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2.3.3 Zusammenarbeit mit internationalen Akteuren

Konflikte europäisiert zu bearbeiten bedeutet auch, sie nicht isoliert, sondern im Rahmen der Möglichkeiten, die sich international bieten, zu regeln. Dazu zählen neben der EU auch internationale Akteure wie die Vereinten Nationen und die internationale Gerichtsbarkeit sowie sonstige internationale Organisationen oder Regierungen anderer Staaten, die u. U. als Nachbarstaaten von dem Konflikt berührt sind oder andere Interessen an der Konfliktbeilegung aufweisen.

Somit muss auf der einen Seite beachtet werden, welchen Einfluss internationale Akteure auf die Konfliktregelung ausüben. Auf der anderen Seite ist es ebenfalls von Interesse, wie weit das Interesse und die Bereitschaft der Konfliktparteien reicht, mit den Akteuren im Konfliktregelungsprozess zusammenzuarbeiten.

Darüber hinaus ergeben sich ähnlich wie beim Akteur EU folgende Fragen: Wie, durch wen und seit wann sind die internationalen Akteure vor Ort vertreten? Wie wird durch dieses Engagement Einfluss auf die Konfliktbeilegung ausgeübt? Gibt es Akteure, die dem Interesse der konstruktiven Konfliktregelung zuwiderhandeln? Welche Ziele verfolgen die internationalen Akteure? Decken sich die Ziele untereinander oder ist das Wirken der verschiedenen Akteure kontraproduktiv? Decken sich die Ziele mit den Zielvorstellungen der EU? Welche (Miss-)Erfolge können im Hinblick auf die Vermittlung verbucht werden? Welche Gründe gibt es für mögliche Misserfolge?

2.3.4 Anerkennung der Verhandlungspartner

Sollen mögliche Verhaltensweisen von Konfliktparteien und deren Interaktion analysiert werden, kann Glasl herangezogen werden. Er unterscheidet dafür zwischen einem „heißen“ und einem „kalten“ Konflikt. Im ersten Fall vertreten die Verhandlungspartner enthusiastisch die eigene Sache und versuchen, das Gegenüber davon zu überzeugen, wobei sie anfänglich kein schlechtes Bild der gegnerischen Partei haben. Im zweiten Fall zeichnet sich das Verhalten der Parteien durch Frustration, Enttäuschung und Desillusion aus. Es wurde bereits aufgegeben, die Gegenseite zu überzeugen, deren Kontakt geradezu gemieden wird. In beiden Fällen kann es zur Eskalation kommen, wobei diese in einem heißen Konflikt emotional und offen aggressiv

ausfällt, während in einem kalten Konflikt „hinter den Kulissen“ still, aber strukturiert die Fäden gezogen werden.84 In beiden Fällen droht die Verweigerung, mit dem Gegenüber weiter zu verhandeln. Die Anerkennung des Verhandlungspartners ist jedoch unerlässlich, um einen Konflikt überhaupt bearbeiten zu können.

Die Anerkennung bedeutet zweierlei: Einerseits ist es zunächst einmal notwendig, dass die Vertreter der jeweiligen Konfliktpartei, die im Konfliktbeilegungsprozess die Interessen vertreten, überhaupt von der eigenen Seite anerkannt werden. Für die Bevölkerungen ist beispielsweise eine durch freie Wahlen bestimmte Regierung legitimiert, um die Interessen des Volkes in Verhandlungen zu vertreten. In innerstaatlichen Konflikten wäre der Anführer einer Widerstandsbewegung, die eine breite Unterstützung im Volk hat, ebenso denkbar.

Andererseits ist auch eine Anerkennung des Verhandlungspartners durch die Gegenseite notwendig, da ansonsten erst gar keine Konfliktregelungsprozesse in Gang gebracht werden können. Für die jeweiligen Verhandlungspartner ist es wichtig, ein Gegenüber zu haben, das als Verhandlungspartner akzeptiert und als glaubwürdig eingestuft wird. Zur Glaubwürdigkeit trägt auch bei, wenn der Verhandlungspartner eine, wie es Senghaas nennt, Erwartungsstabilität aufweist. Das Verhalten und die Motive des Handelns nicht undurchsichtig, sondern bekannt sind und auch voraussagbar bleiben.85 Ebenso sollte dem Verhandlungspartner ein Mindestmaß an Vertrauen entgegengebracht werden. Feindbildkonstruktionen – wie sie u. U. noch zu Zeiten eines vorangegangenen Krieges gegolten haben mögen – müssen für eine Konfliktregelung ad acta gelegt werden.

Fragen, die bei der Analyse dieser Variable zu beantworten sind, lauten zunächst: Wer sind die Konfliktparteien? Wer sind die Interessensvertreter im Konfliktregelungsprozess? Und weiterhin: Werden diese von der eigenen Konfliktpartei anerkannt? Werden diese von der jeweils anderen Partei anerkannt? Begegnen sich die Verhandlungspartner mit Respekt oder Ressentiments? Bringt man sich Vertrauen und Glaubwürdigkeit entgegen?

 
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