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Filmverleih: der Weg ins Kino

Jährlich zeigen die Kinos in Deutschland über 500 Spielfilme. Diese bringen die Filmverleiher in die Kinos. Der Filmverleih übernimmt die Werbung, die Pressearbeit, veranstaltet die Filmpremiere und organisiert die Lieferung der Filme in die Kinos. Früher waren es Filmrollen in großen runden Blechdosen, heute sind es digitale Festplatten, die in die Kinos gelangen. Alle Kosten, die damit verbunden sind, einen Film auf die Kinoleinwand zu bringen, nennt man Herausbringungskosten. In Hollywood gilt als Regel, dass ungefähr genauso viel Geld in die Vermarktung wie in die Produktion fließen sollte.

Hier kommt die strategische Kompetenz des Filmverleihs ins Spiel. Filmverleiher müssen abschätzen, welchen Erfolg ein Film wahrscheinlich haben wird. Danach wird die Vermarktungsstrategie festgelegt. Wichtigste Entscheidung ist hier, mit wie vielen Kopien ein Film ins Kino kommt. In Deutschland liegen die Herausbringungskosten für einen Film ungefähr bei 1500 Euro pro Filmkopie. Das bedeutet: Wenn ein Film in 1000 Kinos gleichzeitig herauskommen soll, entstehen schon Kosten von 1,5 Millionen Euro, nur um den Film auf die Leinwand zu bringen. Zwar hat die Digitalisierung der Kinos dazu geführt, dass nun Festplatten geliefert werden, aber an den Kosten hat dies nichts geändert. Die meisten Blockbuster erscheinen in Deutschland mit 600 bis 800 Kopien. Dahinter steht der Gedanke, dass jeder Kinobesucher in Deutschland einen Film möglichst am ersten Startwochenende sehen soll.

Am deutschen Kinomarkt dominieren die US-Verleiher, in der Regel als hundertprozentige Tochterfirmen, also die deutschen Arme von Warner, Disney oder Universal. Je nach Jahr werden 65 bis 75 Prozent des Umsatzes mit amerikanischen Filmen erzielt. Deutsche Filmverleiher sind Senator oder Constantin sowie X-Verleih, die insgesamt nur 6 bis 8 Prozent Marktanteil haben. Zu den Aufgaben der deutschen US-Verleiher gehört auch die Synchronisation der Filme.

Die Kinos in Deutschland haben inzwischen fast vollständig auf die digitale Projektion umgestellt. Bis auf wenige Einzelfälle sind also alle Leinwände in Deutschland digitalisiert. Das bedeutet, die Filme werden im Kino nicht mehr als Filmstreifen von der Filmrolle gezeigt, sondern von Festplatten im Vorführapparat, der nun ein Computer ist, eingelesen. Die Hoffnung, dass der Filmvertrieb mit der Umstellung auf digitale Vorführung billiger und flexibler würde, hat sich bisher nicht bewahrheitet. So sollten die Preise der Filmkopie sinken, aber letztlich blieben die Kosten auch für die Virtuelle Kopie (VP, Virtual Print) aufgrund verschiedener Gebühren gleich. So besteht also nach wie vor eine Limitierung an Kopien, die eine Flexibilisierung in der Planung verhindert.

In Deutschland gibt es derzeit etwas über 1600 Kinos bzw. Filmtheater mit insgesamt 4600 Leinwänden. Diese Zahl ist in den letzten Jahren stabil geblieben. Bei Kinos unterscheidet man grundsätzlich zwei Formen: Multiplexbzw. Mainstream-Kinos und Programmkinos. Erstere haben überwiegend US-Blockbuster im Programm. Und wenn einmal ein einheimischer Film läuft, dann ist es ein Till-Schweiger-Film oder ein anderer deutscher Hit. Diese Kinos machen etwa 90 % aller Filmspielstätten aus. In fast allen deutschen Städten finden sich ein bis zwei Multiplexe, die meistens zu einer größeren Kinokette gehören, wie Cinemax oder Cinestar, UCI. Nur wenige deutsche Städte, abgesehen von Großstädten und Universitätsstädten, verfügen über Kinos, die ein anderes Programm zeigen: die Programmoder Arthaus-Kinos. Unabhängig davon, wie die Debatte um Film als Kunst oder Wirtschaftsgut bewertet wird, gibt es in Deutschland diese Kinoform, die sich unbestritten der Filmkunst widmet. In Programmoder Arthaus-Kinos (diese Begriffe werden hier synonym verwendet) laufen anspruchsvolle Filme, wie kleinere amerikanische Produktionen, Filme aus dem europäischen Ausland und häufig kleinere deutsche Produktionen. Die Programmkinos machen etwa 10 Prozent des Gesamtumsatzes des Kinomarktes aus. Im Jahr 2012 lag der Gesamtumsatz etwa bei 1 Milliarde Euro, davon wurden 113 Millionen Euro in den Programmkinos umgesetzt.

Neuster Trend sind Luxuskinos, die, wie das Astor in Berlin, an die alten Filmpaläste erinnern. Die Sitzreihen sind breiter und bequemer, es werden Snacks und Getränke serviert. Mit einem anspruchsvollen Programm, das sich an ein älteres, zahlungskräftiges Publikum wendet, und dem besseren Service sind sie erfolgreich.

Eine andere Möglichkeit, anspruchsvolle Filme zu sehen, bieten die vielen Filmfestivals in Deutschland. Neben der Berlinale, einem Festival, das einen international renommierten Preis verleiht, gibt es zahlreiche Filmfestivals für fast jedes Spezialgebiet. So die Filmfeste in München, Hamburg, Braunschweig; das Horrorfilmfestival, die Feminale in Dortmund und Köln; die Festivals für Nachwuchsfilme, für Queerfilme, für Bollywoodfilme und viele mehr. A-Filmfestivals sind Filmfestivals, die ein internationales Programm haben und vom internationalen Verband der Filmproduzenten akkreditiert sind. Diese Festivals vergeben in der Regel Filmpreise wie den Goldenen Bären in Berlin, den Goldenen Löwen von Venedig oder die Goldene Palme in Cannes. Einen Film auf einem dieser Festivals zu zeigen, bedeutet für die Filmemacher nicht nur Renommee, sondern bietet ihnen auch die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und ihre Filme in andere Länder zu verkaufen. Außerdem sind mit der Auszeichnung oft auch konkrete Preisgelder verbunden.

Fazit

Bis ein Film den Weg zum Publikum findet, sind viele Schritte notwendig und viele Personen involviert. Nicht alle, die für die Filmindustrie arbeiten, können am Glanz der Filmpreise und Premieren teilhaben. Neben den Schauspielern, Regisseuren und Produzenten ist eine Heerschar an unsichtbaren Personen in der Filmindustrie beschäftigt. Das reicht vom Kartenabreißer und Popkornverkäufer bis zur Regieassistentin und Disponentin beim Filmverleih. Von der Vielzahl an produzierten Filmen ist nur ein kleiner Teil ökonomisch wirklich erfolgreich. Filmproduktion kann daher als Hochrisikogeschäft bezeichnet werden. In Deutschland würden ohne die Filmförderung nur wenige Genres von Filmen entstehen.

 
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