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Filmtheorien – ein Überblick

Was ist nun Film? Ist Film Bewegung oder sind es einzelne Einstellungen? Besteht ein Film aus einer Erzählung oder aus einer Summe von Bildern? Geht es um Räume oder Zeit? Ist Film ein kommerzielles Unterhaltungsprodukt oder ein Kunstwerk? Bildet Film die Wirklichkeit ab, oder konstruiert Film eine neue Wirklichkeit? All diesen Fragen gingen schon die frühen Theoretiker bei der Erfindung des Films nach. Die Hoch-Zeit der Filmtheorie begann aber in den goldenen 1920er Jahren. Zu den deutschsprachigen Filmtheoretikern dieser Zeit zählen, Béla Balázs, Rudolf Arnheim, Siegfried Kracauer, aber auch Bertolt Brecht. Einige betonten Rolle und Funktion der Kamera, also welchen Blick die Kamera stellvertretend für den Zuschauer einnimmt und wie sich Film (damit) vom Theater unterscheidet. Andere arbeiteten schon früh wahrnehmungspsychologisch oder psychoanalytisch. Untersucht wurde, welche Gestaltungselemente wie auf das Publikum wirken. Auch die Frage, ob Film die Wirklichkeit abbildet oder eine neue Wirklichkeit, die Filmwirklichkeit schafft, wurde ausführlich diskutiert.

Aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich Filmtheorie als eine Denkrichtung, was sich an der Einführung von filmwissenschaftlichen Studiengängen an den anglo-amerikanischen und europäischen Universitäten zeigte. Von einer Institutionalisierung kann man etwa seit den 1970er Jahren sprechen. Fast an jeder Universität kann man sich nun theoretisch mit Film auseinandersetzen und Film studieren. Die Literatur über Filmtheorie oder Filmgeschichte füllt meterweise Regale in den Bibliotheken.

In den 1960er und 1970er Jahren bestimmten vor allem französische Autoren um die Zeitschrift Cahier du Cinéma, unter anderem André Bazin, François Truffaut, Jean-Luc Godard und Claude Chabrol, den Diskurs. In Frankreich ist übrigens die Frage, ob Film Kunst oder ein kommerzielles Unterhaltungsprodukt ist, beantwortet: Als "siebte Kunst" steht er neben Architektur, Bildhauerei, Malerei, Tanz, Musik und Dichtung unter staatlichem Schutz.

Neben der Frage, ob ein Film als Kunstwerk betrachtet werden sollte, steht für viele Theoretiker nach wie vor die Frage im Zentrum ob es sich bei Film um ein Abbild der Wirklichkeit handelt. Die Realisten unter den Filmtheoretikern gehen davon aus, dass Film die Wirklichkeit abbildet und auch abbilden sollte und damit realistisch ist. Die Formalisten hingegen betrachten Film als Kunst, gerade weil er eben nicht das tägliche Leben zeigt. Film ist für sie nicht die Reproduktion von Wirklichkeit, sondern eher eine Übersetzung von realistischen Elementen in ein fiktionales Medium.

Die Formalisten und Realisten unter den Filmtheoretikern unterscheiden sich also dahin gehend, dass die einen Film als ein ästhetisches Konstrukt, als Bildkunst, sehen und die anderen als Abbild der Wirklichkeit. Die Formalisten beschäftigen sich dementsprechend mit den formalen bzw. ästhetischen Aspekten von Film, also Licht, Musik, Ausstattung, Farbgebung, Schnitt usw. Die meisten aktuellen Filmtheoretiker gehören zu den Formalisten oder neuen Formalisten, den Neoformalisten.

Einige Theoretiker werden von der Psychologie inspiriert, meistens auf Grundlage einer marxistischen Gesellschaftstheorie. Eine psychoanalytische Filmtheorie untersucht Filme zwar aus der Sichtweise der Zuschauer, interpretiert aber die potenzielle Rezeption im Sinne der und vor allem mit dem Vokabular der Psychoanalyse. Demnach wird das Publikum, das einen Film betrachtet, durch die Bildästhetik und die filmtechnischen Mittel (wie Montage) sowie die kinospezifische Rezeptionssituation in den Bann gezogen. Voyeurismus und die Identifikation mit dem Star treten als Rezeptionsmechanismen und Wirkungen auf. Oft wird von einem "gaze", also einer fast traumoder tranceartigen Lust bei der Rezeption, gesprochen. Wir wählen demnach bestimmte Filme aus, die unsere inneren unbewussten Probleme aufgreifen oder lösen. Aus der marxistischen Perspektive unterstützt und festigt dabei Film die kapitalistische Machtstruktur.

Die Filmsemiotik untersucht Film anhand der Filmsprache. Für Anhänger dieser Theorie sind die einzelnen Einstellungen die wichtigsten Elemente. So wie man einen Text in seine Satzstruktur und Grammatik unterteilen kann, wird ein Film in seine Einzelteile (Szenen) zerlegt und analysiert.

Damit grenzen sich die beiden letztgenannten Theorierichtungen von denen ab, die sich eher die Frage stellen, inwieweit Film Realität ist oder nur abgebildete Realität. Kritisiert wird an ihnen die Überbewertung der Filmsprache (Filmsemiotik) und die damit verbundene Suche nach der inneren Aussage (Psychoanalyse), die einem Filmkunstwerk innewohnt. Kurz gesagt: Hier werde zu viel hineininterpretiert.

Die größte Aufmerksamkeit bei der Filminterpretation galt bisher den ästhetischen Merkmalen der Filme und der wahrscheinlichen Intention der Filmemacher. Kaum beachtet wurde, wie Filme hergestellt, wie sie rezipiert werden und ob die Filme, die die Filmtheorie untersucht, überhaupt ein Publikum finden. Dies hat sich seit den 1990er Jahren geändert. Die derzeitige Strömung der Filmtheorie und Filmanalyse bezieht die Produktionsbedingungen und vor allem das Publikum mit ein. Es wird häufiger auch aus der Perspektive der Kinobesucher analysiert. Die Fragen sind nun: Was bewirkt ein Film? In welchem Kontext steht er? Wie wird er diskutiert? Dabei werden die soziale Einbettung der Zuschauer und vor allem ihre Seherfahrungen, ihr Wissen um Genre und andere Medieninhalte immer mit in Betracht gezogen. Damit findet auch eine Abgrenzung vom elitären Denken, das Film als Kunst positioniert, statt. Film ist nun in erster Linie ein populäres Unterhaltungsmedium, das von einem Publikum rezipiert wird. Wie die Zuschauer einen Film betrachten und was sie in ihm sehen, wird beeinflusst von Faktoren wie Geschlecht, Bildung oder sozialer Schichtzugehörigkeit. Eine Zuschauerin interpretiert einen Film demnach immer in Bezug auf ihre eigene Lebenserfahrung und soziale Situation.

Im anglo-amerikanischen Raum stehen für diesen Ansatz die Filmwissenschaftler Kristin Thompson und David Bordwell. Im deutschsprachigen Raum hat beispielsweise der Fernsehwissenschaftler Lothar Mikos ein Lehrbuch verfasst, das dazu anleiten will, bei der Filmanalyse das Publikum, seine Sehweisen und Sehgewohnheiten einzubeziehen. Diese Richtung nennt sich rezeptionsästhetische Filmanalyse. Mit diesem Ansatz werden oft populäre Filme analysiert, die ein großes Publikum erreicht haben. So will man beispielsweise eine Antwort auf die Frage finden, was einen Blockbuster ausmacht. Kommt ein Film beim Publikum deshalb so gut an und wird zum Blockbuster, weil viel Geld in die Vermarktung fließt, wie oft vermutet wird? Welche Strukturen sind Blockbustern gemeinsam, damit sie erfolgreich sind? Ein anderes Phänomen, mit dem sich diese moderne Filmtheorie beschäftigt, ist der Star. Welche Rolle spielen Stars und die Inszenierung von Stars?

 
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