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3.3.3 Das ästhetische Urteil

Eine der Fragen Kants war, ob es ein „ästhetisches Urteil“ gebe, das sich von anderen Urteilen unterscheide und ob diesem Urteilstyp eine Eigentümlichkeit zukomme, die sich beschreiben lasse. Seine Antwort: Ein ästhetisches Urteil ist eines, das weder an dem „Material“ noch an der „Moral“ interessiert ist, sondern das sich „interesselos“ ganz und gar auf das einlässt, was das ästhetische Produkt uns bietet. Das bedeutet nichts anderes, als dass im ästhetischen Urteil die theoretischen und praktischen Zwecke ausgesetzt werden. Die sinnliche Wahrnehmung fügt sich nicht einem „bestimmenden“ Urteil ein. Dieses Urteil kennt die Begriffe schon, denen die Wahrnehmung und Erfahrung subsumiert wird, im Gegensatz zum „ästhetischen Urteil“: Hier muss der passende Begriff dem ästhetischen Produkt erst hinzuerfunden werden. Kant nannte dies ein „reflektierendes“ Urteil. Er führt dazu aus: „Ist das Allgemeine ... gegeben, so ist die Urteilskraft, welche das Besondere darunter subsumiert ... bestimmend. Ist aber nur das Besondere gegeben, wozu sie das Allgemeine finden soll, so ist die Urteilskraft bloß reflektierend“ (Kant 1957, S. 251). Ästhetische Urteile werden somit als reflektierende Urteile verstanden.

Kant versucht in seinem Bemühen, die Besonderheit des ästhetischen Urteils begrifflich zu fassen, akribisch zwischen dem, was „gefällt“ und dem, was „vergnügt“, zu trennen. Die „Interesselosigkeit“ ist die einzige Garantie für die eigentliche ästhetische Beschaffenheit der Anschauung und des ästhetischen Urteils. Auch das Interesse der Vernunft, das Gute zu definieren, gehört nicht zum ästhetischen Urteil.

Im Gegensatz dazu findet sich in den Urteilen derer, die aus den populären Schichten stammen und die von jedem Kunstwerk erwarten, dass es eine Funktion erfüllt, und sei es nur die eines Zeichens, kein „interesseloses“ Urteil, da es sich auf die Normen der Moral oder des Vergnügens bezieht. Ihre Wertung greift also stets auf ein ethisch fundiertes Normensystem zurück (vgl. Bourdieu 1982, S. 23).

3.3.4 Der ästhetische Blick

Indem der populäre Geschmack bei der Beurteilung autonomer Kunstwerke die Schemata des Ethos anwendet, die auch in den Alltagssituationen zur Geltung kommen, so vollzieht er eine systematische Reduktion des Kunstwerks auf die Dinge des Lebens. Durch die Ernsthaftigkeit oder die Naivität, die er in die Fiktion und Repräsentation einführt, steht der populäre Geschmack im Gegensatz zum „reinen Geschmack“, der die „naive“ Verhaftung als gegebene zu suspendieren trachtet, um damit ein gleichsam spielerisches Verhältnis zu den elementaren Zwängen des Daseins zu erreichen (ebd.).

Der ästhetische Blick hingegen bedeutet einen Bruch mit den alltäglichen Verhaltensweisen. Der naive Geschmack ist auf dem Postulat eines bruchlosen Zusammenhangs von Kunst und Leben gegründet, da es die Unterordnung der Form unter die Funktion beinhaltet. Der „reine“ Blick hingegen geht auf die Forderung der zeitgenössischen Kunst ein: Er konzentriert seine Aufmerksamkeit auf die Form. Damit erfordern die Produktionen eines zur Autonomie gelangten künstlerischen Bereichs eine besondere kulturelle Kompetenz. Der vertraute Umgang mit Kunstwerken und die Schulung des Auges ist ein durch Erziehung reproduziertes Produkt der Geschichte. Dies gilt vor allem für die gegenwärtig sich behauptende Wahrnehmungsweise von Kunst, der ästhetischen Einstellung als Fähigkeit „in Form und Inhalt nicht allein die für eine solche Anschauung bestimmten Werke der legitimen Kunst abzuwägen, sondern schlechthin alle Dinge dieser Welt, die zu historischer Stunde noch nicht verbindlich anerkannten kulturellen Werke so gut wie für natürliche Objekte“ (Bourdieu 1982, S.21).

 
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