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3.3.2 Das Entstehen des autonomen Kunstwerks

Die Intention des Künstlers ist die eines Produzenten, der sich autonom glaubt, der ebenso die Apriorie von den intellektuellen, normativ gesetzten Programmen abweist wie die nachträglich seinem Werk angedienten Deutungen. Das „offene Kunstwerk“ ist intentional und seinem Wesen nach polysemisch (mehrdeutig). Es kann als letztes Stadium eines Prozesses der Eroberung künstlerischer Autonomie durch den Künstler verstanden werden. Die Anerkennung der Autonomie der Produktion bedeutet die Anerkennung des Vorrangs der Form. Der Inhalt, der die Unterwerfung unter Funktionen mit sich bringt, wird sekundär. Damit geht die Kunst von einer die Natur imitierenden Kunst zu einer die Kunst imitierenden Kunst über. Diese Kunst findet das Prinzip ihrer Experimente wie auch ihrer Brüche mit der Tradition ausschließlich in ihrer eigenen Geschichte. Eine Kunst, die immer umfänglicher auf ihre eigene Geschichte rekurriert, erfordert einen historischen Blick. Sie verlangt, nicht auf die dargestellte oder bezeichnete Realität bezogen zu werden, sondern auf den Gesamtbereich der vergangenen und gegenwärtigen Kunstwerke. Wie die künstlerische Produktion ist auch die ästhetische Wahrnehmung notwendig von geschichtlichem Charakter. So wie der „naive“ Maler keinen Eingang findet in die genuine Geschichte der Gattung, so verschließt sich auch dem „naiven“ Betrachter die genuine Wahrnehmung von Kunstwerken, deren Wert sich einzig im Kontext der spezifischen Geschichte einer künstlerischen Tradition erschließt. „Die ästhetische Einstellung, die Produktionen eines zu hoher Autonomie gelangten künstlerischen Felder erheischen, ist nicht zu trennen von einer besonderen kulturellen Kompetenz“ (Bourdieu 1982, S. 22).

 
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