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Start arrow Philosophie arrow Wie das Leben spricht: Narrativität als radikale Lebensphänomenologie

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Kapitel 1 Einleitung: Heil und Immanenz als Entwicklungsprinzip henryschen Denkens

Wenn wir hier hinführend die Entwicklung des Denkens Michel Henrys in Bezug auf Narrativität und Religionsphilosophie im Zusammenhang mit seinem Gesamtwerk nachzeichnen wollen, so stößt man zunächst auf seine philosophische Diplomarbeit über Spinoza [1], die er an der Universität Lille 1942–43 in ungefähr sieben Monaten mit 20 Jahren verfasste, um gleich darauf in den französischen Widerstand zu gehen, weil er wie viele andere junge Franzosen den aufgezwungenen Arbeitsdienst (STO: Service de travail obligatoire) in Nazi-Deutschland ablehnte. Kritisch von Léon Brunschvicgs [2] Arbeit über Spinoza ausgehend, legt Henry in seiner Untersuchung dar, wie sie von seinem Studienleiter Jean Grenier angeregt worden war, dass trotz der geometrisch rationalen Vorgehensweise die Grundintuition Spinozas im Gefühl oder in der inneren Erfahrung des Heils und der Freude bestehe. Daraus erklärt sich der jetzt wiederhergestellte ursprüngliche Titel „Das Glück Spinozas“ – und nicht „Das Glück bei Spinoza“, wie es in einer Teilveröffentlichung als Artikel am Ende des Krieges 1944–46 hieß [3]. Der nunmehr integral veröffentlichte Text [4] lässt sehr deutlich erkennen, dass Henry, der spätere Begründer der radikalen Lebensphänomenologie ab den 1950er-Jahren, weniger von der doxographischen Reorganisation allein des spekulativ philosophischen System Spinozas in dessen Würdigung ausgegangen war, als vielmehr von der tieferen affektiven Grundüberzeugung desselben in der „Ethik“, dass nämlich die Weisheit keine meditatio mortis, sondern des Lebens (sed vitae) sei.

  • [1] Vgl. Le bonheur de Spinoza, suivi de Étude sur le spinozisme de Michel Henry par Jean-Michel Longneaux, Paris, PUF 2003, 9–148. Es muss späteren Studien überlassen werden, welche Spuren sich bereits in seinem noch unveröffentlichten Journal finden, das von Henry ab den 1940er-Jahren geführtwurdeundvomnochherrschenden Kantianismusinderfranzösischen Reflexionsphilosophie seiner Zeit zur Phänomenologie Husserls, Schelers, Sartres und Heideggers überleitet. Vgl. auch die bisher ersten Teilveröffentlichungen von Vorbereitungsnotizen zu seiner Habilitationsschrift 1963 in Revue Internationale Michel Henry 14 (2010–13).
  • [2] Vgl. Spinoza, Paris, Calman-Lévy 1894
  • [3] Vgl. Revue d'histoire de la philosophie et d'histoire générale de la civilisation 39–40 (1944) 187–225 u. 41 (1946) 67–100. Von Jean Grenier und dem Zweitgutachter Maurice de Gandillac war diese Arbeit als so gut bewertet worden, dass sie im bekannten Pariser Verlag Gallimard erscheinen sollte, was aber die Kriegsumstände verhinderten
  • [4] Nach einer ersten vollständigen Ausgabe durch Jad Hatem an der Universität Saint Joseph in Beirut (Libanon) 1997
 
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