Desktop-Version

Start arrow Philosophie arrow Wie das Leben spricht: Narrativität als radikale Lebensphänomenologie

< Zurück   INHALT   Weiter >

8.1 Grundbezug von Pathos und Imaginärem in der Romanfiktion

Wenn daher letztlich die henryschen Romane als originärer Zusammenhang von Imaginärem und Pathos sein phänomenologisches Werk oftmals vorbereiten oder verlängern, so impliziert dies des Weiteren bei ihm ebenfalls eine notwendige Reflexion über Sprache und Literatur im Allgemeinen, worüber er sich in späteren Jahren deutlicher geäußert hat. Wir können also diese theoretischen sprachphilosophischen Aussagen3 für die vorliegende Interpretation der hier zunächst nur kurz genannten Romane und ihre Narration in Anspruch nehmen, die außer „Le Jeune Officier“ chronologisch nacheinander folgende Titel tragen: „L'amour les yeux fermés“,4 „Le Fils du roi“5 und „Le cadavre indiscret“.6 Bis auf den letzten Titel erschienen die drei erstgenannten Romane vor kurzem wieder in einer gemeinsamen Neuausgabe,7 um hier auch nunmehr im deutschsprachigen Raum vorgestellt zu werden. Wenn sich die klassische Phänomenologie im Bereich der eidetischen Gegenstandskonstitution bewegt, bzw. hermeneutisch auf das Seinsverstehen durch das „Dasein“ konzentriert,8 so fügt Henry einer solch transzendent begrenzten phänomenologischen Eidetik durch sein Romanschaffen eine zusätzliche Variation wesenhaft phänomenologischer Beschreibung hinzu, nämlich genau die literarische Fiktion als narrative Weise des schon genannten Imaginären. Da Henrys radikale oder gegen-reduktive Lebensphänomenologie nämlich eine rein pathische Phänomenalisierungssphäre diesseits der Univozität des bloßen Welterscheinens aufsucht, verlassen auch seine Romane den ausschließlichen Horizont des Welthaften und schreiben sich in den immanenten Affekt der Individuen ein, wie er gerade im fiktiven Modus des Imaginären zum Ausdruck gebracht werden kann. Die Fiktion ist also eine maßgebliche Weise, trotz des lesenden oder hörenden Vollzugs von Worten mit ihren Bedeutungen zugleich die rein innere Erprobung jenes absolut phänomenologischen Lebens zu vollziehen, welches der Roman in imaginären Bildern evoziert. Damit entfällt die oft geäußerte Kritik, der intentionale Sinnoder Weltbezug ließe eine Aufhebung seiner Transzendenz gar nicht zu.

Der Platz reicht hier nicht aus, um in eine breitere Diskussion mit verschiedenen anderen Romantheorien einzutreten, aber es dürfte auf der Hand liegen, dass die Polyphonie der narrativen Stimmen in den klassischen und modernen Romanen zugleich eine Komplexität von zeitlichen Spielräumen jeweils impliziert, die oft ein nicht entscheidbares Element des „Schicksals“ oder der „Identität“ – im Unterschied zu einer transzendentalen Fundierung – in den Mittelpunkt stellen. Oder anders gesagt ist die Romangattung in ihrer Tradition an die Widersprüche und Vergeblichkeiten der Welt, an deren Lärm und Verwirrungen gebunden. Mit Henry verlassen wir diese philosophisch wie literaturtheoretisch unreflektierte mundane Vorgabe, um im ursprünglich affektiven Pathos die Unmittelbarkeit des rein individuellen oder subjektiven Lebens zu erreichen, welches eben zugleich eine „Narration des absoluten Lebens“ darstellt, nämlich genau die apriorische Meta-Genealogie jedes möglichen Individuums, sofern es in der unveräußerlich affektiven „Selbstumschlingung“ solch rein phänomenologischen Lebens geboren wird. Wenn wir hiernach die einzelnen Romane Henrys von diesem innersten Geschehen her darstellen werden, so unterwerfen wir sie damit also keiner ihnen fremden Interpretationsgewalt, sondern folgen dabei dem innersten Anliegen des Autors in seinem phänomenologischen wie literarischen Schaffen selbst, welches vor allem diese immanente oder zeitlose generatio der lebendigen Individuen zum Schwerpunkt hat, die zugleich eine Gemeinschaftlichkeit noch vor aller intentionalen Intersubjektivität aufsucht – und dies vor allem auch im Bereich der Fiktion.

Halluzination und Psychose.9 In Bezug auf andere Literaturund Romantheorien (zum Beispiel bei Lukács, Iser etc.) kann also für unseren Zusammenhang behauptet werden, dass nicht die episch-geschichtliche oder biographische „Wahrheit der Welt“ die eigentliche Materie des Romans ausmacht, sondern jene ebenso unsichtbare wie nicht erinnerbare „Selbstaffektion“, welche in Henrys Roman „Der Königssohn“ sogar einen psychotischen Erzähler zum narrativen Mittelpunkt hat. Dieser kann von sich behaupten, „königlichen Blutes“ zu sein, um auf diese Weise alle äußerlich „objektive“ Wahrheit (wie gerade in der Medizin und Psychologie) einer prinzipiellen Irrealität zu überantworten, ohne dabei allerdings die grundlegende affektive Gemeinschaftlichkeit mit seinen „Mitkranken“ aufzukündigen, sondern dieses Mit-Pathos vielmehr zu seiner Erfüllung führt. Oder in „L'amour les yeux fermés“ vernichtet sich eine einst stolze und blühende Stadt mit ihrer ganzen Kultur selbst, weil sie ihren abstrakt revolutionären Vorstellungen mehr glaubt als den inneren Lebensmodalitäten ihrer Einwohner, so dass dieser Roman von 1976 auch als eine Vorwegnahme der späteren kulturkritischen Schrift „La barbarie“10 gelesen werden kann.

Dass Henrys Romanfiguren zudem oft christ(olog)ische Züge tragen, verwundert dann bereits durch den Bezug on Affekt, Leiblichkeit als „Fleisch“ (chair) und „Sohnschaft“ im absoluten Leben nicht mehr, insofern kein endliches Leben sich selbst zu begründen vermöchte, aber sehr wohl die Selbstoffenbarung des göttlichen Lebens in sich unmittelbar als originäre Lebensaffektion vernehmen kann. Der „Königssohn“ scheint so bereits die Analysen zum Johannes-Evangelium in der Trilogie11 als letzter Werkphase Henrys vorwegzunehmen, so wie uch schon der Großkanzler der Universität in „L'amour les yeux fermés“ eine Passion erleidet, welche an Folter und Tod Jesu erinnert, nämlich nicht nur als physisches Leiden, sondern vor allem auch dem Spott und der Lächerlichkeit einer hämischen politisierten Öffentlichkeit preisgegeben. Die meta-genealogische „Sohnschaft“ im absoluten Leben hebt den Leser folglich nicht nur aus dem welthaften Geschehen heraus, sondern übersteigt letztlich sogar die Grenzen bloßer Schöpfungsordung auf eine ursprunghafte Lebensabkünftigkeit „im Anfang“ hin (Joh 1,1 ff.). Die Interpretation des henryschen Romanwerkes als einer solch affektiven MetaGenealogie des individuellen Lebens könnte daher auch als eine incarnatio continua im Sinne Meister Eckharts verstanden werden, den beispielsweise der fiebernde „Königssohn“ während eines Deliriums indirekt zitiert, wenn er bei völligem Unverständnis des ihn umgebenden Pflegepersonals in einem Psychiatrieasyl sagt: „Das Auge, durch das wir die Dinge sehen, ist kein anderes als das Auge, durch welches Gott uns sieht.“12 Auf solchem Hintergrund wird prinzipiell verständlich, dass für Henry die narrative Fiktion des Romans stets ein „immanentes Leben“ evoziert, welches keineswegs mit der inneren psychologischen Gedächtniswelt eines von Bergson inspirierten Proust oder den inneren Monologen bei Joyce gleichzusetzen wäre, was zudem die Abwesenheit von Bezügen zur literarischen Moderne bei Henry überhaupt erklärt. Die ästhetischen und literarischen Hintergründe, welche im Gesamtwerk Henrys gegeben sind, beziehen sich eher auf Kandinsky,13 Ossip Emil Mandelstam14 und Kafka15 als etwa auf Blanchot und Sarraute im zeitgenössischen französischen Kontext. So erklärt unter anderem die Romanfigur Ossip als literarische Vergegenwärtigung Mandelstams: „Die so unterschiedlichen Werke, welche die mannigfachen Ereignisse, Glaubensüberzeugungen und Zivilisationen zum Ausdruck zu bringen scheinen, erzählen tatsächlich nur dasselbe: die Geschichte ihres Zum-Sein-Kommens […]. Diese Geschichte ist die Geschichte eines jeden von uns. Sie ist nicht vergangen, sondern sie ist die Bewegung des Lebens, das uns zu jedem Augenblick an uns selbst gibt.“16

Die von Henry in seinem Romanwerk erzählte Wirklichkeit badet mithin in einem anderen „Licht“ als im Horizont der Wahrnehmung. Es ist das ebenso unsichtbare wie nicht erinnerbare „Licht“ des Lebens, wie wir schon sagten, welches als transzendentaler Grund der subjektiven Immanenz zugleich schlechthinniger Ab-Grund ist – mithin „Dunkelheit“ der pathischen Wahrheit des Affekts in den Augen der Welt. Nicht von ungefähr erzählt deshalb der „Königssohn“, welcher wohl als der wichtigste Roman Henrys betrachtet werden darf, die „Wahrheit“ unter dem täuschenden Kleid des Wahnsinns oder der Psychose mit ihren Halluzinationen, was eine bestimmte radikal phänomenologische Sicht des Affekts als überschüssige Kraft oder Energie impliziert. Wir wiesen schon darauf hin, dass die Dimension der Gemeinschaftlichkeit in solcher Schizophrenie keineswegs abwesend ist, aber im Unterschied zu den klassischen Verflechtungen der narrativen Andersheit, Fremdheit oder Identitätskrisen in den Romanen ist das henrysche Mit-Pathos vorintentional. Das heißt, seine Romane knüpfen an eine phänomenologische „Inter-Subjektivität“ an, welche im (Ab-)Grund des Lebens selbst bereits schon vorgegeben ist. Über diese „Nacht der Affektivität“, welche sich besonders auch in der „Nacht der Liebenden“ verdichtet, sind sich die Individuen immer schon begegnet, bevor sie sich existentiell wahrnehmen, so wie es in „L'amour les yeux fermés“ etwa heißt:

„Die menschlichen Wesen begegnen sich nicht zufällig. Nicht die Bahn, welcher sie im Raum folgen, führt sie zusammen, sondern eher das, was sie in sich selber verwirklicht haben“.17

Wenn Henry folglich seine Romanfiguren im „Königssohn“ ausgehend von Krankheitsbildern beim französischen Psychologen Pierre Janet18 konstruiert, bzw. die überzeitliche Stadt Aliahova in „L'amour les yeux fermés“ aus großartigen Architekturvergegenwärtigungen von Ägypten bis hin zur Renaissance über Griechenland und Rom imaginär zusammenstellt, dann bergen diese Fiktionen eine phänomenologische, psychologische wie kulturelle Leitfrage in ihrer Mitte: Wie kann es geschehen, dass sich unser Pathos in gewisser Weise nur im Imaginären „entladen“ kann? Warum wendet sich das individuelle wie ethische Leben wie gegen sich selbst, wenn es einen gewissen Höhepunkt erreicht hat, bzw. sich selbst nicht mehr zu „ertragen“ imstande ist? Aber neben dieser scheinbar selbstmörderischen Bewegung gibt es gleichfalls die parallele Fragestellung: Woher gewinnt das Leben die Kraft, im Augenblick größter Zerstörung zugleich auch wieder erste affektive Anzeichen eines Neubeginns zu setzen? So versinkt die imaginäre Stadt Aliahova zuletzt wie Sodom und Gomorra (vgl. Gen 13,10 ff.) in einer alles vernichtenden Feuersbrunst, aber die beiden Hauptfiguren Deborah und Sahli haben sich als Liebespaar aus ihr retten können, um auf der freien Hochebene bei freundlich gesinnten Nomadenstämmen ein neues Leben zu beginnen. Die einzelnen Episoden entsprechen daher jeweils in Henrys Romankapiteln der inneren Bewegung unseres inneren Pathos, welches zwischen Freude und Schmerz ständig oszilliert. Diese gefühlsmäßige als inner-narrative Veränderung vollzieht sich mithin gemäß einer genealogisch-affektiven „notwendigen“ Bewegung, so wie der seinsmäßige Pendelausschlag zwischen Dionysos und Apollo in der griechischen Tragödie nach der Auffassung Nietzsches.19 Das effektiv phänomenologische Leben in seinem inneren Selbsterscheinen wäre daher für Henry als Kennzeichen jeder kulturellen Schöpfung gerade auch das entscheidende Merkmal der literarischen Fiktion: „Die Subjektivität ist [in der Literatur] keine nutzlose oder störende Person [wie in den Wissenschaften], sondern ‚die Sache selbst' und worum es sich letztlich handelt. […] Die Literatur hat nichts anderes im Sinn, als die Entbergung des Wesens des Lebens [in seiner Praxis und inneren Angst] zu vollziehen. Und wenn sie es auf dem Weg ästhetischer Vorgehensweisen tut, dann deshalb, weil die Kunst, der sie zugehört, das privilegierte Mittel dieses wesenhaften Bezuges zum Leben ist.“20

 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics