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Das nationalsozialistische Erbe

Ein zentraler Auslöser für die lange Tabuisierung der Sterbehilfe in Deutschland ist das Euthanasieprogramm, welches unter dem nationalsozialistischen Regime durchgeführt wurde. Es richtete sich zunächst gegen Kinder, die geistig oder körperlich behindert waren und deren Geburt durch die Ärzte und Krankenhäuser gemeldet werden musste. Ihr Leben wurde als lebensunwert definiert. Später wurde die Euthanasie auf Erwachsene erweitert. Diesem Verbrechen, das der Rassenhygiene diente, fielen über 100.000 Menschen zum Opfer. Während man in den ersten Jahren den Tod durch Vergasung herbeiführte, veränderte man 1941 das Vorgehen und tötete die Bewohner von Pflegeund Behinderteneinrichtungen durch eine eingeschränkte Nahrungszufuhr oder die Verabreichung von Sedativa (Fittkau und Gehring 2008).

Diese Ereignisse haben bewirkt, dass das Wort Euthanasie im deutschen Sprachgebrauch nicht verwendet wird, um die Assistenz beim Tod zu beschreiben. Man spricht allein von Sterbehilfe. Das nationalsozialistische Erbe nimmt darüber hinaus in der Diskussion über die Regulierung der verschiedenen Formen der Sterbehilfe einen besonderen Stellenwert ein. Zwar unterliegt das Thema nicht mehr einen vollkommen Tabu, die Gegner einer Liberalisierung ermahnen jedoch immer, dass die Historie zeigt, dass eine permissive Ausgestaltung der Rechte von Sterbewilligen nicht nur die persönliche Autonomie stärkt (Preidel und Nebel 2015).

Ökonomische Interessen

Es sind jedoch nicht allein einzelne Moralvorstellungen, welche die Auseinandersetzung über die Legitimität von Sterbehilfe prägen. Gleichzeitig bleiben in der Debatte ökonomische Argumente nicht unerwähnt. Einhergehend mit der wachsenden Lebenserwartung und dem medizinischen Fortschritt steigen die gesamtgesellschaftliche Nachfrage und die Kosten für Pflege und medizinische Behandlung en kontinuierlich an. Dies stellt eine Belastung für die sozialen Sicherungssysteme dar. Eine Option, den wachsenden Kostenaufwand einzudämmen, ist die Legalisierung der freiwilligen Sterbehilfe (Preidel und Nebel 2015).

Konservative Kräfte wenden sich dagegen, den Sterbeprozess aus einer wirtschaftlichen Perspektive zu betrachten. Sie kritisieren nicht nur den Standpunkt, die Sterbehilfe als kostensenkendes Instrument zu definieren, sondern auch die zunehmende Kommerzialisierung des Sterbeprozesses. Hierbei geht es um die Frage, inwieweit der Sterbehelfer für seine Assistenz entlohnt wird, seinen Dienst gewerbsmäßig anbieten und bewerben darf (Preidel und Nebel 2015). An dieser Stelle driftet die Diskussion in einen Wertekonflikt, indem es zu klären gilt, inwieweit der sterbende Mensch durch eine Freigabe der Sterbehilfe zum Objekt wirtschaftlicher Überlegungen wird.

 
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