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Die Aufbauund Wirtschaftswunderjahre

Obwohl während des Zweiten Weltkriegs ein Großteil der Kinos zerstört worden war, erholte sich die Kinoindustrie nach 1945 rasch. In den Jahren des Aufbruchs, den 1950er Jahren, stiegen die Besucherzahlen auf über 800 Millionen an, um bis zum Ende der 1960er Jahre auf circa 200 Millionen abzusinken. Ein Rückgang des Kinopublikums wurde in allen westlichen Industrieländern gleichermaßen verzeichnet. Die Einführung des Fernsehens, die größere Mobilität und die Vielfalt der Freizeitangebote werden als Begründung gesehen. Das "Heimkino" Fernsehen zeigte in den Anfangsjahren zwar keine Spielfilme, übernahm aber die Funktion der Nachrichtenübermittlung. Das Neueste von der Welt musste nun nicht mehr via Wochenschau im Kino angesehen werden, sondern kam bequem nach Hause.

Direkt nach dem Krieg – im Kontext der alliierten Re-Education-Politik – bestimmten ausländische bzw. amerikanische Filme und als harmlos eingestufte Filme der 1930er Jahre wie Immensee (1943) das Filmprogramm in Westdeutschland. Der deutsche Publikumsgeschmack der frühen 1950er Jahre lässt sich recht anschaulich beschreiben: Die Deutschen mochten sentimentale Heimatfilme wie Grün ist die Heide (1951), Arztfilme mit charismatischen Vaterfiguren wie Dr. Holl (1951) oder Sauerbruch – das war mein Leben (1954). Auch die Serienimperialer Rührstücke wie Sissi (ab 1955) und die kleinbürgerlich-versöhnlichen Sozialromanzen wie Keine Angst vor großen Tieren (1953) und Wir Wunderkinder (1958) standen hoch in der Gunst der Zuschauer.

Die amerikanische Filmindustrie erlebte in den 1950er und 1960er Jahren ebenfalls einen Umbruch. Hatte sie das Studiosystem in den 1930er und 1940er Jahren perfektioniert und Filme arbeitsteilig wie am Fließband hergestellt, so führte eine Rechtsprechung (1948), die sich gegen Medienkonzentration richtete, zur Zerschlagung der Großkonzerne. Die Gerichte und Gesetze ordneten an, dass Filmproduktion, Filmverleih und Kino nicht länger in einer Firma vereint sein durften. Das alte System hatte wenigen großen Filmstudios eine enorme Macht verliehen. Sie verfügten sowohl über die Filmproduktion als auch über die Kinos, in denen dann alle ihre Filme gezeigt werden mussten, egal wie erfolgversprechend sie beim Publikum sein würden. Nun mussten die Konzerne die Kinos verkaufen. Waren bis dahin Schauspieler, Regisseure und Drehbuchautoren fest bei einem Studio angestellt, entließen einige der Major-Studios viele ihrer Mitarbeiter und stellten diese nun nur noch mit Projektverträgen befristet ein. Die neue rechtliche Situation ging einher mit der Einführung des Fernsehens, was auch in den USA zu einem drastischen Rückgang an Kinobesucherzahlen führte. So musste sich die Filmindustrie neu definieren. Die meisten Filmhistoriker sprechen den Filmen, die in den Studiojahren entstanden sind, wenig künstlerischen Wert zu. Als rein kommerzielle, industriell hergestellte Filme, die nach einfachen Rezepten entstanden sind, befriedigten sie den Massengeschmack. Nun waren künstlerisch neue Ideen gefragt. Das Kino musste sich bildlich und ästhetisch noch stärker vom Fernsehen absetzen und besondere Geschichten erzählen. In diesen Jahren entstanden beispielsweise die Klassiker von Alfred Hitchcock, wie Fenster zum Hof (1954) oder Vertigo (1958).

Mit dem Rückgang der Kinobesuche in den 1960er Jahren begann das sogenannte Kinosterben, das bis in die 1980er Jahre anhielt. Die Besucherzahlen gingen drastisch zurück, und viele Filmtheater mussten schließen. Innerhalb weniger Jahre reduzierte sich der Kinobesuch in Deutschland auf ein Viertel (von 818 Millionen Besuchern im Jahre 1956 auf 216 Millionen im Jahre 1967), und damit auch die Zahl der Filmtheater, um sich schließlich 30 Jahre später bei etwas mehr als 100 Millionen Besuchern einzupendeln. Der Rückgang des Kinopublikums zeichnete sich in allen westlichen Industrieländern gleichermaßen ab. Im Zuge der Publikumsverluste gingen die Kinobesitzer in den 1970er Jahren dazu über, große Kinopaläste in kleine Schachtelkinos zu parzellieren.

Betrachtet man den Publikumsgeschmack, so führten in den 1960er Jahren die harmlosen Freddy-Quinn-Filme wie Freddy und das Lied der Südsee (1962), die Karl-May Filme wie Winnetou I– III (1963–1965) und die Edgar-Wallace-Verfilmungen wie Gasthaus an der Themse (1962) die Hitlisten an. In den 1970er Jahren beglückten die Aufklärungsfilme à la Oswald Kolle und Schulmädchenreport 1–13 (ab 1971) das Publikum. Daneben machten Klamaukfilme wie Die Lümmel von der der ersten Bank (seit 1968) Kasse. Einen leichten Anstieg an Besucherzahlen gab es 1978, als amerikanische Filme wie Krieg der Sterne (Star Wars 1977), Nur Samstag Nacht (Saturday Night Fever 1977) und Grease (1978) erfolgreich waren. Als Gegengewicht zum Mainstreamprogramm gründeten Kinoenthusiasten und Cineasten lokale, nicht gewerbliche Filmclubs, die ein anspruchsvolleres Programm zeigten. Vor allem Filme aus Frankreich, Italien oder Werke des Neuen Deutschen Films waren hier zu sehen. Inspiriert von der französischen "Nouvelle Vague" wollten Autorenfilmer wie Volker Schlöndorff, Rainer Werner Fassbinder oder Wim Wenders nicht mehr nur unterhalten, sondern Denkanstöße liefern. Ihre Filme sollten visuell neu und anregend sein. Kommerziell waren diese Filme nur selten erfolgreich. Das spielte aber keine Rolle, da Film nun als Kunst definiert wurde und ein kommerzieller Erfolg nicht mehr der Maßstab war. Durch ein System von kunstund kulturorientierter öffentlicher Filmförderung konnten diese künstlerisch anspruchsvollen Filme finanziert werden. Zu den wenigen Publikumserfolgen gehörte Volker Schlöndorffs Die verlorene Ehre der Katharina Blum (1975).

Fasst man die Zeit von 1960 bis 1980 zusammen, so sind es die Jahre der Besucherverluste, Kinoschließungen und der anschließenden Stabilisierung auf niedrigem Niveau. Künstlerisch versuchten jungen Filmemacher weltweit sich vom Mainstreamkino abzugrenzen und anspruchsvolle Filme als Gegenprogramm zu drehen.

 
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