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9.3 Beispielanalyse: Die Installationskunst von Michael Beutler

Die Beispielanalyse bezieht sich auf die Ausstellung „Michael Beutler, Architekt – Etienne Descloux, Künstler“, die vom 12. September 2014 bis zum 11. Januar 2015 in der Kunsthalle Osnabrück gezeigt worden ist. Die Analyse folgt den im vorhergehenden Abschnitt aufgezeigten Schritten. Ziel der Beispielanalyse ist es, das vorgeschlagene Verfahren zu erproben und dabei deutlich zu machen, inwieweit sich eine Position der zeitgenössischen Kunst den Analysetechniken der herkömmlichen Bildinterpretation entziehen kann. Dabei verbleibt die Analyse im Rahmen grundsätzlicher Bemerkungen. Mit Rücksicht auf den Umfang des Kapitels kann die Analyse nicht erschöpfend durchgeführt werden. Paradigmatische Gesichtspunkte sollten aber dennoch deutlich werden.

Abbildung 9.1 Michael Beutler, „Bank“. Installation Kunsthalle Osnabrück, 2014. © Michael Beutler.

9.3.1 Objekt: Die Dimensionen der Dinge

Die konventionelle Bildanalyse richtet sich auf objektive Merkmale eines Objektes. Das setzt voraus, das Objekt der Analyse zweifelsfrei fokussieren zu können. In der Regel steht auch der Kunstcharakter des Objektes nicht in Frage. Das hier angeführte Beispiel einer Position der zeitgenössischen Kunst konfrontiert den Betrachter unmittelbar mit einem Problem: ihr Kunstcharakter ist, zumindest nach konventionellen Kriterien, nicht unmittelbar erkennbar, ein einzelnes Objekt als Gegenstand der Analyse nicht sofort auszumachen.

Was zeigte die genannte Ausstellung in der Kunsthalle Osnabrück? Im großen Ausstellungsraum, dem Schiff der säkularisierten gotischen Hallenkirche des ehemaligen Dominikanerklosters, war eine umlaufende Sitzbank zu sehen. Der Raum war ansonsten leer. Im Eingangsraum der Kunsthalle fanden sich ein Empfangsdesk sowie eine Garderobe mit integrierten Sitzbänken. Beide gehörten, da aus identischem, rot eingefärbten Holz gefertigt, offensichtlich zusammen. In einem weiteren, zum ehemaligen Kreuzgang des Dominikanerklosters gehörenden Raum, war ein farbiger Bodenbelag in der Form eines überdimensionierten Teppichs zu sehen. Im Innenhof des ehemaligen Klosters drehte sich schließlich ein Objekt aus weißem, auf Drahtgeflecht gespanntem Kunststoff.

Die hier in groben Stichworten aufgeführten Objekte werfen folgende Fragen auf: Handelt es sich bei den benannten Objekten um Einrichtungsgegenstände oder Kunstwerke? Gehören sie alle zur Ausstellung oder sind sie als Teile der ständigen Einrichtung zu betrachten? Und wo ist bei alledem eigentlich die Kunst, der doch die Analyse gelten soll? Der Status aller benannten Objekte steht zumindest in Frage, denn sie halten nach dem ersten Augenschein die Mitte zwischen Kunstobjekt und Einrichtungsgegenstand. Sie vermitteln den Eindruck von Nützlichkeit und Gebrauchswert und sehen zugleich doch nicht so aus, wie es von „normalem“ Mobiliar zu erwarten wäre. Das liegt vor allem an der rohen, unfertig wirkenden Machart, die vor allem die Sitzbank im Kirchenschiff und die Einrichtungsobjekte im Eingangsbereich auszeichnet. Diesen Eindruck stützt der raumgroße Bodenteppich in einem der Räume, der aus erkennbar nicht sehr wertvollem Material gefügt ist.

Der erste Augenschein ergibt ein diffuses Bild, das sich in gegenläufigen Lesarten niederschlägt:

• Alle Gegenstände gehören zur Einrichtung der Kunsthalle. Eine Ausstellung mit Kunstwerken ist nicht auszumachen.

• Alle Gegenstände sind Kunstwerke. Sie lenken die Wahrnehmung des Besuchers auf sich selbst und den umgebenden Raum.

• Die Sitzbank im Kirchenschiff ist ein Chorgestühl.

• Die Sitzbank im Kirchenschiff ist eine Skulptur.

• Der Teppich signalisiert eine überdimensionale Spielwiese.

• Empfangstisch und Garderobe sind Provisorien, die vor einer Neueinrichtung der Kunsthalle aufgestellt wurden.

Haben wir hier also „aus seriellen Strukturen entwickelte Skulpturen“ (Bernasconi 2008, S. 32) oder Resultate eines „fröhlichen Werkelns“ (Müller 2014, S. 24) vor uns? Die Entscheidung zwischen diesen beiden Polen scheint zwischen Konzept und Bastelei, zwischen Kunst und Möbel zu entscheiden. Vor allem die Objekte im Empfangsraum sowie die Sitzbank im Kirchenschiff vereinen offenbar beide, gegensätzliche Auffassungsweisen in sich. Sie weisen eine Gestaltung auf, die über das bloße Möbelstück hinausweist, weil sie ihre Form und ihre Farbigkeit ebenso deutlich betonen wie eine Anmutung, die sich augenscheinlich der Handarbeit verdankt. Alle diese Objekte weisen Spuren der Bearbeitung auf, die in der Produktion konventioneller Möbel auf jeden Fall getilgt würden.

Die Objekte lenken den Blick damit auf ihre Gestalt, sie sind aber zugleich wie Möbel benutzbar. Ihre rote beziehungsweise bei der Sitzbank zwischen Grün, Beige und Blau changierende Farbigkeit ist fleckig, also nicht deckend und homogen aufgetragen. Zudem wirft die Position der Sitzbank Fragen auf. Warum verläuft diese „Bank“ umlaufend an der Wand des Kirchenschiffes entlang und warum sind die Bänke nicht hintereinander in Richtung eines Altares und einer Kanzel orientiert? Und warum vermitteln diese wie ein Band verlaufende Sitzbank und die Objekte im Eingangsbereich unterschwellig das Gefühl, sie seien mit ähnlich aussehenden Möbelstücken nur beiläufig verwandt, aber keinesfalls identisch?

Der Künstler nennt das Objekt lakonisch „Bank“. Die „Bank“ ist 110 Meter lang und 1,22 Meter hoch (alle Materialund Maßbezeichnungen zu diesen und den weiteren Objekten nach Angaben von Michael Beutler). Das Objekt führt im gesamten Kirchenschiff an der Wand entlang. Die „Bank“ beschreibt so den Grundriss des Kirchenschiffes nach, führt durch Langhaus, Vierung und Apsis des ehemaligen Kirchenraumes der im 13. Jahrhundert errichteten gotischen Hallenkirche, die seit 1993 als Kunsthalle genutzt wird. Das Objekt fügt sich so der Architektur vollkommen ein. Die „Bank“ besteht aus einzelnen Elementen, die aus Holzteilen zusammengesteckt sind.

Das wie ein Band wirkende Objekt weist eine changierende Farbigkeit auf. Zu dieser Farbigkeit gehören Rot-, Blauund Grüntöne. Die Farbigkeit ist an keiner Stelle durchgehend, sie bedeckt das Material auch nicht vollkommen. Damit werden Bearbeitungsspuren des Holzes wie Schleifoder Sägespuren sichtbar. Sie sind jedenfalls vor der Aufstellung des Objekts nicht getilgt worden. Die „Bank“ ähnelt in ihrem Querschnitt einem Chorgestühl mit hoch aufragender Lehne. Allerdings weicht die Position von einem Chorgestühl ab. Das Objekt befindet sich nicht nur in einem Teil des Kirchenraumes, sondern umfasst die gesamte, 665 Quadratmeter messende Fläche des Raumes.

Abbildung 9.2 Michael Beutler, „Carpet“, Installation Kunsthalle Osnabrück 2014. © Michael Beutler

In einem Raum des ehemaligen Kreuzganges findet sich ein anderes Objekt. Das Objekt „Carpet“ bedeckt den Boden des Raumes nahezu vollständig. Der Titel bezeichnet das Objekt als Teppich oder Teppichboden. Das Bodenobjekt sieht in der Tat wie ein großer, ausgesprochen voluminöser Teppich aus, der in vielen Farben schillert. „Verschiedene Stoffe“, so die Materialangabe des Künstlers, sind zu einem großen Bodenobjekt verwoben worden. Neben den Fundund Abfallstoffen hat der Künstler Fischnetznylon verwendet, um die Stoffbahnen miteinander zu einem losen Geflecht zu verbinden. Der nüchterne Raum mit mehreren Stützpfeilern erfährt durch „Carpet“ eine deutlich andere Ausstrahlung. Drei, jeweils 5,20 Meter breite Teppiche mit einer „Lauflänge“ von insgesamt 90 Metern bedecken den Boden des Raumes praktisch vollständig. Sie fügen sich zu einem vielfarbigen, erhaben aufliegenden Belag, der an einen großen Teppich erinnert, mit seiner Farbigkeit und Materialpräsenz allerdings auch über ein bloßes Ausstattungsstück hinausgeht.

Das dritte Objekt, das hier betrachtet werden soll, trägt den Titel „auf den Vogel warten“ (Drehtor). Es ist im Innenhof des ehemaligen Klosters platziert. Das acht Meter im Durchmesser und 4,50 Meter in der Höhe messende Objekt bietet sich als weißer, drehbarer Pavillon aus halbtransparentem Material dar. Nach den Angaben des Künstlers hat er für das Objekt das Schalmaterial Pecafil, Tisch- lerplatte, Styropor, Kabelbinder, Latten, Seil, Schrauben, Gartenhausfarbe, einen Baukübel, Stahlrohr, Eisenstangen verwendet und noch einen Wasserpool installiert. Aus diesen Materialien hat Beutler ein, an einen Rundpavillon erinnerndes Raumobjekt gefertigt, dessen zentrale Stützen über Styroporteile schwimmend in einem Wasserbecken gelagert sind. Das Objekt kann somit im Kreis bewegt werden. Ausschnitte in dem Pecafil-Material geben den Blick auf die umgebende Architektur frei. Das Objekt wirkt auf den ersten Blick mehrdeutig. Es erinnert an einen Pavillon, also an eine Architekturform, es kann gleichsam metaphorisch als Durchgangstor genutzt oder als überdimensionierte Gebetsmühle oder -trommel erfahren werden.

Ob es sich bei diesen Objekten um eine „begehbare Allover-Installation“ (Thiel 2014, S. 13) handelt oder schlicht um eine Raumausstattung, die unter Gesichtspunkten alltäglicher Benutzung eingerichtet wurde, kann hier noch gar nicht entschieden werden. Es bleibt in diesem Stadium der Untersuchung nur ein Eindruck: Im Hinblick auf ihre beschreibbaren Merkmale wirken alle drei Objekte mehrdeutig. Die Merkmale der Objekte sind nicht eindeutig zuzuordnen, sie geben keinen zweifelsfreien Aufschluss über Qualität und Status der genannten Objekte. Den drei Objekten ist gemeinsam, dass sie im Hinblick auf ihr Material und seine Verwendung eigentümlich unfertig und improvisiert aussehen. Die Objekte beziehen sich deutlich auf die Räume, in denen sie platziert sind. Im Hinblick auf die Räume wären die Objekte nicht einfach auszutauschen.

Jedes der Objekte nimmt auf den ersten Blick eine Zwischenstellung ein, eine Stellung zwischen Kunstobjekt und Ausstattungsstück, Rauminszenierung und Alltagsverwendung, zwischen Plastik und Architektur, Kunst und Design. Diese Begriffe bezeichnen auch mögliche Lesarten, die für die Objekte formuliert werden könnten. Die Weite ihres Spektrums verweist auf das zentrale Problem, das mit einer Beschreibung objektivierbarer Merkmale nicht gelöst werden kann. Anhand der Merkmale, die hier in einer kursorischen Form zusammengestellt worden sind, lässt sich die Eigenart der in Frage stehenden Objekte nicht entscheiden. Es bleibt unklar, ob es sich bei Ihnen um Kunstobjekte oder bloße Einrichtungsgegenstände, Spielgeräte, unfachmännisch hergestellte Möbel oder bloß eingelagerte Materialien handelt. Damit steht nicht nur der Kunstcharakter zur Diskussion, es muss auch gefragt werden, welches der genannten Objekte überhaupt eine eingehende Beschreibung seiner Merkmale lohnt.

Der Ausstellungstitel nennt als Künstler Michael Beutler. Deshalb sei zunächst eine Basisinformation über seine Biografie als erste Kontextinformation eingeführt. Michael Beutler wurde 1976 in Oldenburg geboren. Er studierte von 1997 bis 2003 an der Frankfurter Städel-Schule und von 2000 bis 2001 an der Glasgow School of Art. Seit Beginn des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts hat Beut-ler eine ganze Reihe von Einzelund Gruppenausstellungen bestritten. Zu den Einzelausstellungen gehören Präsentationen in den Kunstvereinen von Frankfurt, Braunschweig und Hamburg sowie weiteren Ausstellungshäusern wie dem Sprengel-Museum in Hannover und der Kunsthalle Lingen. 2014/15 bestritt Beutler eine Doppelausstellung in der Kunsthalle Osnabrück und im Bielefelder Kunstverein. 2015 präsentierte der Hamburger Bahnhof, das Museum für Gegenwartskunst der Berliner Nationalgalerie, eine Ausstellung des Künstlers unter dem Titel „Moby Dick“. Beutler hat darüber hinaus temporäre Plastiken für öffentliche Orte geschaffen, darunter für die Unternehmenszentrale der Lufthansa in Frankfurt am Main und den Münchener Stadtraum, in dem er 2014 Objekte unter dem Titel „Ballenernte“ präsentierte.

 
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