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Start arrow Philosophie arrow Wie das Leben spricht: Narrativität als radikale Lebensphänomenologie

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Kapitel 7 Kultur und Lebenssteigerung

Wenn wir die bisherige Kulturanalyse besonders in ästhetisch-imaginärer Hinsicht weiterführen wollen, lässt sich die Kultur laut Michel Henry zentral als „die AllEntwicklung und -Verwirklichung der Potenzialitäten des Lebens“1 bestimmen, oder auch als „das Gesamt der Unternehmungen und Praktiken, in denen sich die Überfülle des Lebens ausdrückt“, welche innerlich die lebendige Subjektivität zu einer Kraft mit der Bereitschaft bestimmt, „sich zu verschwenden“ und es unter dieser Beanspruchung zu tun.2 Daraus folgt, dass die Kultur des Lebens dieses Leben sowohl als ihr Subjekt wie auch als ihr Objekt zum Inhalt hat. Denn es ist das Leben, welches seinen verändernden Einfluss auf sich selbst ausübt und damit eine Eigenveränderung in Bewegung setzt, die nach höheren Vollendungsformen im Sinne einer Lebenssteigerung trachtet. Auf diese Weise ist das Leben die Kultur selbst, und es trägt diese in sich als etwas, das als solche gewollt ist. Die grundlegende Frage nach möglicher Lebensselbststeigerung, obwohl das rein phänomenologische Leben immer das Leben selbst bleibt, schließt zunächst ein, dass die Lebensselbstveränderung auf einem Wissen beruht, welches bisher als immanente Narrativität verstanden wurde.

Dieses Lebenswissen (le savoir de la vie) im Sinne der urleiblichen Potenzialität als prinzipielle Möglichkeit der leiblich-geistigen Aktund Kraftentfaltung hat seinerseits einen zweifachen Aspekt wie die Kultur. Zum einen ist dieses Lebenswissen ein Wissen, dessen Inhalt oder „Objekt“ in der Tat das Leben selbst ist, auch wenn dieses Wissen gerade kein Gegenstandswissen im objektivierbaren Sinne darstellt. Zum anderen wird jenes Wissen, worauf die Kultur basiert, durch das Leben selbst gebildet, da nur das Leben erkennen und wissen kann, was es selbst zuinnerst betrifft. Diese Selbsterkennung des Lebens aus der ihm eigenen Kenntnis heraus ist bei Henry3 in anderer Terminologie die immanent „lebendige Praxis“ der Subjektivität als absoluter Affektivität. Als mundane Vorstellung erscheint diese Praxis natürlich auch in der Welt, aber als rein subjektive Gegebenheit ist sie abgründig dem Bewusstsein enthoben und bildet kein Objekt des Wissens der Wissenschaften. So vermag die Biologie etwa einen bestimmten Typus natürlicher Prozesse zu beschreiben, die aber dem Lebenswissen äußerlich bleiben, sofern eben mit letzterem das phänomenologische Leben der absoluten Subjektivität selbst gemeint ist.

 
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