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4 Fortgeschrittene Themen

The impression that science is over has occurred many times in various branches of human knowledge . . . .

Charles Fabry

4.1 Kategoriale Variablen

Das Konzept der „political efficacy“ (Bürgerkompetenz) gehört zum Kernbestand der politischen Partizipationsforschung (für einen Überblick siehe Arzheimer 2008b). Es bezeichnet das Gefühl der Bürger, den politischen Prozess beeinflussen zu können, und ist damit für das Selbstverständnis von Demokratien von zentraler Bedeutung. Wenn die Bürger den Glauben an ihren eigenen politischen Einfluss verlieren, liegt politische Entfremdung vor (Aberbach 1969). In diesem Sinne wird das Konzept bereits von den Klassikern (z. B. Almond und Verba 1965; Campbell et al. 1954) verwendet, auch wenn seine genaue Operationalisierung und Struktur kontrovers diskutiert wurden (immer noch grundlegend dazu: Vetter 1997). Dabei lassen sich grob zwei Dimensionen unterscheiden: internal political efficacy bezeichnet die Selbsteinschätzung der Bürger bezüglich ihrer politischen Kompetenz und Informiertheit, die als eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für politischen Einfluss betrachtet werden kann. External political efficacy hingegen meint die wahrgenommene Offenheit des Systems und der Eliten für die politischen Präferenzen und Meinungsäußerungen der Bürger. Beide Komponenten hängen empirisch zusammen, lassen sich aber analytisch voneinander abgrenzen.

Die ALLBUS-Studie von 2008 enthält zwei bzw. drei Items, die diesen beiden Dimensionen zugeordnet werden können: „Die Politiker kümmern sich nicht viel darum, was Leute wie ich denken“ (V85), „Die Politiker bemühen sich im allgemeinen darum, die Interessen der Bevölkerung zu vertreten“ (V88) sowie „Ich traue mir zu, in einer Gruppe, die sich mit politischen Fragen befasst, eine aktive Rolle zu spielen“ (V86), „Die ganze Politik ist so kompliziert, dass jemand wie ich gar nicht versteht, was vorgeht“ (V87) und „Im allgemeinen weiß ich eher wenig über Politik“ (V89). Für die Antworten war jeweils eine vierstufige Ratingskala mit den Polen „stimme voll zu“, „stimme eher zu“, „stimme eher nicht zu“ und „stimme gar nicht zu“ vorgegeben.

Solche ordinalskalierten Indikatoren sind in der Politikwissenschaft sehr häufig. Während ordinale Variablen mit sieben und mehr Ausprägungen in der Regel so behandelt werden, als seien sie intervallskaliert, lässt sich dies im Falle der dreioder vierstufigen Indikatoren kaum [1] rechtfertigen [2]. Hat man sich deshalb entschlossen, den ordinalen Charakter der Indikatoren bei der Modellierung von Strukturgleichungen ernst zu nehmen, so gibt es verschiedene Strategien, die im folgenden Abschnitt vorgestellt werden. Welche davon tatsächlich zur Verfügung stehen, hängt vom verwendeten Programm ab.

Neben den ordinalskalierten Indikatoren spielen zwei weitere Klassen von kategorialen Variablen in der Politikwissenschaft eine besonders wichtige Rolle: binäre bzw. dichotome Variablen einerseits und multinomiale Variablen andererseits (siehe Kap. 2, Seite 13). Auch die Behandlung dieser Variablentypen wird in diesem Kapitel erläutert.

  • [1] Simulationsstudien deuten darauf hin, dass das Verfahren selbst hier recht robust ist, sofern die Abstände zwischen den Kategorien von den Befragten als ähnlich wahrgenommen werden (Coenders et al. 1997)
  • [2] Für fünfund sechstufige Variablen gibt es keine einheitliche Forschungspraxis
 
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