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2 Bildhermeneutik Eine Einladung in das Thema

Stefan Lüddemann

2.1 Der Detektiv als Hermeneutiker? Das Beispiel Sherlock Holmes

Mit einem fratzenhaften Grinsen auf dem Gesicht sitzt Thaddeus Sholto tot in einer Dachkammer seines Hauses in Pondicherry Lodge. Doch der Raum ist verschlossen und der einzige Ausgang – eine Luke in der Decke – ist so klein, dass ein Mensch unmöglich hindurchgeht. Wie konnte Sholto unter diesen Umständen ermordet werden? Eine knifflige Aufgabe für den Detektiv aller Detektive, für Sherlock Holmes. In dem Roman „Das Zeichen der Vier“ (Doyle 1988) wird Holmes mit dieser Lage, die Krimifans als Loked-Room-Situation geläufig ist, konfrontiert. Niemand konnte hinein, niemand hinaus – und dennoch befindet sich eine Leiche in dem Raum. Mit einem Wort: Das Unmögliche ist geschehen. Der Detektiv wird mit dem ultimativen Rätsel konfrontiert.

Wie seine Kollegen macht sich auch Holmes daran, dieses Rätsel zu lösen oder anders gesagt: Das Fremde zu etwas Vertrautem zu machen. Ist Holmes demnach ein Hermeneutiker? Die Hermeneutik als Kunst der Auslegung und Entzifferung hat, wie bereits festgestellt, genau mit solchen Situationen zu tun. Ihre Kunst besteht darin, verrätselte Botschaft lesbar, verborgenen Sinn sichtbar zu machen – also, die Stimmigkeit des scheinbar Unzusammenhängenden zu erweisen. Wie weit kommen wir mit diesem Verständnis von Hermeneutik bei Sherlock Holmes? Sehen wir ihm weiter bei der Arbeit zu. Holmes löst seine Fälle mit dem Anspruch wissenschaftlicher Exaktheit. Von Hermeneutik spricht er dabei nicht. Er ist Verfechter der „Wissenschaft der Deduktion“, wie sie in einem anderen Roman von Doyle genannt wird. „Sie wollen und wollen meine Regel nicht anwenden“, sagte er kopfschüttelnd. „Wie oft habe ich Ihnen schon erklärt, dass Sie lediglich all das, was unmöglich ist, auszuschließen brauchen, und was dann übrig bleibt, mag es auch noch so unwahrscheinlich sein, muss die Lösung sein“ (Doyle 1988: 55): So fasst Holmes seine Vorgehensweise gegenüber seinem Faktotum Dr. Watson zusammen. Anders gesagt: Rätsel gibt es für Holmes eigentlich nicht. Es gibt nur Erklärungen von absoluter Kohärenz, die jeden Zusammenhang als einfach und klar erweisen – mag er zunächst noch rätselhaft erscheinen. Die HolmesRomane beziehen gerade aus diesem Kontrast zwischen dunklem Rätsel und der Klarheit der Lösung ihre Spannung.

Doch wie kommt Holmes zu seiner Lösung? Sicher, er vertraut einem Verfahren logischen Schließens. Aber dieses Vorgehen bedarf einer Basis. Und die gewinnt der Detektiv dadurch, dass er Wahrnehmungen extensiv aufnimmt und ihrer erwiesenen Faktizität konsequent vertraut. „Er besitzt zwei der drei Eigenschaften, die den idealen Detektiv ausmachen; die Fähigkeit der Beobachtung und die der Deduktion. Das einzige, was ihm noch fehlt, ist Wissen und das kann mit der Zeit erworben werden“ (ebd.: 11). Wahrnehmung – Logik – Erfahrung: In diesem Dreieck kriminalistischer Methode ist die Wahrnehmung nicht die unwichtigste Position.

Doch was macht Holmes konkret? Schauen wir für einen Moment, was der Detektiv im Zimmer des ermordeten Sholto anstellt. „Er zückte sein Vergrößerungsglas und ein Messband und begann, auf den Knien in dem Zimmer hin und her rutschend, Messungen, Vergleiche und Untersuchungen anzustellen, wobei seine lange, dünne Nase nur ein paar wenige Zoll von den Dielen entfernt war und seine Augen den glänzenden, tiefliegenden Knopfaugen eines Vogels glichen. Seine Bewegungen waren die eines abgerichteten Bluthundes, der eine Witterung aufnimmt...“ (ebd.: 57). Die Vergleiche mit Tieren zeigen, worauf es bei dieser Art der Wahrnehmung ankommt: Sie ist über das Menschenmaß hinaus genau, nicht zu täuschen und unbeirrt auf ein Ziel gerichtet. Auf der anderen Seite macht sich der Detektiv hier auch ein „Bild“, denn er trägt isolierte Beobachtungen zu einem stimmigen Ganzen zusammen. Das Rätsel lösen, bedeutet für Holmes, die gesicherten und deshalb objektiv gültigen Sinnesdaten mit möglichen Erklärungsansätzen so zu verbinden, dass eine Kohärenz ohne Rest entsteht. Erst die Erklärung, die alle Details des Falles ideal zusammenfügt, kann als Lösung angesehen werden. In der Tat: Eine wissenschaftliche Methode – Verfahren der Verifikation und Falsifikation inbegriffen.

 
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