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6.3 Objektive Merkmale

6.3.1 Motive des Bildes

Was sehen wir eigentlich auf diesem Bild Max Beckmanns? Erblicken wir hier einen „Priester“ (Erpel 1985, S. 54), eine Mischung aus „Schauspieler“ und „Preisringer“ (Busch 1989, S. 43), einen „abgeschminkten Musikclown“ (Fischer 1972,S. 81), einfach einen „Saxophonisten“ (Beckmann 1993, S. 90) oder gar einen modernen „Drachentöter“ (Lackner 1979)?

Dieser Ausschnitt aus dem Katalog der Benennungen, die sich in der Literatur finden, spiegelt die Gegensätzlichkeit möglicher Lesarten wider und bietet bereits einen für die Beschreibung wichtigen Hinweis: Wo wir es mit einer offensichtlich

„irritierenden Inszenierung“ (Beckmann 1993, S. 90) zu tun haben, geht der Versuch fehl, sich des im Bild Sichtbaren mit eindeutigen Bezeichnungen versichern zu wollen – zumal der Maler selbst nicht müde wurde, auf jene „Unklarheiten und Zerrissenheiten“ (Schneede 2009, S. 223) des Lebens hinzuweisen, die er als Grundbedingungen seines Schaffens ansah.

Doch was sehen wir nun? Eine Darstellung des Malers von sich selbst, gegeben in Dreiviertelfigur. Die Figur steht frontal im Bild, der Blick geht aus dem Bild heraus und richtet sich auf den Betrachter. Die Figur trägt ein Trikot von blassem Rosa, darüber einen grün-goldenen offenen Mantel mit breiten Aufschlägen an den Enden der Ärmel. Die eine Manschette ist von violetter Farbe, die andere (schmalere) ist rostrot bis braun. Unter dem Mantel ist eine gelb-goldene Schärpe (Gürtel?) sichtbar.

In den Händen hält der Mann ein Saxophon, das jedoch auffallend von einem wirklichen Saxophon abweicht. Zunächst einmal sind Saxophone nicht blauschwarz, sondern von goldener oder silberner Farbe, dann hat das Mundstück einen anderen Sitz, und schließlich finden sich auf dem Instrumentenkörper nicht nur zwei Löcher, sondern mehrere Klappen (vgl. Valentin 1974, S. 314 f.). Unser Versuch, im Fall des im Bild gezeigten Musikinstruments zu einer Benennung zu kommen, lässt den Interpreten schon im Vorstadium der Beschreibung vorsichtig sein: Die Bildmotive sind offensichtlich nicht (oder mindestens nicht nur), was sie zu sein scheinen.

In Sachen Saxophon mahnen auch die konzentrischen Kreise, die sich im Bild über der Öffnung des Schalltrichters zeigen, zur Vorsicht. Wie der Augenschein des Originalbilds zeigt, ist das Motiv „Saxophon“ an dieser Stelle korrigiert worden. Das aufgebogene Rohr mit dem zum Betrachter sich öffnenden Trichter hätte der Form eines wirklichen Saxophons weit mehr entsprochen als das im Bild Dargestellte. Diese offensichtliche Diskrepanz zwischen Bildmotiv und dem Musikinstrument, das im Bildtitel genannt ist, ist hier zunächst nur zu konstatieren. In dieser Tatsache steckt jedoch ein für die Interpretation relevanter Ansatz. Das Saxophon ist womöglich nicht nur ein Saxophon. Scheinbar Selbstverständliches ist auf diesem Bild weit weniger eindeutig, als der erste Augenschein nahe legt. Das betrifft auch die Figur. So bildbeherrschend sie ist – wir sehen weder, wo diese Figur eigentlich steht (die Füße sind verdeckt), noch ist die Figur wirklich so frontal dargestellt, wie es zunächst den Anschein hat. Der Kopf ist leicht zur Seite gedreht, die Schultern hängen nach rechts herab (Richtungsangaben jeweils vom Betrachter aus gesehen), entsprechend befinden sich die Hände nicht auf gleicher Höhe, ebenso scheint der Körper in sich gebogen zu sein: während der Mantel links einen durchgehenden Bogen beschreibt, ist die Silhouette rechts in Höhe der Manschette eingeknickt.

Auch auf die Frage nach dem Standort finden wir kaum eine befriedigende, das heißt eindeutige Antwort. Steht die Figur „auf der Bühne zwischen Rampe und Vorhang“ (Zenser 1984b, S. 18)? Der Künstler stellt sich wirklich zur Schau, aber der rostrote Farbbalken unten im Bild könnte ebenso einen Tisch wie eine Bühnenbegrenzung darstellen. Der grüne Vorhang ist für einen Theatervorhang eigentümlich gerafft, und die Pflanze mit den grünen Blättern und weißen Blüten scheint eher auf ein Interieur zu verweisen. Ist der Künstler immer zur Schau gestellt, also öffentlich, ganz gleich, wo er sich befindet?

Wie auch immer: Die helle Fläche hinter der Figur ist auch als „Fenster“ (Salzmann 1989, S. 9) identifiziert worden, in dessen Gegenlicht der Künstler stehe. Zwar verweisen Lichtpunkte auf Hals und Kopf auf einen Lichteinfall von rechts vorn, doch die zwischen privat und öffentlich changierende Zweideutigkeit des Raumes ist kaum aufzulösen. Künstler, Trikot, Gürtel, Mantel, Saxophon, Vorhang, Pflanze – mehr Motive sind kaum zu benennen. Diese schmale Materialbasis lässt es kaum zu, schon hier Lesarten auszuschließen. Nur für die Version „Sportler“ (Lesart Nr. 3) spricht auf der Ebene der Motive wenig.

 
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