils vorgegebene institutionelle Rahmen, andererseits die persönlichen Voraussetzungen, die der sich Bildende in den Bildungsprozess mitbringt. Im 5. Kapitel wird der Prozess des Mündigwerdens entfaltet: seine konkreten Ziele, seine Wege und seine Orientierungen. Dabei soll die Unterscheidung zwischen Anpassungsund Widerstandsfaktoren besonders deutlich herausgearbeitet werden. Das 6. Kapitel präsentiert einige inhaltliche The menfelder, mit denen sich die Politische Bildung zu Beginn des 21. Jahrhunderts auseinandersetzen muss.

Zentral für die Konzeption dieser Einführung ist die Grundentscheidung, Politische Bildung immer von zwei Seiten aus zu betrachten: zum einen von der Seite der Politik, also der politischen Verhältnisse, zum anderen von der Seite des Menschen, also des politischen Verhaltens. Die Verhältnisse existieren, ehe der Einzelne sich in bzw. zu ihnen verhalten kann, aber durch sein Verhalten kann er diese Verhältnisse wiederum beeinflussen. So pendelt der Blick zwischen der Politik und dem Menschen hin und her. Das Buch will zeigen, welche Anpassungserfordernisse das Gegebene einerseits mit sich bringt und wie das Gegebene andererseits im Prinzip auch überschritten werden kann.

  • [1] Negt 1971
  • [2] Negt 2010, S. 560
  • [3] Der Maßstab der objektiv gegebenen Möglichkeiten wird vor allem von Oskar Negt in seiner Studie „Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform“ (2010) vertreten. Die Vorstellung einer zyklischen Bewegung von der Wirklichkeit zur Möglichkeit und weiter von der Möglichkeit zur neuen Wirklichkeit lässt sich auch in das Modell des Politik-Zyklus integrieren. Reheis 2009b
 
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