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11 Ermittlung des Professionalisierungsgrades

11.1 Operationalisierung Professionalisierung

Die mittels Fragebogen und Dokumentenbzw. Website-Analyse erfasste Professionalisierung erstreckt sich – gemäß der in Kapitel 6.4 vorgenommenen Spezifikationen – auf vier Dimensionen, welche durch die im Anschluss aufgeführten Indikatoren messbar gemacht werden:

• Organisationsstruktur

• Personalstruktur

• Primäre Orientierung

• Strategische Partnerschaften

Organisationsstruktur

Ein Indikator der Professionalisierung ist die funktionale Differenzierung, d.h. die Existenz spezifischer Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten. Ausgehend von den Funktionen, die sich aus der Definition von NGOs ableiten lassen, sind das u.a. Advocacy/Lobbying, Kommunikation – differenziert in externe und interne Kommunikation – Fundraising und Projektarbeit.

Ein hoher Grad an organisationsinterner Ausdifferenzierung erfordert ein gewisses Maß an Personal, weshalb die Dimension Organisationsstruktur auch über die Anzahl des Personals gemessen wird. Dabei werden Vollund Teilzeitkräfte berücksichtigt. Um Missverständnissen vorzubeugen, welche Angestellten unter die Bezeichnung „bezahlte Mitarbeiter“ fallen, wird des Weiteren die Zahl der Praktikanten abgefragt. Sie werden wegen der in der Regel kurzen Dauer des Angestelltenverhältnisses nicht als solche aufgefasst und aus der Berechnung ausgeschlossen. Anlässlich des, in Konsequenz der Freiwilligkeit, unklaren Ausmaßes der Betätigung und der schwer einzuschätzenden Kontinuität des Engagements werden Ehrenamtliche ebenfalls nicht mit einberechnet.

Personalstruktur

Weitere wesentliche Professionalisierungsmerkmale sind neben der Etablierung der Hauptamtlichkeit, die große Bedeutung professionell ausgebildeten Personals mit entsprechender Berufserfahrung für die verschiedenen Arbeitsbereiche der jeweiligen NGO. Das relative Verhältnis von Hauptund Ehrenamtlichen ist demnach ein Indikator für den Professionalisierungsgrad; wobei nur Freiwillige und nicht Praktikanten zu den Ehrenamtlichen gezählt werden. Die Bedeutung einer qualifizierten akademischen Ausbildung ausschließlich anhand des Anteils an Mitarbeitern mit einem, für die Kernbereiche der NGO relevanten, universitären Abschluss zu erfassen, kann in Anbetracht des generell gestiegenen Bildungsniveaus zu Fehlinterpretation führen. Das Kriterium wird daher mittels eines weiteren Indikators messbar gemacht: Der Bedeutung, die der universitären Ausbildung für oben spezifizierte Arbeitsbereiche beigemessen wird.

Zugleich ist die Bedeutung einschlägiger Berufserfahrung in den Bereichen Wissenschaft, öffentliche Verwaltung bzw. Partei, Public Relations oder Marketing sowie in Unternehmen oder zivilgesellschaftlichen Organisationen ein Indikator der Professionalisierung. Die Arbeitsfelder werden in Anlehnung an Frantz (2005: 100ff), aber auch mit Referenz auf die Erfordernisse der Expertise und Effizienz, den Stellenwert von Lobbying, die gestiegenen Anforderungen seitens der Öffentlichkeit und die Anmerkungen der im Rahmen des Pretest befragten NGO-Vertreter gewählt. Ferner wäre eine Abfrage der Relevanz einschlägiger Berufserfahrung für die jeweiligen Arbeitsbereiche der NGO ohne Angabe bestimmter Arbeitsfelder zu unspezifisch und wegen des großen Interpretationsspielraums bzw. der divergierenden Konnotationen mit dem Begriff

„einschlägig“ schwer vergleichbar.

Primäre Orientierung

Weiteres Professionalisierungsmerkmal ist die (starke) Advocacy-Orientierung. Die Indikatoren sind: (1) die Existenz eines Büros auf EU-Ebene, (2) Advocacy und Lobbying als spezifischer Arbeitsbereich (siehe Organisationsstruktur), (3) die große Bedeutung eines relevanten Universitätsabschlusses und (4) einschlägiger Berufserfahrung für die Advocacy-Arbeit, (5) die auf Interessenvermittlung, Informationsaustausch oder Bereitstellen von Expertise abzielende Zusammenarbeit mit politischen Akteuren wie EU-Institutionen oder Parteien und (6) die Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Akteuren oder Experten – in Gestalt von Think Tanks oder wissenschaftlichen Institutionen – und Massenmedien zum Zweck der Interessenvermittlung. In Abgrenzung zu „Strategische Partnerschaften“ werden nur zweckgebundene Kooperationen einbezogen.

Strategische Partnerschaften

Netzwerkbildung und strategische Partnerschaften sind entscheidende Faktoren, um die Handlungsund Einflussmöglichkeiten von NGOs zu erhöhen. Professionalisierungsindikatoren sind demnach die Existenz strategischer Partnerschaf ten sowohl mit anderen NGOs oder zivilgesellschaftlichen Akteuren auf EU-, nationaler und lokaler Ebene, als auch mit wissenschaftlichen Institutionen oder Think Tanks und Massenmedien.

 
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