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3 Der Gegenstand Das Kunstwerk und seine Vermittlung

Thomas Heinze

3.1 Das Kunstwerk als Gegenstand philosophischer Hermeneutik

Können – so fragt Gadamer in „Kleine Schriften II“ (1967) – Kunstwerke als Erreger „interesselosen“ Wohlgefallens (Kant) Gegenstand hermeneutischer Deutung sein?

Als zentraler Diskussionspunkt stellt sich für ihn das Problem, ob Kunstwerke, zu einer bestimmten Zeit vor einem bestimmten Hintergrund entstanden, heute nicht nur Objekte ästhetisch-historischen Genusses sind und eigentlich nichts mehr von dem übertragen, was sie ursprünglich zu sagen hatten. Das heißt, ob dieses „Etwas zu sagen haben“ nur als Metapher zu sehen ist, der „als eigentlicher Wahrheit ein unbestimmter ästhetischer Gestaltungswert zugrunde liegt – oder ist es umgekehrt so, dass jene ästhetische Gestaltungsqualität nur die Bedingung dafür ist, dass das Werk seine Bedeutung in sich selber trägt und uns etwas zu sagen hat?“ (Gadamer 1967, S. 2).

Gadamer geht davon aus, dass das Kunstwerk als etwas, das etwas zu sagen hat, in den Zusammenhang all dessen gehört, was zu verstehen ist und deshalb als Gegenstandsbereich der Hermeneutik zu betrachten ist. Für ihn ist Hermeneutik die „Kunst, das von anderen Gesagte, das uns in der Überlieferung begegnet, durch eine eigene Anstrengung der Auslegung überall dort zu erklären, wo es nicht unmittelbar verständlich ist“ (ebd., S. 3). Dabei weist er darauf hin, dass das gewachsene historische Bewusstsein der Menschen die Missverständlichkeit und die mögliche Unverständlichkeit aller Überlieferung (dazu zählt er auch Kunst) deutlicher zutage gebracht hat, ebenso wie das Individuum in seiner Vielschichtigkeit stärker in den Mittelpunkt des Interesses gerückt ist.

Die Kunst gehört im Verständnis Gadamers zu den Quellen menschlicher Geschichte, nämlich als zum Zweck der Erinnerung überlieferte Aufzeichnung. Dabei ist nicht von entscheidender Bedeutung, ob ein Kunstwerk sprachlicher beziehungsweise nichtsprachlicher Natur ist: Das, was die Sprache des Kunstwerks genannt wird, um derentwillen es erhalten und überliefert wird, ist die Sprache, die das Kunstwerk selbst führt, ist der Sinnüberschuss, der im Werk selbst liegt und seine Produktivität ausmacht. Daraus resultiert als Aufgabe der Hermeneutik, „den Sinn dessen, was es sagt, zu verstehen und – sich und anderen – verständlich zu machen“ (ebd., S. 5). Dabei ist zu beachten, dass der „eigentliche Sinn des Gesagten immer darüber hinausgeht, was Gesagtes aussagt. Diese Aufgabe schließt gleichzeitig die Bereitschaft ein, sich etwas sagen zu lassen“ (ebd.). In diesem Sinne ist Verstehen eines Kunstwerks Selbstbegegnung: Das heißt, die Erfahrung der Kunst muss „in das Ganze der eigenen Wertorientierung und des eigenen Selbstverständnisses“ integriert werden (ebd., S. 6).

Mit der Anwendung der Hermeneutik auf die Kunst wird deutlich, dass die Subjektivität des Meinens nicht ausreichend ist, den Gegenstand des Verstehens zu bezeichnen. Ebenso wie die Meinungen geschichtlicher Ereignisse durch Zeitgenossen auf der einen und Historiker im Rückblick auf der anderen Seite zumeist auseinander fallen, lässt die Erfahrung des Kunstwerks die „mens actoris“ hinter sich. Das macht auf die umfassende Universalität des hermeneutischen Gesichtspunkts aufmerksam, der darin zum Ausdruck kommt, dass ein jegliches auf ein anderes hindeutet, dass die Dinge in unüberschaubaren Beziehungen zueinander stehen, dass jedes einzelne aber auch als Repräsentant des Ganzen fungiert.

Bezug nehmend auf Goethes Symbolbegriff formuliert Gadamer: „Die Sprache des Kunstwerkes hat die Auszeichnung, dass das einzelne Kunstwerk den Symbolcharakter, der allem Seienden, hermeneutisch gesehen, zukommt, in sich vereinigt und zur Sprache bringt“ (ebd., S. 8). Kunst hat in ihrer Vertrautheit gegenüber allen anderen Überlieferungen den Vorzug, dass sie in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft etwas zu sagen hat, das über das Gesagte hinausgeht und ein Wiedererkennen und Verändern hervorruft.

Gadamer (1977) entwickelt an drei Dimensionen menschlicher Erfahrung unser Verhältnis zur Kunst: Spiel, Symbol, Fest.

Spiel ist eine elementare Funktion des Lebens als Ausdruck eines Überschusses, als Selbstdarstellung der Lebendigkeit. Der Anfang eines Spieles ist Bewegung, ein Hin und Her, das sich ständig wiederholt, keinen Zweck als den Selbstzweck kennt. Die Bewegung kommt nicht zur Ruhe, denn sie ist Leben; zu solcher Bewegung gehört Spielraum; sie beansprucht Freiheit von fremd gesteuerten Zielen und Regeln. Das Spiel schafft sich seine Regeln selbst und entwickelt so eine Eigengesetzlichkeit. Spiel ist Selbstdarstellung der Spielbewegung und wirkt animierend auf Zuschauer oder Betrachter und fordert Mitspielen, entweder durch innere Anteilnahme beim Zuschauen wie z. B. bei einem Tennisoder Fußballspiel oder durch Mitspielen, wie es kleine Kinder oft herausfordern. Es ist der Anfang menschlicher Kommunikation, und dieses Tun kennt keinen Abstand zwischen Spieler und Zuschauer.

Was hat nun Spiel mit Kunst zu tun? Auch ein Kunstwerk ist Selbstdarstellung und lebt sich selbst. Es hat eine „hermeneutische Identität“, das heißt.: Es will etwas sagen, meint etwas, es ist zu verstehen, in sich eins, geschlossen, jedoch nicht verschlossen; im Gegenteil, es animiert dazu, betrachtet, gelesen, reflektiert zu werden. Gerade moderne Kunst verweigert sich dem rein ästhetischen Kunstgenuss. Kunst möchte den Abstand zwischen Werk und Publikum durchbrechen, reizt den Betrachter, als Mitspieler zu agieren. Nur dann birgt der „Kunstgenuss“ wirkliche Erfahrung des Kunstwerks, wenn der Betrachter tätig wird, also eine eigene Leistung aufbringt und nicht nur die Leistung des Künstlers bestaunt.

Bildende Kunst zu betrachten ist ein synthetischer Akt wie das Lesenlernen, wenn aus Buchstaben Wörter entstehen, die Sinn ergeben. Ein Bild „lesen“ bedeutet, die ständige hermeneutische Bewertung zu vollziehen – das Spiel mitzuspielen, wie die Zuschauer am Tennisplatz, deren Köpfe sich hin und her drehen, um immer am Ball zu bleiben. Das Bild wird aufgebaut und reflektiert. Der Betrachter nimmt die Forderung auf, nachzuvollziehen, sich zu identifizieren mit dem, was gemeint, gewollt ist; er besetzt die Nische, die der Künstler seinem Mitspieler als Freiraum gelassen hat, das Wiedererkennen, das Verstehen zu variieren, zu gewichten. So wird das Betrachten des Kunstwerks ein kommunikativer Akt wie das Spiel.

Symbol wird – so Gadamer – in der Regel definiert als ein Zeichen, das für etwas anderes steht – und verweist auf einen tieferen Sinn. Das würde bedeuten, dass Zeichen für einen Sinnzusammenhang ausgewechselt werden könnten wie etwa beim Stilmittel der Allegorie. Nimmt man jedoch die ursprüngliche griechische Bedeutung des Wortes an, so zeigt sich, dass damit ein Bruchstück gemeint ist, das zur Ganzheit benötigt wird.

Darin drückt sich das permanente Streben des Menschen nach Ganzheit, nach Vollständigkeit aus, die der Mensch in sich selbst nicht finden kann. Deshalb ist er darauf angewiesen, auf dem Wege der Kommunikation sich zu ergänzen. Diesen Weg beschreiten wir in der Kunst; indem wir uns auf das Schöne einlassen, begegnen wir der besonderen Bedeutung, erinnern wir uns an Bekanntes, erhoffen wir, das fehlende Bruchstück zu unserer eigenen Ganzheit zu finden. Wir begegnen in der Kommunikation mit dem Kunstwerk uns selbst.

Hegel sagt: „In der sinnlichen Erscheinung des Schönen wird die Idee gegenwärtig.“ Dann wäre das Kunstwerk nur ein Medium, durch das uns die Botschaft durchscheinen würde. Jedoch ist das Werk der schöpferische Ausdruck des Künstlers. Der Künstler hat das Werk geschaffen und nicht die Botschaft verpackt. Das Kunstwerk kann nicht bloßer Sinnträger sein. Es verweist auf etwas, das sich vor dem bloßen Anblick verbirgt, dem wir aber begegnen können, indem wir uns darauf einlassen. Die Hoffnung, unsere bruchstückhafte Existenz zu ergänzen, zieht uns an, lässt uns vom Bedeutsamen des Kunstwerkes angerührt sein, lässt uns teilnehmen an dem unauflöslichen Verwirrspiel von Aufzeigen und Verbergen.

Jede Kunst ist – so Gadamer – einzigartig und nicht austauschbar. Es ist nicht nur Offenlegung von Sinn, Idee, sondern das Hineinnehmen von Sinn in ein gestaltetes Gebilde. Es verweist auf eine Idee, verkörpert sie und steht dafür ein. So liegt es am Betrachter, das Symbolische im Kunstwerk zu erfahren und die potentielle Gemeinsamkeit auszuloten.

Gadamer lässt diesen Kommunikationsprozess von Kunstwerk und angerührtem Betrachter in dem Begriff vom Fest gipfeln, definiert Fest als „Gemeinsamkeit und durch die Darstellung der Gemeinsamkeit“ (ebd.). Ein Isolieren und Zurückziehen ist nicht mehr möglich. Bei unserer Arbeit, beim zielgerichteten Tätigsein, vereinzeln wir uns, das Fest jedoch versammelt, es ist eine intentionale Tätigkeit. Man arrangiert ein Fest auf ein bestimmtes Ziel hin; ein Fest findet immer oder immer wieder statt – es verlangt Wiederkehr. Es ist eine erfüllte Zeit, hat seine Eigenzeit und bestimmt den Rhythmus selbst; so wie beim Hin und Her des Spiels eine Eigengesetzlichkeit eintritt. Das gleiche gilt für die Schönheit des Kunstwerks: Es ist eine organische Einheit, auf eine eigene Mitte hin zentriert und feiert seine Selbstdarstellung voller Lebendigkeit.

 
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