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7. Fazit und Ausblick: Zukunft des Kinos

Das letzte Kapitel fasst die vorangegangenen zusammen und wagt einen Blick in die Zukunft des Kinos. Die Digitalisierung und die Möglichkeit, Filme überall und jederzeit zu sehen, könnten die Kinoindustrie gefährden. Um dem entgegenzuwirken, braucht man weiterhin gut gemachte, spannende und neue Filme, für die es sich lohnt, ins Kino zu gehen. Die Filmindustrie wird sich also wieder einmal neu erfi müssen.

Ins Kino gegangen: gelacht, geweint, gezittert, mitgefiebert. Mit diesen an den Filmkritiker und Regisseur François Truffaut angelehnten Worten fängt man die Faszination von Film und Kino hervorragend ein. Seien es Freundinnen, die ins Kino gehen, weil sie etwas unternehmen möchten, oder ein Cineast, weil er das neueste Kunstwerk sehen will: Das Publikum bestimmt die Erlebniskraft.

Ob über Kinofilme gesprochen wird, ob Filme Moden kreieren oder aktuelle Themen in den Fokus rücken, verschiedene Aspekte prägen aktuell die Diskussion um die Zukunft des Kinos: der demografische Wandel, die technische Entwicklung und die inhaltliche und ästhetische Qualität der Filme. Als entscheidend gelten die Auswirkungen des demografischen Wandels, kombiniert mit der Digitalisierung und dem Streaming. Einige Fachvertreter verknüpfen beide Aspekte miteinander; es besteht die Sorge, dass die Möglichkeit, Filme online zu sehen, und die damit verbundene Gefahr der Piraterie die Probleme des demografischen Wandels beschleunigen. Die Angst geht um, dass das Kinopublikum irgendwann aussterben könnte. Demografischer Wandel bedeutet, dass innerhalb der Bevölkerung der Anteil der unter 30-Jährigen weiter schrumpfen und der Anteil der über 50-Jährigen weiter ansteigen wird. Für das Kinopublikum bedeutet dies, dass es weniger junge Kinobesucher geben wird, dafür umso mehr ältere.

Wie die Ausführungen im Kapitel über das Kinopublikum zeigen, haben die unterschiedlichen Altersgruppen ganz unterschiedliche Filmvorlieben. So gehen die über 50-Jährigen gerne in Arthaus-Kinos mit einem anspruchsvolleren Programm, während die Jüngeren ein actionund komödienreiches Blockbuster-Programm bevorzugen. Das könnte zum einen daran liegen, dass der Filmgeschmack mit zunehmenden Alter offensichtlich anspruchsvoller wird, zum anderen könnte es sein, dass lediglich diejenigen Kinobesucher weiterhin ins Kino gehen, die auch schon in jungen Jahren einen anspruchsvollen Kinofilmgeschmack hatten. Momentan können wir die These noch nicht überprüfen, da die vorliegenden Daten dies nicht zulassen. Der Überblick über den Forschungsstand zum Kinopublikum hat gezeigt, dass es zwar auf der einen Seite eine breite Datenbasis gibt, auf der anderen Seite aber noch konkrete Lücken bestehen. So fehlt noch ein detaillierteres Wissen über die Arthaus-Kinobesucher im Vergleich zu den Mainstream-Kinobesuchern. Wir wissen nicht genau, wie sich der anspruchsvolle Filmgeschmack der älteren Kinobesucher entwickelt hat, und wir können nicht befriedigend erklären, wie Mundpropaganda entsteht bzw. funktioniert. Große Hoffnungen bestehen hier vor allem darin, das Internet als "Mundpropagandamaschine" nutzen zu können. Das am häufigsten zitierte Beispiel ist die Internet kampagne zum Film Blair Witch Projekt (1999), die das Rätseln um die Authentizität der Geschichte ins Zentrum stellte. Wiederholt werden konnte so ein Erfolg nicht mehr. Vereinzelt konnte das Internet zwar zur Generierung von Mundpropaganda geschickt genutzt werden, wie für die Herr der Ringe-Filme (2001–2003), damals wurden vorab Filmszenen online gezeigt. Vom Publikum wird dem Internet als Informationsquelle jedoch nach wie vor ein geringer Stellenwert zugeschrieben. Hier besteht genug Bedarf an weiteren Studien.

Eins ist jedoch offensichtlich: Die Arthaus-Kinobesucher gehen regelmäßig und häufig ins Kino. Um dieser Gruppe weiterhin ein Kinoangebot machen zu können, muss zum einen das Filmangebot stimmen, und zum anderen muss sie dieses auch wahrnehmen können. In vielen Befragungen zeigt sich, dass ältere Kinobesucher Wert auf Komfort im Kino legen, sie wollen bequeme Sitze, eine gute Projektionsqualität und einen guten Ton. Inzwischen gibt es einige Kinos, die genau diesen Ansprüchen genügen.

Auf der anderen Seite sind die Filmproduzenten gefragt, um der veränderten Publikumsstruktur gerecht zu werden. Die Generation 50 plus bevorzugt anspruchsvolle Dramen, und diese müssen dementsprechend produziert werden. Aber auch das Jugendliche und junge Publikum darf nicht vernachlässigt werden, da hier die zukünftigen Cineasten heranwachsen.

Wie es sich auf den Kinobesuch auswirkt, Filme jederzeit und überall durch Streaming ansehen zu können, ob legal oder illegal, ist noch offen. Im Raum steht die Frage, ob die Möglichkeit, Kinofilme zu Hause online anzusehen, tatsächlich den Kinobesuch ersetzen wird. Wie die obigen Ausführungen zeigen, ist ein wesentliches Motiv für den Kinobesuch der Wunsch auszugehen und gesellig zu sein. Das kann durch Streaming und Ansehen der Film zu Hause nicht ersetzt werden. Auf der anderen Seite wandelt sich das Mediennutzungsverhalten der unter 20-Jährigen kontinuierlich, sie sind fast zu 100 Prozent online, sie nutzen Videoplattformen wie YouTube und sehen Filme auf legalen und illegalen Plattformen, sodass sich Prognosen über die Zukunft nur schwer stellen lassen. Erste Untersuchungen weisen aber eher darauf hin, dass die Online-Nutzung von Filmen zum Kinobesuch hinzukommt und kein Ersatz für den Kinobesuch ist.

Schon mehrmals musste sich das Kino in der Geschichte neu erfinden. So beim Sprung vom Stummzum Tonfilm Ende der 1920er Jahre. Damals blieben viele Leinwandhelden und Produzenten auf der Strecke. Ein anderer Einschnitt war die Einführung des Fernsehens. In den 1950er Jahren war die Hochkonjunktur des Kinobesuchs in Deutschland mit über 800 Millionen Kinobesuchen im Jahr. Durch die Einführung des Fernsehens brach der Kinobesuch völlig ein, um sich in den 1970er Jahren bei um die 100 Millionen Besuchen einzupendeln. Durch das neue Medium Fernsehen gelangen vor allem Nachrichten und Neues aus der Welt viel bequemer und vor allem schneller in die Wohnzimmer der Deutschen. Spielfilme zeigte das frühe Fernsehen eher selten, entwickelte dafür neue Formen der audiovisuellen Unterhaltung. Hätte man die damaligen Publikumsverluste linear weitergeschrieben, so wäre das Kino schon in den 1970er Jahren ausgestorben. Dies geschah nicht, da Film und Kino andere Qualitäten entwickelten. Das Kino und die Filmindustrie mussten sich neu definieren. In der Folge wurde der Ausgehund Erlebnischarakter durch den Bau von Multiplexen gestärkt. Sieht man sich die Publikumszahlen an, so kann man von einer Erholung und einem Anwachsen der Publikumszahlen ab den 1990er Jahren sprechen.

Diese Steigerung der Kinopublikumszahlen geht einher mit einer Modernisierung der Kinos, aber auch einer neuen Qualität von Filmen. Die Anzahl der Blockbuster und sogenannten Eventfilme, denen eine zusätzliche Erlebnisqualität zugesprochen wird, wuchs an. Dazu zählen Filme wie Der Weiße Hai (1975), die Krieg der Sterne-Reihe (1977–2008) oder die Harry Potter-Filme (2001–2011). Diese Filme sind alle schon als Serien gedacht, werden mit einem hohen Marketingaufwand ins Kino gebracht und versprechen ein großes Sehvergnügen durch Spezialeffekte und beeindruckende Bilder. Die Serialisierung der Kinofilmproduktion schien über viele Jahre erfolgreich zu sein; blickt man in ein aktuelles Kinoprogramm, so finden sich reichlich Beispiele: wie die Iron Man-Verfilmungen, die Tribute von Panem-Verfilmungen (2012–2015) oder die Ice Age-Reihe (seit 2002). Gleichzeitig macht sich die Branche nun auch Sorgen, ob dieses Rezept weiter tragfähig ist. Die ersten Flops von aufwändig produzierten Filmen mit Comic-Helden zeigen, dass es keine Garantie für Erfolg ist.

Die gesellschaftliche Kraft von Film wird nicht allein durch die Anzahl der verkauften Kinokarten bestimmt. Kinofilme können auf die Gesellschaft wirken, indem sie Debatten auslösen. Die Filme Natural Born Killers (1994) und Pulp Fiction (1994) zogen angeregte Diskussionen zum Thema Gewalt und Gewaltverherrlichung in den Medien nach sich. Filme greifen auch aktuelle gesellschaftliche Probleme auf, wie Philadelphia (1993) zum Thema Aids, oder tragen zur Vergangenheitsbewältigung bei, wie etwa Der Untergang (2004). Ebenso geht der immer stärker werdende Werbeund Merchandisingdruck, der beispielsweise durch jeden neuen DisneyFilm verursacht wird, nicht spurlos an der Gesellschaft vorüber. So entkommt man in Kaufhäusern, Supermärkten oder Fast-Food-Ketten kaum den Produkten und Motiven aus König der Löwen, Frozen (Die Eiskönigin) oder Harry Potter. Nur wenige Eltern und Kinder können sich diesem Moden kreierenden Druck entziehen. Oft übernehmen Jugendliche Styling, Sprachduktus oder Gestik aus Filmen, die ihre Altersgruppe ansprechen.

Filmangebot und Filmnachfrage spiegeln das sozialkommunikative und soziokulturelle Klima wider. Durch das Wechselspiel zwischen Filmangebot und Filmnachfrage kann Kino seine Kraft als Verstärker, Filter oder Katalysator von gesellschaftlichen Trends entwickeln und gleichzeitig auf die Gesellschaft zurückwirken. Diese Interaktion zwischen Filmangebot, Filmnachfrage und Gesellschaft entsteht durch die bewusste/unbewusste Entscheidung des Publikums, in einen bestimmten Kinofilm zu gehen. Da Filme aber aus kommerziellen Gründen inhaltlich (oft) auf ein möglichst großes Publikum zugeschnitten werden, lässt sich daraus folgern, dass man ihre Aussagen als Spiegel, als Reflexion der Wünsche, Erwartungen, oder als "Tagträume" einer Gesellschaft interpretieren kann. Wo diese Filme den Zuspruch eines großen Publikums finden, ist anzunehmen, dass die Produzenten diese Tagtraum-Bedürfnisse gut bedient haben. Längst nicht alle gut gemachten und gut vermarkteten Filme, die in die Kinos kommen, treffen jedoch den "Nerv" der Zeit.

Nicht nur, dass viele Filme nicht alle Kinobesucher ansprechen, zudem urteilt die Filmkritik häufig anders über Kinofilme als die Zuschauer. Die unzähligen Listen mit den angeblich 100 besten Filmen weisen deutlich darauf hin. Schauen wir uns einige der Bestenlisten an, so sehen wir gewaltige Unterschiede zwischen Publikumserfolgen und dem vermeintlich besten Filmen. Nach einer Liste des NDR (2005) zählen folgende Filme zu den fünf besten in Deutschland: Das Boot (1981), Nosferatu – Eine Symhonie des Grauens (1922), Der Untergang (2005), Schulmädchen-Report – Was Eltern nicht für möglich halten (1970) und Die Feuerzangenbowle (1944). Ganz andere Filme empfiehlt die Bundeszentrale für politische Bildung in ihrem Filmkanon (bpb.de/film- kanon/), als deutsche Filme nennt sie ebenfalls Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens, außerdem M – Eine Stadt sucht einen Mörder (1931), Emil und die Detektive (1931), den Antikriegsfilm Die Brücke (1959) und Konrad Wolfs Ich war 19 (DDR 1968), Filme der Autorenfilmer Wim Wenders (Alice in den Städten, 1974) und Rainer Werner Fassbinder (Die Ehe der Maria Braun, 1979). Keine einzige aktuelle Komödie taucht hier auf. Ganz anders sieht die Hitliste der erfolgreichsten deutschen Filme in Deutschland aus. Klar führen hier die Komödien wie die von Michael (Bully) Herbig, Der Schuh des Manitu (2001, 11 Millionen Besucher; erst auf Platz 9 der NDR-Liste) und (T)Raumschiff-Surprise – Periode 1 (2004), gefolgt von Otto – Der Film (1985) und Fack Ju Göhte (2013); auf Platz fünf: der Schulmädchen-Report.

Die geschmacklichen Unterschiede von Filmkritik und Kinopublikum machen noch einmal die Zwitterstellung von Film und Kino deutlich: auf der einen Seite ein Kunstwerk, auf der anderen Seite ein massenmediales Unterhaltungsmedium, das den Nerv des Publikums treffen muss. Was das Mainstream-Publikum gerne sieht, entspricht oft nicht dem Geschmack der Cineasten und Filmkritiker und andersherum. Der Überblick über das Kinopublikum zeigt, dass es zum einen ganz verschiedene Publika im Kino gibt. Als zentral erweist sich dabei das Motiv auszugehen und etwas zu unternehmen, und dies bei einem guten und unterhaltenden Film. Genau hierin liegt die Aufgabe für Film und Kino in der Zukunft: Das einmalige gute Kinoerlebnis muss erhalten bleiben; und dies gelingt nur mit kreativen und guten Filmen. Denn nur dann weint und lacht der Kinozuschauer.

 
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