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Das Filmkunst-Publikum

Unabhängig davon, wie die Debatte um Film als Kulturgut bewertet wird, gibt es in Deutschland eine Kinoform, die sich unbestritten der Filmkunst widmet. Die Programmkinos oder Arthauskinos (diese Begriffe werden hier synonym verwendet) haben in ihrem Programm anspruchsvolle Filme wie kleinere Independentproduktionen, Filme aus dem europäischen Ausland und häufig kleinere deutsche Produktionen. Die Programmkinos machen mit etwa 100 Millionen Euro ungefähr 10 % des Gesamtumsatzes des Kinomarktes aus.

Wer sind jedoch die Besucher von Programmkinos bzw. Filmkunstkinos? Unterscheiden sich diese von den Kinobesuchern, die US-amerikanische Blockbuster bevorzugen? Auch hierzu gibt es seit Jahren Analysen der Filmförderungsanstalt, die in der Fachöffentlichkeit kontrovers diskutiert werden. Strittig ist dabei, wen man zu dieser Besuchergruppe zählen kann und wen nicht. Die Filmförderungsanstalt definiert als "Programmkinobesuchers" diejenigen, die einen zuvor einen als Programmkinofilm definierten Film sahen. Diese Zuordnung birgt Schwierigkeiten. Aufgrund von geringen Fallzahlen im Programmkinobereich dominieren so Arthaus-orientierte Kassenschlager (wie Ziemlich beste Freunde im Jahr 2012) die Daten und können zu Verzerrungen führen. Auch die Selbstdefinition des Publikums scheint nicht zu funktionieren. So glaubten doppelt so viele Kinobesucher, in einem Filmkunstkino gewesen zu sein, als es tatsächlich der Fall war. Regelmäßig geben jeweils ein Drittel der Besucher an, eher Arthaus-Filme zu besuchen, das andere Drittel sieht eher Mainstream-Filme und das letzte Drittel Mainstreamund Arthaus-Filme gleich häufig. Dies entspricht aber nicht dem Anteil von Filmkunstfilmen an Umsatz und verkauften Kinokarten.

Um Unterschiede zwischen einem Mainstream-orientierten und einem Arthaus-orientierten Kinopublikum zu ermitteln, haben wir in einer eigenen Studie etwa 1000 Programmkinobesucher und Multiplex-Besucher befragt. Der auffälligste Unterschied zwischen Arthausund MultiplexBesuchern ist die Altersverteilung. Die Arthaus-Kinobesucher sind im Schnitt 42 Jahre alt und die Multiplex-Besucher mit 28 Jahren 14 Jahre jünger. Auch in den Motiven für den Kinobesuch, den Gründen für die Filmauswahl, den bevor zugten Genres und den Informationsquellen unterscheiden sich Arthausund Mainstream-Besucher erheblich.

Programmkinobesucher gehen deutlich häufiger ins Kino. Fast die Hälfte davon kann als intensive Kinobesucher bezeichnet werden, die sich mehrmals im Monat Filme ansehen. Bei den Mainstream-Besuchern ist die Gruppe derjenigen, die lediglich alle zwei Monate ins Kino gehen, am größten. Die Arthaus-Besucher sind häufiger Angestellte und deutlich besser gebildet. So haben 70 % der Arthaus-Besucher ein Studium abgeschlossen – gegenüber 30 % der Mainstream-Besucher. Zählt man die Studierenden hinzu, so gehören bei den Mainstream-Besuchern 53 % zur obersten Bildungsschicht, bei den Arthaus-Besuchern 84 %.

Mainstream-Besucher gehen häufiger aus sozialen Motiven ins Kino, weil sie mit Freunden oder der Familie etwas unternehmen wollen. Für die Arthaus-Besucher ist der spezifische Film, den sie sehen wollen, genauso wichtig wie die Unternehmung mit Freunden. Thema und Story sind für beide Besuchergruppen gleich wichtig; Arthaus-Besucher legen aber mehr Wert auf den Regisseur und das Herkunftsland. Die Schauspieler sind für die Multiplex-Besucher wichtiger.

Multiplex-Besucher und Arthaus-Besucher haben einen anderen Filmgeschmack. So mögen die Multiplex-Besucher lustige Liebesfilme, Filme mit vielen Kampfszenen, Spezialeffekten, Filme, die in der Zukunft spielen oder Endzeitszenarien behandeln. Sie lieben es, wenn es auf der Leinwand witzig oder gruselig zugeht. Die Arthaus-Besucher mögen tragische Liebesfilme sowie Filme mit politischen oder ernsten Themen. Dabei werden beide Teilpublika durch unterschiedliche Quellen auf die Filme aufmerksam. Die Arthaus-Besucher erfahren deutlich häufiger durch Berichte und Kritiken in Tageszeitungen, Zeitschriften oder im Radio von den Filmen. Der Multiplex-Besucher wird hauptsächlich visuell angesprochen. Entweder sieht er einen Trailer im Kino oder erste Filmbilder in der Fernsehwerbung.

 
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