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6.5 Zusammenfassende Interpretation

6.5.1 „Selbstbildnis mit Saxophon“ – Bemerkungen zur Deutung

Mit den Motiven, der Struktur und Malweise waren objektive Merkmale des

„Selbstbildnisses mit Saxophon“ zu benennen, danach eine Reihe relevanter Kontexte in den Blick zu nehmen, die sich vor allem auf Bildgattung, Beckmanns Werk, Motive und Einflüsse sowie die Biographie und Selbstzeugnisse des Malers bezogen. Auf dem Hintergrund des ausgebreiteten Materials soll der Katalog der Lesarten noch einmal durchgegangen und neu bewertet werden.

Dabei haben wir sehen können, dass Momente der Struktur und Malweise sich harmonisierenden Deutungen verweigern. Wenigen Motiven und klarer Frontalität der Figur stehen ein System schräger Linien und Bögen sowie die disparate Malweise entgegen, die zu einem Befund voller Widersprüchlichkeit führen. Eine Interpretation hat vor allem dieses Nebeneinander des Unvereinbaren zu respektieren, das von den objektiven Merkmalen des Bildes signalisiert wird.

Diese grundsätzliche Beobachtung scheint auch durch ein Selbstzeugnis des Malers gedeckt, dass seine Frau Mathilde in ihren Memoiren zitiert. Beckmann habe den Farbauftrag in wechselnder Stärke mit dem Gebrauch des Pedals beim Klavierspiel verglichen und gesagt: „Es ist nicht gut, immer fortissimo zu spielen, es ist auch nicht gut, immer pianissimo zu spielen; ausgiebiger Gebrauch ein und desselben Stilmittels macht ein Stück monoton und langweilig“ (zit. n. Beckmann 1993, S. 90). Auffällig auch hier wieder, in welchem Maße Beckmann seine Malerei mit Musik assoziiert hat – ein für die Deutung des Saxophons wichtiger Hinweis.

Simultaneität der Gegensätze: Dies gilt schon für die beiden ersten Lesarten aus unserem Katalog. Der Künstler scheint sich auf einer Bühne zu befinden und doch auch in einem Interieur platziert zu sein; für beide Möglichkeiten gibt es Indizien. Es bietet sich an, die Vorstellung von der Bühne nicht als Verweis auf eine konkrete Aufführungssituation zu denken. Der Künstler steht immer auf einer Bühne, ist immer exponiert und bloßgestellt. Er kann deshalb auch der insistierenden Analyse und dem Selbstzweifel nicht ausweichen. Hier zeigt die Inszenierung der Figur, welches Bild von der künstlerischen Existenz Beckmann dazu bewogen hat, immer wieder Selbstbildnisse zu malen.

Dazu passen auch die Lesarten Nr. 4, 7 und 10. Zwar ließen sich für die Deutung „Clown“ keine wirklichen Belege finden, doch wirkt die Darstellung demaskierend in dem Sinn, dass sie den Blick auf die Wirklichkeit hinter der Theaterlarve freigibt. Der nüchtern-registrierende Blick des Künstlers wird daher auch resigniert und zeugt von Einsamkeit. Diese Aura überträgt sich auf das Bild seiner Zeit, die Beckmann mit dem Saxophon in sein Selbstbildnis integriert. Auf dem Instrument wird nicht gespielt. Mit anderen Worten: Die Zeiten glitzernden und lauten Entertainments und hektischer Betriebsamkeit sind vorüber. Der Abgesang auf die „Goldenen Zwanziger“: Diese Deutung ist plausibel. Doch gerade mit dem Saxophon verbinden sich auch ganz andere Bedeutungen. Malweise und Kontur haben die Deutung „Symbol der Vitalität“ nahe gelegt. Die Ebene einer direkten Berufsbezeichnung durch das Instrument (Lesart Nr. 5) kann auf diesem Hinter-grund vernachlässigt werden, zumal der dargestellte Künstler das Saxophon nicht gerade fachmännisch in der Hand hält. Ob diese Haltung jedoch als Würgen, mithin als Form der Aggression, gedeutet werden kann, scheint fragwürdig. Hier steht kein „Drachentöter“ (Lackner 1979), sondern jemand, der sich über die Hände des intensiven Kontakts mit dem Instrument versichert.

Beinahe hat es den Anschein, als durchfließe die Arme ein Energiestrom, der von dem sich windenden Saxophon ausgeht. Es scheint ein Besitz zu sein, der Kraft und Stärke verleiht. Dafür spricht der ruhige, gesammelte Blick der Figur, der nichts von Konflikten verrät. Kampf mit der Sinnlichkeit (Lesart Nr. 8) oder Unterjochung des Lebens durch die Kunst (Lesart Nr. 11) treffen deshalb kaum zu. Statt einen Kontrapunkt zu dem Künstler zu bilden, fungiert das Saxophon eher als Attribut dieser Gestalt. Genau dieser auch auf dem Hintergrund der Beeinflussung Beckmanns durch religiöse Darstellungen der Gotik nahe liegende Befund ist von der Forschung in den letzten Jahren ernster genommen worden (vgl. Schneede 2011). Beckmanns Wort vom „Monstrum von Vitalität“, das es „zu erwürgen“ (Beckmann 1984a, S. 89) gelte, hat stattdessen viel zu oft in die falsche Richtung geführt. Hier wird nichts „eingesperrt“ oder „niedergedrückt“ (vgl. ebd.), sondern hier zeigt eine Figur ihr Attribut wie der König sein Zepter.

Emblem der Kunst, Symbol der Macht – neben aller Theatermetaphorik, die das Bild nahe zu legen scheint, dominiert die Lesart Nr. 6, die eine Deutung der Figur als Königsgestalt beinhaltet. Diese Interpretation schafft eine neue Verbindung zum „Selbstbildnis im Smoking“ und öffnet den Ausblick auf das folgende Werk. So erweist sich das Bild von 1930 als wichtige Gelenkstelle im Werkverlauf, die das Diktum von einer Stilwende in Beckmanns Werk um 1930 unterstreicht (vgl. Belting 1984, S. 27).

 
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